Spanien will Zugang zu sauberem Wasser und sanitäre Anlagen als zentrale Entwicklungsziele

Spanien will den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu einem zentralen Element der Nachhaltigkeitsziele machen.

This article is part of our special report Auf dem Weg zu Nachhaltigen Entwicklungszielen.

Spanien hat wegen der Finanzkrise drastische Kürzungen im Entwicklungshilfebudget vorgenommen. Dennoch setzt sich das Land dafür ein, dass die internationale Gemeinschaft die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) erreicht. Insbesondere pocht Madrid aber auf sauberes Wasser und sanitäre Anlagen als zentrale Elemente der neuen Nachhaltigkeitsziele (SDGs). EURACTIV Spanien berichtet.

Spanien will die Themen Wasser und sanitäre Anlagen bei den Debatten rund um die Post-2015-Agenda in den Vordergrund rücken. Die westlichen Gesellschaften betrachten diese Dienstleistungen als Selbstverständlichkeit. Doch für Milliarden Menschen sind sie immer noch ein Luxus.

Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) haben 2,5 Milliarden immer noch keinen Zugang zu angemessenen Sanitäranlagen wie Toiletten oder Latrinen. Rund elf Prozent der Weltbevölkerung, 780 Millionen Menschen, haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Das habe fatale Konsequenzen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung und verletze die Menschenwürde, warnen Experten. Außerdem habe es negative Folgen für die Umwelt.

Spanien spielt eine wichtige Rolle in diesem Bereich. Ein Instrument ist dafür entscheidend: Der 2007 gegründete Kooperationsfonds für Wasser und Sanitärmaßnahmen für Lateinamerika und die Karibik (FCAS). Dieser Fonds konzentriert sich im Wesentlichen auf die ländlichen Gebiete und die städtische Peripherie. In diesen Gegenden ist der Zugang zu sauberem Wasser schlechter.

Ein wichtiger Akteur im Bereich Wasser und Sanitärmaßnahmen

Seit seiner Entstehung förderte der Fonds mehr als 66 Programme in 19 Ländern. Insgesamt flossen in der Region Investitionen in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro. Voraussichtlich drei Millionen Menschen werden vom FCAS profitieren. Doch der Fonds hat weitaus größere Auswirkungen. Investitionen in Wasser und sanitäre Anlagen sind entscheidend für den Fortschritt in Bildung, Gesundheit und bei der Geschlechtergleichberechtigung.

Lateinamerika hat die meisten der Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) erreicht, die am Jahresende auslaufen. Doch der Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen bleibt eine Herausforderung. Einer Studie der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik zufolge haben 60 Prozent der Bevölkerung in der Region nicht den ganzen Tag vollständigen Zugang zur Wasserversorgung. Die Hälfte der Bevölkerung hat unzureichende Trinkwasseranlagen. Diese Menschen können ihre Häuser nicht an das öffentliche Netzwerk für sauberes Wasser anschließen. Nur 30 Prozent des Abwassers werden in der Region ausreichend behandelt.

Investitionen in diesen Sektor seien entscheidend und könnten auch für die EU langfristig positive Auswirkungen haben, sagte Fernando Frutuoso de Melo, Generaldirektor der Generaldirektion Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung (DEVCO) in der Kommission.

„Wenn es Ihnen ernst mit Dingen wie dem Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen, Demographie, Migration und Klimawandel ist, neben anderen SDG-Herausforderungen, muss man akzeptieren, dass gewaltige Investitionen benötigt werden. Weil alle von uns letztlich nur ein besseres Leben haben können, wenn alle außerhalb Europas ein besseres Leben haben. Die Europäer begreifen das. In die Entwicklung zu investieren, bedeutet auch in uns zu investieren“, so De Melo.

Die vorgeschlagenen SDGs bestehen aus 17 Zielen und 169 untergeordneten Zielen. Sie sind die Leitlinien für die Prioritäten der internationalen Entwicklung und Zusammenarbeit bis 2030.

Ko-Finanzierung: Katalysator für die SDGs?

„Die Ko-Finanzierung (öffentlich-privat) in den Sektor Wasser und sanitäre Anlagen kann ein Katalysator für die neuen SDGs sein. Wir müssen strategische Allianzen unter den Regierungen, der Zivilgesellschaft, dem Privatsektor und den Gebern aufbauen, weil sauberes Wasser kein lokales Problem mehr ist, es ist universell“, sagte De Melo.

Um die Nachhaltigkeit der zukünftigen SDGs zu gewährleisten, sei es unerlässlich, ein gutes System für das Monitoring und die Verantwortlichkeiten zu haben, damit alle ihre Verpflichtungen berücksichtigen, meinte der portugiesische Kommissionsbeamte. Er sprach bei einer Konferenz über Wasser und sanitäre Anlagen, die am Montag in Madrid stattfand.

Für einen verbesserten Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen nach 2015 sei die Bildung strategischerer Allianzen notwendig, warnten Experten. Zukünftige Projekte in diesem Sektor sollten auch ein richtiges Nachbereitungssystem haben – mit vollständiger technischer Unterstützung.

Im Zusammenhang mit den SDGs sollten neue Projekte im Bereich Wasser und sanitäre Anlagen eine „Hebelwirkung“ entfalten, für andere Geberquellen. Gemeinsame Regeln und ein beständiger Rechtsrahmen werden benötigt, um die Transparenz, die Leistungsfähigkeit und Effizienz zu erhöhen.

