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18/01/2017

Utrecht und León: Zusammenarbeit kennt keine Grenzen

Entwicklungspolitik

Utrecht und León: Zusammenarbeit kennt keine Grenzen

Das gemeinsame Wohnungsbauprojekt im Südosten Leóns

SPECIAL REPORT / Ein attraktives und buntes neues Stadtviertel für 20.000 Einwohner in Nicaraguas zweitgrößter Stadt León ist das Ergebnis einer gemeinsamen Initiative mit Utrecht. Der finanzielle Beitrag der niederländischen Stadt von 500.000 Euro fiel dank des Zusammenspiels mehrerer Fördermechanismen zwanzigmal höher aus. EurActiv Brüssel berichtet.

Die beiden Universitätsstädte Utrecht und León sind bereits seit 1983 Partner. Mit je etwa 250.000 Einwohnern haben sie ungefähr die gleiche Größe. Utrecht hilft der Lokalregierung des nicaraguanischen León unter anderem bei kommunalen Aufgaben, wie dem Wassermanagement, strategischer Stadtplanung, Stadterweiterung, Aufforstung oder der urbanen Mobilität.

Utrecht ist Mitglied von VNG International (der internationalen Zweigstelle des niederländischen Städte- und Gemeindeverbands), Partner von PLATFORMA, dem europäischen Netzwerk lokaler und regionaler Entwicklungsbehörden.

Das bemerkenswerteste Programm begann vor 15 Jahren als Projekt zur Stadterweiterung des südöstlichen Teils Leóns.

Etienne de Jager, Projektmanager der Stadt Utrecht, war erst kürzlich im Rahmen einer Dienstreise in Nicaragua. Er sagte EurActiv, dass es zu jeder Zeit großen Wohnraumbedarf gegeben habe. Ursprünglich hatte man geplant, Häuser für Haushalte mit niedrigem oder mittlerem Einkommen zur Verfügung zu stellen. Hierfür erstand man zunächst eine Landfläche, die Parzellen für etwa 5.000 Häuser ermöglichte. Für die Errichtung der Grundstücke kaufte man nicht nur Land – man entwarf ganze neue Nachbarschaften, baute Straßen und ein Leitsystem für Regenwasser, reservierte bestimmte Bereiche für das öffentliche Leben (Schulen, Krankenhäuser, Parks), schaffte eine Infrastruktur und beteiligte stets die Bevölkerung.

Building an alley in León South EastBuilding an alley in León South East

Ansatzpunkt für das Projekt war der Entwurf nachhaltiger Nachbarschaften auf der Grundlage eines Regenwassermanagementsystems als Leitlinie für die Nutzung des Bodens und der Straßen. Die Frage der Eigentümerschaft spielte im Rahmen der Initiative eine übergeordnete Rolle. Die Bevölkerung selbst nahm an allen Phasen des Programms teil: von der Planung bis hin zur Umsetzung und Instandhaltung.

Vor acht Jahren wurde die Strategie noch ambitionierter, erklärte De Jager. Man entwickelte Pläne für den Bau eines gesamten Stadtbezirks, in dem die Menschen komfortabel und sicher wohnen und das Leben genießen können. Nachhaltigkeit und Umweltschutz hatten dabei oberste Priorität.

Den Wissensaustausch fördern

In Nicaragua zieht man lokale Experten zum Kapazitätsausbau und -management heran. Für den Expertisenaustausch unternimmt das León-Team Studienreisen nach Utrecht. Die Mitglieder der Projektgruppe nahmen an Trainingssitzungen und Studien in Nicaragua und anderen Ländern Mittelamerikas teil, um so auch in diesem geografischen Bereich Wissen zu teilen.

NGOs und internationale Organisationen engagieren sich im Rahmen mehrerer Zusatzprojekte für Latrinen, ein Gemeindehaus, Schulen, Parks und sogar ein Waisenhaus. Lokale Organisationen stellen Kredite bereit, um die Wirtschaft anzukurbeln, oder rufen Sozialprogramme für Kinder, Jugendliche und Frauen ins Leben.

A school in León South EastA school in León South East

Ergebnis all dieser Anstrengungen: Das Viertel bietet nun 20.000 Menschen ein komfortables und sicheres Leben. „Ich kenne kein anderes Projekt solchen Ausmaßes – weder in Nicaragua noch in ganz Mittelamerika“, sagte De Jager. Beide Städte sind sehr stolz auf das Programm. Utrecht ist entschlossen, solange Unterstützung zu leisten, bis es vollkommen unabhängig funktioniert. Das Geld aus dem Verkauf der Häuser floss in einen Rotationsfonds. Aus diesen Mitteln finanziert León den Ankauf weiterer Flächen und entwickelt in einem kontinuierlichen Prozess neue Gebiete.

Befragt nach dem finanziellen Beitrag Utrechts, antwortete De Jager, die niederländische Stadt habe im Laufe der letzten fünf Jahre 100.000 Euro jährlich in die Projekte investiert. Insgesamt ergibt sich so eine Summe von einer halben Million Euro. Das Geld nutzte man hauptsächlich für Straßenbau und Beleuchtung. Auch der Stadtrat Leóns und die Weltbank beteiligten sich.

Auf die Frage hin, wie man einen ganzen Bezirk mit nur so wenig Mitteln aufbauen kann, verwies er auf das Zusammenspiel verschiedener Fördermechanismen. Dank ihnen konnte Utrecht seinen Beitrag verzwanzigfachen.

Der Großteil der Einwohner des neuen Stadtteils kam laut De Jager ursprünglich aus der unteren bis mittleren Einkommensschicht. Nun, da sich das Viertel so stark weiterentwickelt hat, seien auch viele Menschen mit höherem Einkommen zugezogen, zum Beispiel Ärzte oder Anwälte. So konnte der soziale Mix noch vielfältiger werden, betonte er. „Auch der Bürgermeister von León ist sehr zufrieden, weil er den Wohnwünschen der Bevölkerung nachkommen kann“, so De Jager.

Da es keine Slums in León gibt, erklärte man die Stadt zur sichersten in ganz Mittelamerika.

Man könnte sie aber auch als besonders grüne Stadt auszeichnen. Die Stadtverwaltung Leóns hat sich mit dem Utrechter Entwicklungszentrum (Milieucentrum Utrecht) zusammengeschlossen. Gemeinsam tragen sie nun weltweit zu einer gesünderen Umwelt bei, indem sie nahe von Städten Waldbau betreiben.