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24/07/2016

UNESCO: Viele Länder haben MDG-Bildungsziele verfehlt

Entwicklungspolitik

UNESCO: Viele Länder haben MDG-Bildungsziele verfehlt

UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova in ihrem Pariser Büro. [Georgi Gotev]

Die Millennium-Entwicklungsziele von 2000 sind von den meisten Ländern verfehlt worden. Nur ein Drittel der Regierungen weltweit hat alle messbaren Bildungsziele erreicht, meldete die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). EurActiv Brüssel berichtet.

Die UNESCO veröffentlichte gestern ihren jährlichen Bildungsbericht Education for All Global Monitoring, den die UN-Agentur seit 15 Jahren zusammenstellt. Darin führen sie Fortschritte und Herausforderungen beim Erreichen der Bildungsanliegen der Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) auf.

Dem neuen Bericht zufolge hat nur die Hälfte der Länder das sichtbarste Ziel der universellen Einschulung in Grundschulen erreicht. Zusätzlich zu den bereits ambitionierten Regierungsbeiträgen werden 22 Milliarden US-Dollar (20 Milliarden Euro) gebraucht, damit die Welt die neuen Bildungsziele für 2030 erreichen kann.

UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova zufolge ist die neue Bildungsagenda aber noch lange nicht fertig.

“Wir müssen spezifische, finanziell gut ausgestattete Strategien sehen, die den Ärmsten – vor allem Mädchen – Vorrang einräumen, die Lernqualität verbessern, und die Alphabetisierungslücke verringern, damit Bildung bedeutend und universell wird”, sagt Bokova.

Der Bericht wurde ein Monat vor dem Weltbildungsforum in Incheon (Südkorea) veröffentlicht. Dieses Forum gilt als entscheidender für die Definition der post-2015-Bildungsziele.

Der Bericht zieht Bilanz und kommt bei den “Bildung für alle (EFA)”-Zielen der MDGs zu folgendem Ergebnis:

  • Ziel 1: Die frühkindliche Bildung soll ausgebaut und verbessert werden, insbesondere für benachteiligte Kinder.

47 Prozent der Länder erreichten dieses Ziel – weitere acht Prozent schafften es beinahe. Zwanzig Prozent waren weit davon entfernt, das Ziel zu erreichen. Doch zwischen 1999 und 2012 stieg der Anteil der Kinder, die für frühkindliche Bildung angemeldet waren, um zwei Drittel.

  • Ziel 2: Bis 2015 sollen alle Kinder – insbesondere Mädchen, Kinder in schwierigen Lebensumständen und Kinder, die zu ethnischen Minderheiten gehören – Zugang zu unentgeltlicher, obligatorischer und qualitativ hochwertiger Grundschulbildung erhalten und diese auch abschließen.

52 Prozent der Länder erreichten dieses Ziel; zehn Prozent schafften es beinahe und die verbleibenden 38 Prozent sind weit oder sehr weit davon entfernt, es zu erreichen. Beinahe 100 Millionen Kinder werden die Grundschulausbildung 2015 nicht beenden. Mangelnde Konzentration auf die Kinder in schwierigen Lebensumständen führte dazu, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Ärmsten die Grundschule abschließen fünf Mal geringer ist als die der Reichsten. Ein Drittel aller Kinder, die nicht zur Schule gehen, lebt in Konfliktgebieten.

  • Ziel 3: Die Lernbedürfnisse von Jugendlichen und Erwachsenen sollen durch Zugang zu Lernangeboten und Training von Basisqualifikationen (life skills) abgesichert werden.

46 Prozent der Länder erreichten eine universelle Anmeldung zur Sekundarunterstufe. Weltweit erhöhte sich die Zahl um 27 Prozent. In Subsahara-Afrika stieg sie um mehr als das Doppelte. Dennoch wird ein Drittel aller Jugendlichen in Ländern mit niedrigem Einkommen die Sekundarunterstufe 2015 nicht beenden.

  • Ziel 4: Die Analphabetenrate unter Erwachsenen, besonders unter Frauen, soll bis 2015 um 50 Prozent reduziert werden.

Nur 25 Prozent der Länder erreichten dieses Ziel; 32 Prozent sind sehr weit davon entfernt. Weltweit sank die Analphabetenrate unter Erwachsenen von 18 Prozent 2000 auf 14 Prozent 2015. Doch dieser Fortschritt geht fast vollständig auf gebildetere junge Menschen zurück, die das Erwachsenenalter erreichen. Frauen machen weiterhin beinahe zwei Drittel der Analphabeten unter der erwachsenen Bevölkerung aus. Die Hälfte aller Frauen in Subsahara-Afrika hat keine grundlegenden Lese- und Schreibkenntnisse.

  • Ziel 5: Bis 2005 soll das Geschlechtergefälle in der Primar- und Sekundarbildung überwunden werden. Bis 2015 soll Gleichberechtigung der Geschlechter im gesamten Bildungsbereich erreicht werden, wobei ein Schwerpunkt auf der Verbesserung der Lernchancen für Mädchen liegen muss.

