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25/09/2016

Erster Welttourismusgipfel: Koffer packen gegen Armut

Entwicklungspolitik

Erster Welttourismusgipfel: Koffer packen gegen Armut

Tourismus schafft zahlreiche Arbeitsplätze und sorgt somit für Wohlstand.

Statistiken der Welttourismusorganisation zeigen: Tourismus hat den Volkswirtschaften der Urlaunsländer 2014 insgesamt 1,1 Billionen Euro eingebracht. Somit birgt die Urlaubsbranche ein immenses Hilfspotenzial für weniger entwickelte Regionen. EurActiv-Kooperationspartner El País – Planeta Futuro berichtet.

Jeden Tag packen etwa drei Millionen Menschen ihre Koffer und überqueren Staatsgrenzen, um ein anderes Land zu besuchen – im Jahr sind es mehr als eine Milliarde Reisende. Tourismus macht zehn Prozent des weltweiten BIPs und sieben Prozent aller Exporte aus. Darüber hinaus bietet er weltweit jedem Elften einen Arbeitsplatz. Aufgrund der wachsenden Mittelklasse in Entwicklungsländern wird der Sektor erwartungsgemäß noch weiter wachsen.

Die Weltwirtschaft hängt so stark vom Tourismus ab, dass sich letzte Woche die Staats- und Regierungschefs von 107 Ländern erstmalig zum Welttourismusgipfel für die Entwicklung in Peking trafen. Zielsetzung ist es, mithilfe des Wirtschaftszweiges die Armut zu beenden und unter anderem das Umweltbewusstsein zu fördern. „Gut verwalteter Tourismus kann anständige Arbeitsplätze und Bildungschancen schaffen. Außerdem hilft er, die Umwelt und das kulturelle Erbe eines Landes zu wahren – ganz davon abgesehen, dass kulturelles Verständnis gefördert wird“, betonte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in einem Brief, der von seinem Stellvertreter Wu Hongbo laut verlesen wurde.

„Da China lange Zeit nicht weit entwickelt war, konnte es sich kaum einer leisten, zu reisen. Manche waren in ihren abgelegenen Dörfern völlig abgeschnitten. Aber in den letzten Jahren hat sich der Lebensstandard so sehr verbessert, dass jetzt viele Chinesen auf Reisen gehen können. Früher ist Urlaub ein Luxus gewesen – heute gehört er zum Alltag“, so Chinas Premierminister Xi Jinping. Mit 120 Millionen Touristen kamen die meisten Reisenden des letzten Jahres in der Tat aus dem Reich der Mitte. Es wurde nach den USA sogar zum zweitbeliebtesten Reiseziel und landet somit noch vor Frankreich und Spanien.

Die chinesische Regierung ist überzeugt, noch mehr Touristen anlocken zu können, vor allem auch in ländlichen Gegenden. „Viele Chinesen auf dem Land leben noch immer in Armut. Dabei verfügen sie über viele natürliche Ressourcen, die für den Tourismus genutzt werden könnten. Die Reisenden würden wiederum die Wirtschaftslage vor Ort verbessern. Darüber hinaus erweitert der Tourismus ihren Horizont und kann ihre Perspektiven grundlegend verändern“, ergänzt das chinesische Staatsoberhaupt. Aus diesen Gründen wuchs in China die finanzielle Unterstützung für die Branche um 40 Prozent auf etwa 136 Millionen. Im kommenden Jahr werde man 50 Programme zur Ausbildung von Verwaltungspersonal einleiten, verspricht Li Jinzao, Vorsitzender der nationalen Tourismusbehörde. Schwerpunkt sei dabei der Ausbau sprachlicher Fähigkeiten, damit Reisende noch besser empfangen werden können. Sein argentinischer Amtskollege, José Gustavo Santos, plant ebenfalls mehrere landeseigene Projekte, die den Menschen in jenen Regionen helfen sollen, die um ein Zehnfaches weniger entwickelt sind als der Rest Argentiniens.

„Aber wie stellen wir sicher, dass wirklich die lokale Bevölkerung und die Gemeinden vor Ort vom Tourismus profitieren?“, zweifelt Martin Barth, Präsident des Tourismusforums Luzern. Arbeitsplätze würden den Menschen überall entgegenkommen, so die gemeinsame Antwort der Teilnehmenden.

Auch die Unternehmerschaft müsse in weniger entwickelten Gegenden gefördert werden, fordert Ketevan Bochorishvili, Georgiens stellvertretender Wirtschaftsminister. „Es geht nicht darum, dass andere einem eine Stelle besorgen. Es geht darum, selbst Arbeitsplätze zu schaffen“, betont er. Hierzu müssten öffentliche Einrichtungen Anreize für lokale Gemeinden schaffen, eigene Geschäftsideen zu entwickeln.

Über die guten Absichten hinaus sind sich die Staats- und Regierungschefs in einem weiteren Punkt einig: Man den Einfluss, den Tourismus auf die Armutsbekämpfung hat, geschickt koordinieren. Denn nicht überall entstehen tatsächlich gute, stabile Arbeitsplätze. Dem Wirtschaftszweig stehen noch viele Herausforderungen bevor: Die Landbevölkerung dürfe finanziell nicht zu stark vom Tourismus abhängig sein, warnte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) 2011 in einer Studie. Dieser könne nämlich durch Naturkatastrophen, politische Instabilität und Terrorismus unterbrochen werden. So zum Beispiel in Ägypten, wo die Tourismuszahlen nach dem Arabischen Frühling und dem jüngsten, bisher ungeklärten Flugzeugabsturz stark zurückgingen.

„Kein Land der Welt ist völlig sicher. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, wenn etwas passiert“, erklärt Taleb Rifai, Generalsekretär der Welttourismusorganisation. Er ruft die Regierungen dazu auf, ihren Bürgern keine Reisewarnungen auszusprechen. Stattdessen müsse man den Tourismus nutzen, um Verständnis zwischen den Völkern zu schaffen. Diese Logik scheint zumindest nach Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis oder Hurrikanen sinnvoll – vor allem, wenn vom Tourismus abhängige Länder finanziell schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Welttourismusorganisation will weltweit mit den Regierungen zusammenarbeiten, damit Tourismus Teil der einzelnen Krisenstrategien wird. Denn das ist bisher in nur sehr wenigen Ländern der Fall.

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