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27/09/2016

Vor Dakar-Gipfel: Senegalesische Hilfsprojekte bitten um weitere EU-Gelder

Entwicklungspolitik

Vor Dakar-Gipfel: Senegalesische Hilfsprojekte bitten um weitere EU-Gelder

Ehemalige Straßenkinder werden zu Elektrikern ausgebildet. Projekt Village Pilote am Lake Rose, Senegal.

Matt Tempest

Während sich die Brüsseler Vertreter auf den Weg zum heutigen Dakar-Gipfel in Senegals Hauptstadt machen, bitten senegalesische Jugendhilfsprojekte, die EU-Unterstützung weiterzuführen. EurActiv Brüssel berichtet.

Am 26. April erreichte Neven Mimica, EU-Kommissar für Entwicklung und Zusammenarbeit, in Senegal, wo er mit den Spitzenpolitikern und Ministern der 89 größtenteils armen AKP-Staaten im Rahmen des Dakar-Gipfels zusammenkommen wird. Das treffen findet abwechselnd in Brüssel und der senegalesischen Hauptstadt statt. Auf der Tagesordnung steht die Verlängerung des Cotonou-Abkommens über die Zusammenarbeit in den Bereichen Entwicklung, Politik und Wirtschaft, das in seiner bisherigen Fassung 2020 auslaufen wird. Außerdem zu diskutieren sind der Klimawandel sowie der kontroverse EU-Notfalltreuhandfonds für Afrika. Letzterer soll den zunehmenden Strom illegaler Einwanderer aus Afrika eindämmen, die sich meist über Lybien auf eine gefährliche Seefahrt nach Europa machen.

Im Vorfeld dieses heute anlaufenden Gipfels besuchte EurActiv eine Reihe kleiner EU-Hilfsprojekte in der Hauptstadt und deren Umland. Sie alle erhalten relativ wenig EU-Zuschüsse, um sich um die wachsende Zahl von Straßenkindern zu kümmern. Allein in Dakar leben schätzungsweise bereits mehr als 30.000 obdachlose Kinder. Vor dem Hintergrund der Urbanisierung ist ihre Anzahl rasant gestiegen. Von den zwölf Millionen Einwohnern Senegals leben 47 Prozent in Armut.

Das sonst für seine stabile Demokratie gelobte Land Westafrikas steht jedoch vor einer Flut an Herausforderungen: Das Wirtschaftswachstum schwächelt bei 3,3 Prozent; die Handelsbilanz ist negativ; die Hälfte der Senegalesen sind keine 20 Jahre alt; die Bevölkerung wächst um 2,5 Prozent und es herrscht Massenarbeitslosigkeit. Im landesweiten Durchschnitt bringen Frauen jeweils acht Kinder zu Welt. Hinter dieser Zahl verbirgt sich jedoch ein starkes Gefälle zwischen Frauen auf dem Land (durchschnittlich zehn Kinder) und in der Stadt (durchschnittlich sechs Kinder). Etwa 26 Prozent der Mädchen und jungen Frauen werden Opfer von Genitalverstümmelung, während man Jungen zum Betteln auf die Straße schickt – manchmal sogar mehreren Quellen zufolge im Namen einer der vielen Koranschulen. Die Zahl solche Schulen nimmt immer weiter zu, denn 94 Prozent der Menschen im Land sind Muslime.

Das SADMAD-Programm der Dakar-Region erhält bis Ende 2018 insgesamt 409.905 Euro, um für Ernährungssicherheit zu sorgen. Es hilft Behindertenschulen dabei, eigene Nutzpflanzen anzubauen oder Nahrungsmittel von nahegelegenen lokalen Landwirten oder Familienbetrieben zu beziehen. Kantinenleiter bekommen beigebracht, wie wichtig eine nahrhafte, gesunde und abwechslungsreiche Ernährung ist – zum Beispiel bestehend aus lokal angebauten Erdnüssen, Kartoffeln, lokalem Ingwer, Brot und Obst.

