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04/12/2016

Urbanisierung: Stadt-Land-Verhältnis verlangt nach einem Umdenken

Entwicklungspolitik

Urbanisierung: Stadt-Land-Verhältnis verlangt nach einem Umdenken

Der ländliche Raum gilt auch heute noch allzu oft als das politische Reservat des Bauernstandes. Eigentlich realitätsfremd. Foto: dpa

Bislang zieht es die Weltbevölkerung in die städtischen Regionen. Gerade in Europa wäre aber auch ein Umdenken nötig.

Aufgrund der letzten vorliegenden  Erhebungen über die Bevölkerungstrends (Stand 2012) bilden die städtische Regionen nur ein Zehntel der Landfläche in der EU. In diesen Regionen lebten aber mehr als zwei Fünftel (42,4 Prozent) der Bevölkerung. Mehr als die Hälfte (51,3 Prozent) der EU-Landfläche lagen in Regionen, die als überwiegend ländlich eingestuft werden. In diesen Gebieten lebten aber zum Zeitpunkt der statistischen Auswertung nur ein Fünftel (22,3 Prozent) der EU-Bürger.

Wenngleich der allgemeine Trend in Richtung städtischer Ballungsräume in den letzten Jahren durchaus angehalten hat, sehen Experten aber auch Anzeichen für einen Trendwandel. Sie meinen, dass ein Umdenken angesagt wäre. Dem so genannten ländlichen Raum sollte mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Der Politik sollte daher mehr als nur ein Nachdenkanstoß verordnet werden.

Viele der ländlichen Gebiete in der Europäischen Union sind in den letzten Jahrzehnten in ihrer Kapazität zur Schaffung qualitativ hochwertiger, nachhaltiger Arbeitsplätze hinter den städtischen Gebieten zurückgefallen. Die Einkommen in ländlichen Regionen sind generell niedriger als in kleineren oder größeren Städten, es gibt weniger Beschäftigungsmöglichkeiten und diese fallen in ein engeres Spektrum wirtschaftlicher Tätigkeiten. Diese Unterschiede zwischen Regionen haben in einigen Fällen zu einer Landflucht und zu einer erheblichen Abwanderung der ländlichen Bevölkerung geführt. Diese Meinung zieht sich noch immer durch viele Studien. Tatsächlich hat aber in den letzten Jahren eine Entwicklung eingesetzt, die zeigt, dass der so genannte ländliche Raum zunehmend unter neuen Gesichtspunkten zu sehen ist.

Gleichzeitig wären aber auch die so genannten Volksparteien, die zunehmend unter dem Schwund des Stammwählerpotentials leiden, denen am linken derzeit aber noch mehr am rechten Rand erhebliche Konkurrenz erwachsen ist, gefordert, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen. Mehr noch, hier liegt auch eine gewisse Chance, auf Wanderschaft und Orientierungssuche befindliche Wähler anzusprechen und zu gewinnen.

Der ländliche Raum muss neu definiert werden

Der ländliche Raum gilt auch heute noch – eigentlich realitätsfremd – allzu oft als das politische Reservat des Bauernstandes. Der Bauernstand umfasst heute gerade noch einmal zwei Prozent der Bevölkerung. Parallel mit dem Schrumpfen der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung ist der ländliche Raum zum Vorfeld städtischer Regionen geworden, wächst in den so genannten Speckgürtel hinein, ist Zuzugsgebiet vieler Menschen – und mittlerweile auch von Betrieben. Das hat mehrere Gründe, sei es, dass es interessante Förderungen für Ansiedlungen von Unternehmen gibt, sei es, dass man hier noch preisgünstigen Wohnraum findet, seinen Kindern Aufwachsen in einer gesunden Umgebung bieten kann. Die Mobilität tut das Ihrige dazu, dass man auch bereit ist längere Anfahrtswege zwischen Wohnort und Arbeitsplatz auf sich zu nehmen. Nicht zuletzt ziehen aber auch Betriebe wieder aus den Städten hinaus aufs Land.

Roland Wallner, Vorstand des Vereins „Landluft“, ist einer jener Vordenker, die alte Trampelpfade verlassen und neue gangbare Wege aufzeigen. Seine Schlussfolgerung: Der ländliche Raum muss neu definiert werden, vor allem die unter Identitätskrise leidenden Volksparteien sollten sich um diese Region und ihr Wählerpotential kümmern. Und er verweist im Gespräch mit EurActiv.de auch gleich auf ein Beispiel: Die Bewohner des städtischen wie auch des ländlichen Raums zahlen gleichviel Steuer. Was die Investitionen in die Infrastruktur, den öffentlichen Verkehr betrifft, so bekommen aber die Städter wesentlich mehr zurück. Genau genommen ein Ungleichgewicht, das danach verlangt behoben zu werden.

Politisches Umdenken beim ländlichen Raum wäre daher angesagt, um die neuen Entwicklungen und Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, insbesondere aber auch um von traditionellen Klischeebildern Abschied zu nehmen. Umso mehr als in dieser Region Zuwächse besonders der klassische Mittelstand und damit eine Zielgruppe verzeichnet, die im Fokus der Volksparteien stehen sollte. Eine aktuelle Umfrage macht auf die Anziehungskraft des ländlichen Raums aus einem speziellen Gesichtspunkt, nämlich der Lebensqualität, aufmerksam. Einerseits nimmt der Bevölkerungszuzug in die Städte noch immer zu, andererseits aber wollen gleich 53 Prozent – eine Steigerung um 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr – lieber am Land leben. Da steckt, so Wallner, nicht nur ökonomisches sondern auch politisches Potential drinnen.