EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

24/07/2016

Welt ohne Hunger: Müller will neue “Grüne Revolution”

Entwicklungspolitik

Welt ohne Hunger: Müller will neue “Grüne Revolution”

Mit Know-How deutscher Hochschulen und Unternehmen sollen Kleinbauern in Afrika produktiver werden und damit aus der Armut befreit werden, hofft Bundesentwickliungsminister Gerd Müller.

© Thomas Trutschel / photothek

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller will mit Grünen Innovationszentren “Made in Germany” den Welthunger bis 2030 ausradieren. Doch Kritiker warnen: Die großen Profiteure der neuen Sonderinitiative könnten die Falschen sein.

850 Millionen Menschen auf der Welt hungern. Jedes Jahr sterben allein drei Millionen Kinder unter fünf Jahren an dessen Folgen. Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller ist dennoch zuversichtlich, dass die Weltgemeinschaft den Hunger bis 2030 komplett auslöschen kann. Mit genau diesem Ziel startete der CSU-Politiker am Dienstag seine Sonderinitiative “Eine Welt ohne Hunger”.

“Vier von fünf Hungernden leben auf dem Land, viele von ihnen sind Kleinbauern. Wir brauchen einen Strukturwandel, eine grüne Revolution, wir müssen Investitionen in den grünen Sektor stärken”, forderte Müller vor Journalisten in Berlin.

Die “Grüne Revolution” ist ein Reizbegriff in der Debatte um die Hungerbekämpfung. In den 1960er Jahren bewirkte die internationale Gemeinschaft eine Verdoppelung der Nahrungsmittelproduktion – mit verheerenden Folgen für Umwelt und Gesundheit in den Entwicklungsländern. Kritiker bemängeln, dass sich die Ressourcen von verfügbarem Land und Wasser rapide verknappten und besonders Kleinbauern vom Kuchen der Revolution zu wenig abbekamen.

Müllers Ministerium will nun die jährlichen Ausgaben in den Bereichen ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung von knapp einer Milliarden Euro auf 1,4 Millarden aufstocken, unter anderem um in den Entwicklungsländern sogenannte Grüne Innovationszentren in der Agrar- und Erna?hrungswirtschaft (GIAE) auf den Weg zu bringen.

“Grüne Innovationszentren”

In Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft, der Forschung und NGOs sollen die Kleinbauern rentabler werden und ihre Produktion steigern. Sie sollen effizientere Anbautechniken erlernen, mit modernen Maschinen umgehen können, Pestizide gezielter einsetzen und ihre Produkte besser transportieren und vermarkten können, so Müller.

Nach dem derzeitigen Stand sind insgesamt 13 Zentren geplant, sie sollen bereits in den kommenden Wochen ihre Pforten öffnen. Der Schwerpunkt liegt auf Afrika. Die Liste umfasst die Länder Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Ghana, Kamerun, Kenia, Malawi, Mali, Nigeria, Sambia, Togo und Tunesien. Daneben ist ein Zentrum in Indien geplant.

Oxfam: “An den Köpfen der Kleinbauern vorbei”

Die Hilfsorganisation Oxfam lehnte wie viele deutsche NGOs eine Beteiligung bisher ab. Der Grund: Die Innovationszentren seien an den Köpfen der Kleinbauern hinweg geplant worden: “Das Ministerium plant fröhlich von oben nach unten, ohne die Menschen einzubeziehen, denen das Ganze am Ende helfen soll. Dies hat sich schon in der Vergangenheit als unwirksam erwiesen. Es ist frappierend, dass Projekte immer noch ohne die Zielgruppen entwickelt werden”, so Oxfam-Agrarexpertin Marita Wiggerthale.

Müllers Ansatz der “Grünen Revolution”, also durch eine input-orientierte Landwirtschaft mehr Nahrungsmittel zu produzieren, um so wiederum den Hunger zu reduzieren, greift laut Wiggerthale nicht nur zu kurz, sondern ist schlicht falsch. “Ungerechte Verteilung von Land und mangelnde Einkommen stellen eine viel gro?ßere Herausforderung dar als die Steigerung der Produktion”, so Wiggerthale.

Die Innovationszentren sollten vielmehr das Wissen und die Innovationen von Kleinbauern im Bereich grüner, nachhaltiger Produktionsmethoden fördern und die die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft stärken. “Wir müssen das produktivistische, ertragsfixierte Denken überwinden und stärker die Qualität von Entwicklungshilfe in den Blick nehmen, um Einkommen, Jobs und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft zu verbessern”, sagt Wiggerthale.

Neue Absatzmöglichkeiten für Konzerne?

Deutschen Unternehmen wurde bisher in acht von dreizehn Innovationszentren ein Kooperations-Portfolio angeboten, darunter Bayer und BASF. Die Firmen können ihre Wissen einbringen, aber auch Saatgut und moderne Maschinen an den Mann bringen. Das Interesse der Unternehmen sei außerordentlich groß, berichteten Anwesende eines Vernetzungstreffens zu den Innovationszentren.

Für den Grünen Entwicklungsexperten im Bundestag, Uwe Kekeritz, liegt genau hier das Problem: Die Bundesregierung betreibe mit Steuergeldern Auslandsförderung für deutsche Unternehmen auf Kosten der Ärmsten. Die Innovationszentren förderten indirekt den Absatz von Agrartechnik, Saatgut und Düngemitteln, so Kekeritz. Hybrid-Mais und Dünger für die Bauern schafften dabei Abhängigkeiten und hätten bis heute zu keiner wirklichen Verbesserung der Lebensbedingungen geführt.

Kekeritz: “Reiner Etikettenschwindel”

“Der Begriff ‘Grünes Innovatioinszentrum’ ist reiner Etikettenschwindel. Von Innovation kann hier nicht die Rede sein”, so Kekeritz. Statt Hilfsprogrammen für die deutsche Agrarindustrie fordert der Parlamentarier eine an die lokalen Gegebenheiten angepasste, ökologisch nachhaltige Landwirtschaft, die keine neuen Abhängigkeiten schafft.

Der Linke Bundestagsabgeordnete Niema Movassat fordert außerdem einen gesicherten Zugang der Kleinbauern zu Land und geschützte Absatzmärkte. die nicht von europäischen Dumpingwaren überschwemmt werden, meint Movassat. “Minister Müller muss schnell Umdenken. Sonst wird er sein Ziel, eine Welt ohne Hunger aufzubauen, verfehlen.”

Weitere Informationen

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): Themenportal ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung.

Oxfam: Faktencheck: Die Sonderinitiative "Eine Welt ohne Hunger" des BMZ (24. März 2015)