Die Geschlechtergleichstellung wird bei der Primarbildung 2015 von 69 Prozent der Länder erreicht werden. Auf der Sekundarstufe werden nur 48 Prozent der Länder das Ziel erreichen. Kinderehen und eine frühe Schwangerschaft behindern weiterhin den Fortschritt der Mädchen bei der Bildung. Auch bedarf es einer Reform des Lehrplans.

  • Ziel 6: Die Qualität von Bildung muss verbessert werden.

Die Zahl der Schüler, auf die ein Lehrer kommt, sank zwischen 1990 und 2012 in 121 von 146 Ländern auf der Grundschulebene. Dennoch braucht es vier Millionen zusätzliche Lehrer, um alle Kinder in die Schule zu bekommen. Ausgebildete Lehrer sind in einem Drittel der Länder Mangelware; in einigen Ländern Subsahara-Afrikas sind weniger als 50 Prozent ausgebildet. Doch seit 2000 wird mehr Wert auf die Bildungsqualität gelegt; die Zahl der Länder, die nationale Bildungsbewertungen durchführen, hat sich verdoppelt.

Finanzierung und politischer Wille

Dem Bericht zufolge erhöhten viele Regierungen ihre Bildungsausgaben seit 2000 signifikant. Darunter sind 38 Länder, die ihre Ausgaben um ein Prozent oder mehr ihres Bruttosozialprodukts erhöhten. Dennoch bleibt die Finanzierung auf allen Ebenen ein großes Hindernis.

Sollte es keine gezielten Maßnahmen geben, würden Millionen Kinder weiterhin zu kurz kommen und die transformative Vision der neuen Agenda für nachhaltige Entwicklung wäre in Gefahr, so die Einschätzung des Direktors für den UNESCO-Global Monitoring Report, Aaron Benavot.

Der Global Monitoring Report stellt folgende Empfehlungen aus:

Die EFA-Agenda abschließen: Die Regierungen sollten mindestens ein Jahr Vorschulbildung vorschreiben. Bildung muss für alle Kinder kostenlos sein: Gebühren für den Unterricht, Bücher, Schuluniformen und den Transport müssen abgeschafft werden. Die politischen Entscheidungsträger sollten Kenntnisse ermitteln und priorisieren, die bis zum Ende jeder Schulphase erlangt werden müssen. Die Alphabetisierungspolitik sollte mit den Bedürfnissen der Gemeinschaften verknüpft werden. Die Ausbildung der Lehrer sollte verbessert werden und geschlechtsspezifische Strategien enthalten. Der Unterrichtsstil sollte die Bedürfnisse der Schüler und die Diversität der Klassenzimmer besser widerspiegeln.

Gerechtigkeit: Regierungen, Geber und die Zivilgesellschaft müssen Programme entwickeln und die Finanzierung so gestalten, dass sie die Bedürfnisse der am meisten benachteiligten Gruppen erreichen und kein Kind zurückgelassen wird. Die Regierungen sollten Datenlücken schließen, damit sie Ressourcen an die Menschen weitergeben können, die sie brauchen.

Post-2015: Zukünftige Bildungsziele müssen zielgerichtet, relevant und realistisch sein. Nach derzeitigem Stand wird 2030 voraussichtlich nur die Hälfte aller Kinder in Ländern mit niedrigem Einkommen die Sekundarunterstufe abschließen. In vielen Ländern wird ohne gezielte Anstrengungen sogar das Hauptziel einer universellen Grundschulbildung außer Reichweite bleiben.

Die Finanzierungslücke schließen: Die internationale Gemeinschaft muss in Partnerschaft mit den Ländern die Mittel finden, die jährliche Finanzierungslücke in Höhe von 22 Milliarden US-Dollar (20 Milliarden Euro) für hochwertige Vorschulbildung und grundlegende Bildung zu überbrücken. Es müssen klare Finanzierungsziele für die Bildung innerhalb der Ziele zur nachhaltigen Entwicklung eingesetzt werden, wo es derzeit noch keine gibt.

Hintergrund

Im Jahr 2000 verständigte sich die internationale Gemeinschaft auf acht spezifische Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) zur Reduzierung der weltweiten Armut. Sie sollten bis 2015 erreicht werden. Sie decken folgende Bereiche ab: Armut und Hunger, Bildung, Geschlechtergleichstellung, Gesundheit, Umwelt und eine globale Partnerschaft für Entwicklung.

Die EU fördert aktiv den Zugang zu hochwertiger, grundlegender Bildung für alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen.

Im vergangenen Jahrzehnt konnten dank der EU-Gelder:

  • 13,7 Millionen neue Schüler in der Grundschule angemeldet werden
  • 1,2 Millionen Grundschullehrer ausgebildet werden
  • 37.000 Schulen gebaut oder renoviert werden
  • 300.000 neue Schülerinnen auf weiterführenden Schulen angemeldet werden.

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