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28/08/2016

Silberhorn: “Im globalen Dorf hilft fairer Konsum auch uns selbst”

Entwicklungspolitik

Silberhorn: “Im globalen Dorf hilft fairer Konsum auch uns selbst”

Eine Textilfabrik in der Türkei: Von besseren Arbeitsbedingungen profitieren auch die Menschen in der EU.

© Travel Aficionado (CC BY-NC 2.0)

Deutschland und die EU-Kommission haben in Berlin das Europäische Jahr für Entwicklung offiziell eröffnet und bekräftigt, dass in der globalisierten Zeit auch die Industrieländer von guten Lebensbedingungen im Rest der Welt profitieren. Ein Thema kam besonders zur Sprache: Der faire und nachhaltige Konsum.

Deutschlands Parlamentarischer Staatssekretär für Entwicklungszusammenarbeit, Thomas Silberhorn, hat die Industrieländer dazu aufgerufen, mehr Verantwortung für den Rest der Welt zu übernehmen.

“Wir rücken zusammen, leben in einem globalen Dorf. Darum bestimmt etwa unser Konsumverhalten mit über die Lebensbedingungen derer, die unsere Waren produzieren”, sagte Silberhorn während der Eröffnungsveranstaltung des Europäischen Entwicklungsjahres 2015 in Berlin.

2015 wird wichtiges Jahr

Das Motto des Entwicklungsjahres ruft deutlich alle Bürger auf, mitzumachen: “Unsere Welt, unsere Würde, unsere Zukunft”.

Das der Entwicklung gewidmete Jahr 2015 war vom EU-Parlament und dem Rat beschlossen worden und fällt mit weiteren großen Ereignissen zusammen. Im Juni lädt die Bundesregierung zum G7-Gipfel. Im September wollen sich die Vereinten Nationen dann auf neue Millenniumsentwicklungsziele für die Zeit nach 2015 – die Post-MDGs – einigen.

Deutschlands Entwicklungsminister Gerd Müller hatte schon bei einem Treffen mit dem zuständigen EU-Kommissar Neven Mimica vergangenen November deutlich gemacht, dass 2015 Anlass sein müsse, “die europäische Entwicklungspolitik besser zu koordinieren.”

“Wir dürfen nicht bei Empörung stehenbleiben”

Dies bekräftigte nun auch Silberhorn. Dabei, so unterstrich er, müsse es auch um das Thema nachhaltiger Konsum gehen.

Mit Blick auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Textilfabriken etwa in Bangladesch und Indien sagte Silberhorn: “Wir dürfen nicht bei Empörung stehenbleiben.” Unternehmen sowie Konsumenten müssten dafür sensibilisiert werden, verantwortlicher einzukaufen. Die derzeitige Flüchtlingskatastrophe mache deutlich, dass schlechte Lebensbedingungen letztlich auch uns selbst treffen, so Silberhorn.

Deutschland will in der kommenden Woche eine Handy-App vorstellen, mit der Verbraucher schon im Geschäft überprüfen können, nach welchen Kriterien ein Kleidungsstück produziert wurde. Die Idee ist eine Fortsetzung des Textil-Bündnisses, das zur Schaffung eines Siegels für nachhaltig produzierte Mode geschaffen wurde.

Menschen sollen Sinn von Entwicklungszusammenarbeit verstehen

Auch Marcus Cornaro, stellvertretender Generaldirektor für Entwicklung bei der EU-Kommission, hob bei dem Treffen in Berlin hervor, dass nicht die Politik allein sich für Entwicklungszusammenarbeit einsetzen dürfe. “Ein partizipativer Ansatz ist wichtig”, mahnte Cornaro. Privatwirtschaft, Universitäten und Stiftungen müssten miteinbezogen werden, um Entwicklungszusammenarbeit zu fördern und ihren Sinn den Menschen näher zubringen.

“Entwicklung war schließlich noch nie so wichtig wie heute”, sagte Cornaro. Denn die Wurzeln für illegale Einwanderung und Terrorismus – “Themen die uns alle betreffen” – seien letztlich oft in Armut und Ungleichheit verborgen.

Projekte für Nachhaltigkeit sind nur europaweit sinnvoll

Arne Lietz, Mitglied des Entwicklungsausschusses im EU-Parlament, lobte Initiativen wie das Textil-Bündnis, verwies aber auch darauf, dass solche Projekte nur europaweit sinnvoll seien.

Unterstützt wurde Lietz von Gabriele Bischoff vom Verein Europäische Bewegung Deutschland. “Es gibt quasi keine rein deutschen Unternehmen mehr”, sagte Bischoff. Darum müsse europäisch und global gedacht werden, wenn es darum geht, Unternehmen zur Beachtung fairer Arbeitsbedingungen im Ausland zu verpflichten.

Diesbezüglich sei zuerst ein Umdenken nötig, mahnte Christa Randzio-Plath vom Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO). Nach Katastrophen wie dem Einsturz von Textilfabriken in Bangladesch dürfe es nicht bei einem kurzen Aufschrei bleiben, der dann ohne langfristige Veränderungen versiecht, so Randzio-Plath. Die Information der Zivilgesellschaft sei unerlässlich, um die Menschen langfristig zu sensibilisieren.

Noch viele konkrete Konzepte nötig

Auch Deutschland hat diesbezüglich noch viel zu tun.

Vor dem Entwicklungs-Jahr 2015 hatte Bundesentwicklungsminister Müller gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zwar bereits die “Zukunftscharta” präsentiert – einen 8-Punkte-Plan, der ein Wegweiser zu einer friedlicheren, nachhaltigeren und wohlhabenderen Welt sein soll.

Das Dokument fordert sowohl die Politik und die Unternehmen, als auch die Bürger zum Umdenken auf, formuliert aber bislang noch keine konkreten Vorgehensweisen.

Zu einer Maßnahme hat sich Deutschland jedoch schon verpflichtet: Die finanziellen Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit sollen erhöht werden, um das international vereinbarte Ziel von 0,7 Prozent (ODA-Quote) zu erreichen.

Die ODA-Quote hatte Ende des vergangenen Jahres für viel Empörung bei NGOs gesorgt. Denn mit ihr hatten sich die EU-Länder zu Anfang des Jahrhundert das Ziel gesetzt, bis 2015 die Entwicklungshilfefinanzierung auf 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens (BNE) anzuheben. Deutschland aber erreichte 2013 nur 0,38 Prozent und lag damit europaweit an zwölfter Stelle.  

Zeitstrahl

Das Gipfeljahr 2015:

14.-18. März: UN-Weltkonferenz über die Reduzierung von Katastrophenrisiken, Sendai City (Japan)

19.-22. Mai: Weltbildungsforum 2015, Incheon (Südkorea)

7.-8. Juni: G7-Gipfel, Schloss Elmau (Deutschland)

13.-16. Juli: 3. UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung, Addis Abeba (Äthiopien)

21.-23. September: UN-Gipfel zur Post-2015-Entwicklungsagenda, New York (USA)

30. November-11. Dezember: Welt-Klimakonferenz, Paris (Frankreich)

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