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03/12/2016

Unicef: Immer mehr Frauen sind Opfer von Genitalverstümmelung

Entwicklungspolitik

Unicef: Immer mehr Frauen sind Opfer von Genitalverstümmelung

Eine junge Frau in Indonesien. Dort steigt die Zahl der weiblichen Opfer von Genitalverstümmelung laut Unicef.

[ Farhan Perdana (Blek)/Flickr]

Millionen Mädchen werden weltweit jedes Jahr an ihren Genitalien verstümmelt, in einigen Ländern steigen die Zahlen sogar, zeigt ein Bericht von Unicef. Auch in Europa wächst die Praxis weiblicher Genitalverstümmelung, warnt die EU-Komission.

Die Zahlen sind erschütternd – und sie betreffen auch zahlreiche Opfer in Europa: Etwa 200 Millionen Mädchen und junge Frauen sind laut aktuellen Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF von Genitalverstümmelung betroffen. Demnach liegt die geschätzte Zahl der Opfer um 70 Millionen höher als noch 2014 angenommen. Gründe seien das gestiegene Bevölkerungswachstum, aber auch neue Daten aus Indonesien, so Unicef.

Besonders verbreitet ist die Praktik in einigen Regionen Afrikas und des Mittleren Ostens. Oft sind die Mädchen jünger als15 Jahre. Bei der Genitalverstümmelung wird die Klitoris teilweise oder vollständig entfernt – meist ohne Narkose und mit einfachen Hilfsmitteln wie Glasscherben oder Rasierklingen. Die betroffenen Frauen und Mädchen leiden häufig lebenslang unter den Folgen – etwa durch Infektionen, Blutungen und Komplikationen bei der Geburt. Viele sterben daran.

Der Unicef-Bericht listet Daten aus 30 Ländern auf, in denen Genitalverstümmelung praktiziert wird – vorwiegend in muslimisch geprägten Staaten. Die Hälfte der Opfer lebt demnach in Ägypten, Indonesien und Äthiopien. In einigen Ländern wie Mali und der Elfenbeinküste stiegen die Zahlen sogar. In Somalia erleidet das Gros der Frauen (98 Prozent) im Alter von 15 bis 49 diese Praxis.

Sollte sich der aktuelle Trend fortsetzen, werde sich die Zahl der Opfer in den kommenden 15 Jahren weiter stark erhöhen, warnte die stellvertretende Unicef-Geschäftsführerin Geeta Rao Gupta. „Es ist notwendig, das Ausmaß der Genitalverstümmelung zu erfassen, um diese Praxis zu beseitigen,“ sagte sie.

Renate Bähr, Geschäftsführerin der Entwicklungsorganisation „Stiftung Weltbevölkerung“, verwies darauf, wie wichtig Frauenrechte auch bei diesem Thema seien: „Gesetze allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, Mädchen und Frauen gleiche Rechte einzuräumen. Wenn die Menschen in den Gemeinden nicht einsehen, dass die Genitalverstümmelung schwerwiegende Folgen für die Mädchen hat, wird diese grausame Tradition fortgesetzt.“

Eine halbe Million Opfer in Europa

Auch in Europa wächst die Gefahr von weiblicher Genitalverstümmelung, warnt die EU-Kommission. Rund 500.000 Frauen seien dort betroffen. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, Justizkommissarin V?ra Jourova und Entwicklungshilfekommissar Neven Mimica forderten darum stärkere Aufklärung in den lokalen Gemeinschaften, unabhängig von Kultur, Hintergrund oder Geschlecht. „Örtliche Akteure, die öffentlich dieser Praxis eine Absage erteilen, haben einen enormen Einfluss auf ihre eigenen Gemeinschaften“, so die Politiker. Die EU hat dazu eine Studie zur aktuellen Praxis durchgeführt.

Das Parlament hatte mit einer Anfrage die Kommission bereits vergangenes Jahr aufgefordert, die Bekämpfung von Genitalverstümmelung mit einem konkreten Zeitplan engagierter zu betreiben. „Alle sechs Minuten wird eine Frau oder ein kleines Mädchen Opfer von Genitalverstümmelung mit schwerwiegenden gesundheitlichen und psychischen Folgen, einige sterben nach diesem barbarischen Akt“, warnte Gesine Meißner, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP im EU-Parlament. Eine stetig steigende Zahl von Asylanträgen beziehe sich unmittelbar auf diese Bedrohung.

Im Programm Daphne und im Asyl- und Migrationsfonds hat die EU Gelder bereit gestellt. Dieses müsse auch für Schulungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen für den Europäischen Auswärtigen Dienst und für Angehörige einschlägiger Berufe in den Mitgliedstaaten genutzt werden, forderten die Abgeordeten.

Die Uno-Vollversammlung hatte im Dezember 2012 eine Resolution verabschiedet, die ein globales Verbot für Genitalverstümmelungen fordert. In Deutschland ist Genitalverstümmelung seit einem Bundestagsbeschluss von Juni 2013 ein eigener Straftatbestand.