Bolivien ist nicht überzeugt

Der bolivianische Entwicklungsminister René Orellana zweifelte im Gespräch mit EURACTIV Spanien erheblich an der Finanzierung der SDGs. Die internationale Gemeinschaft wird dieses Problem bei der nächsten Entwicklungskonferenz in der äthiopischen Hauptstadt Addis-Abeba im Juli behandeln.

„Natürlich betrachten wir die SDGs als große Chance für die Zukunft, aber gleichzeitig stellen sie eine gewaltige Herausforderung dar. Woher werden die ganzen öffentlichen Ressourcen kommen? Niemand hat bis jetzt eine klare Antwort darauf“, sagte Orellana. Bolivien ist ein Prioritätsland der spanischen Entwicklungszusammenarbeit.

Niemand solle „ein Geschäft aus Entwicklung machen“, sagte der Minister als er zur Rolle des Privatsektors in Entwicklung gefragt wurde. „Bitte privatisieren Sie nicht, machen Sie kein Geschäft aus Menschenrechten wie dem Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen“, so Orellana.

Bolivien ist ein gutes Beispiel für Projekte zu Wasser und sanitären Einrichtungen, die unter dem Dach der spanischen Entwicklungszusammenarbeit durchgeführt werden. 89 ländliche Gemeinden setzen ein Projekt für den Zugang zu sauberem Wasser, zu sanitären Anlagen und zur Ermächtigung der Gemeinschaften im ländlichen Bolivien bereits um. Das Projekt war für den Zeitraum 2010 bis 2014 angelegt. Etwas mehr als 22.000 Menschen profitieren davon.

Wasser, sanitäre Anlagen und UN-Ziele

Wasser und sanitäre Anlagen sind Ziel Nummer zehn der übergeordneten Zielstellung der MDGs. Bis zum Jahresende soll der Anteil der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und grundlegenden sanitären Anlagen halbiert werden.

Wasser, sanitäre Anlagen und die Gesundheit sind auch direkt miteinander verbunden. Einige MDGs weisen auf diese Herausforderung hin: Ziel Nummer vier ist die Verringerung der Kindersterblichkeit, Ziel Nummer fünf ist die Verbesserung der Gesundheit der Mütter, Ziel Nummer sechs ist es, HIV/Aids, Malaria und andere übertragbare Krankheiten bekämpfen

„Wasser ist ein Schlüsselfaktor, ein wesentlicher Pfeiler der spanischen Zusammenarbeit“, sagte Gonzalo Robles, der spanische Generalsekretär für Internationale Zusammenarbeit. „Ohne die Wasserpolitik könnten viele Mädchen auf der Welt nicht in der Schule sein.“ Spanien will Wasser und sanitäre Anlagen deshalb zusammen mit anderen Themenbereichen in das Zentrum der internationalen Diskussionen um die zukünftigen SDGs stellen.

Strategische Allianzen für die Zeit nach 2015

Wie dringend notwendig eine umfassende Wasserpolitik ist, zeigt das Beispiel des zentralamerikanischen Landes El Salvador.

Bei der Konferenz in Madrid betonte die salvadorianische Umweltministerin Lina Pohl die Wichtigkeit für Schaffung von strategischen Allianzen. Damit sollen Wasser und sanitäre Anlagen „eine nachhaltige Ressource“ im Rahmen der SDGs werden. “Wir müssen unsere Anstrengungen auf das Wassermanagement, eine bessere Planung und angemessene Infrastrukturen konzentrieren“, sagte sie. Man müsse öffentlich-private Allianzen eine Zusammenführung ermöglichen und die Wirksamkeit vergrößern.

El Salvador brauche dringend einen Aktionsplan, um die „kritische Situation“ bei sauberem Wasser und den sanitären Anlagen zu überwinden, so Pohl. „Keiner unserer Flüsse hat eine gute Wasserqualität. Die Situation ist kritisch.“

Hintergrund

Fehlende Investitionen in Wasser, Hygiene und sanitäre Anlagen sowie Regierungsversagen bei der Planung landesweiter Programme hält die Entwicklung laut dem UN water global analysis and assessment of sanitation and drinking water report auf.

Diese Studie stützt sich auf Daten aus 94 Ländern und von 23 Hilfsagenturen. Demnach nutzen rund 1,8 Milliarden Menschen verunreinigtes Wasser als Trinkwasser. Eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu Toiletten. Neun von zehn Menschen, die mit diesen Zuständen leben müssen, leben in ländlichen Gebieten

Die Ziele für Wasser und sanitäre Anlagen haben nur wenig Aufmerksamkeit der internationalen Geber. Sie geben ihr Geld für andere Millenniumsentwicklungsziele aus.

Dem Bericht zufolge haben aber auch mehr zwei Milliarden Menschen in vergangenen 25 Jahren Zugang zu sauberem Wasser bekommen. Die Zahl der Kinder, die an Durchfallerkrankungen im Zusammenhang mit schmutzigem Wasser starben, ging demnach von 1,5 Millionen 1990 auf rund 600.000 2012 zurück.

Zeitstrahl

  • 13-16 Juli: Dritte Konferenz zur Finanzierung von Entwicklungshilfe in Addis Abeba
  • 25.-27. September: Gipfel der Vereinten Nationen in New York zur Verabschiedung der Nachhaltigkeitsziele
  • 30. November-11. Dezember: 21. UN-Klimakonferenz in Paris

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