Das Zentrum Talibou Dabo in Dakar gehört zu den insgesamt vier Bildungseinrichtungen der Hauptstadt für behinderte Kinder und Jungendliche. Jene von ihnen, die im Rollstuhl sitzen, profitieren vom SADMAD-Programm, indem sie ihre eigenen Pflanzen und Kräuter großziehen können. In dem Zentrum werden etwa 250 Kinder in sieben Klassen unterrichtet – unterteilt nach körperlicher und geistiger Behinderung. Erbaut 1981, ergattern nach schuleigenen Angabe 30 Prozent der Schüler nach Abschluss eine Vollzeitstelle – die Alternative für viele von ihnen wäre Betteln auf der Straße.

Auch die Louis-Braille-Schule für Blinde ist Teil des SADMAD-Programms. Vor dem Unterrichtsbeginn erhalten hier alle 500 Schüler eine Mahlzeit.  „Gesundes Essen für ein gesundes Gehirn“ ist eines ihrer Mottos. Nicht nur die Kinder mit Behinderung profitieren davon, erklärt der Schulleiter. Immer weniger Schüler brechen vorzeitig ab, denn gut genährte Kinder bleiben eher in der Schule, als den ganzen Tag auf der Straße nach Essen zu suchen.

Vor dem Programm brachten manche Eltern ihre Kinder nicht die ganze Woche, sondern nur dienstags und donnerstags in die Schule, erklärt Abdou Aram, Vorsitzender des senegalesischen Blindenverbandes, im Gespräch mit EurActiv. „Wir sind sehr froh über das Programm und danken der EU für ihre Hilfe. Wir machen uns aber auch Sorgen, dass das Projekt nach 2018 auslaufen könnte. Daher öchten wir die EU bitten, und auch weiterhin zu unterstützen“, betont er.

In der Nähe des Pink Lake, etwa 90 Autominuten von Dakar entfernt, gibt es das Projekt Village Pilot, dass sich um 300 bis 450 Jungen kümmert, die von der Polizei oder lokalen Behörden von der Straße aufgelesen wurden. Hier leben sie in einem Campus nur für Jungen und werden zu Elektrikern oder Tischlern ausgebildet. Die meisten von ihnen sind zwischen fünf und dreizehn, obwohl auch schon junge Erwachsene bis 30 ohne formale Ausbildung im Rahmen des Projekts untergekommen sind. Einige der Kinder seien von lokalen islamischen „Koranschulen“ ausgebeutet worden, so der Exekutivdirektor Loïc Treguy.

Ihm zufolge schicken sie Kinder unter der Androhung von Schlägen auf die Straße zum Betteln. „Es fehlt einfach der Überblick über die religiösen Schulen [des Senegals]. Also gibt es auch schwarze Schafe“, kritisiert er. „Die meisten Jungen sind zwischen sechs und sieben, wenn sie zu uns kommen. Daher ist es schwierig, ihr Familien ausfindig zu machen. Wir müssen mit ihnen sprechen und sie davon überzeugen, herzukommen. […] Zuerst lernen die Jungen hier lesen und schreiben. Für viele ist es das erste mal, dass sie in eine Schule gehen“, so Treguy. Das Programm verfügt über ein Budget von insgesamt 600.000 Euro, läuft jedoch Ende 2018 aus.

Doch zurück nach Dakar: Mehr als 20 ehemalige Straßenjungen zwischen sechs und acht stehen in einer Reihe und üben in der Abendhitze die Selbstdisziplin des Twaekondo. Um sie herum Ziegen und Hühner. 2003 wurde die Bildungskette Empire des Enfants gegründet. Diese Schule hier will sich in den nächsten vier Jahren um 480 Kinder kümmern. Von der EU bekommt sie 527.889 Euro, die ihr bis 2021 zur Verfügung stehen. „Mit dem EU-Geld können wir die Zeit, in der wir sonst Drittmitteln einwerben mussten, frei für die Kinder nutzen“, so die Schulleiterin im Gespräch mit EurActiv. „Hoffentlich können wir die Förderung erhalten und ausbauen, damit wir mehr tun können.“

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