Schluss mit Kohle: Allianz will „Klimakillern“ kein Geld mehr geben

Die Allianz, Europas größter Versicherer, will künftig nicht mehr in Kohle investieren. [Tennessee Valley Authority/Flickr]

Kurz vor der UN-Klimakonferenz in Paris gibt die Allianz-Versicherung bekannt, ihre umstrittene Finanzierung für Kohlekraft-Projekte einzu – sowohl in Deutschland als auch in Entwicklungsländern, wo die Kohlefinanzierung auch verheerende soziale Folgen mit sich bringt. Doch mit ihrer Entscheidung verfolgt die Allianz primär ökonomische Ziele.

Der neue Allianz-Chef Oliver Bäte setzt pünktlich zum Weltklimagipfel in Paris ein Zeichen: Europas größter Versicherer will künftig nicht mehr in Kohle investieren. Die Allianz, einer der größten Vermögensverwalter der Welt, kündigte den Schritt am Dienstag anlässlich der Präsentation ihrer neuen Strategie an. Der Konzern wird demnach kein Geld mehr in Unternehmen stecken, wenn sie mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes oder ihrer Energieerzeugung aus Kohle erzielen. Das dürfte auch handfeste ökonomische Gründe haben. Unter den Großanlegern in Deutschland ist das trotzdem ein Novum: Große Fondsgesellschaften wie Union Investment und Deka sowie die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank planen nach eigenen Angaben nicht, den sogenannten „Klimakillern“ generell das Vertrauen zu entziehen.

Die UN-Klimakonferenz COP21 beginnt am kommenden Montag in Paris. Die führenden westlichen Industrieländer (G7) wollen das Ende des Kohlezeitalters einläuten und die Klimaerwärmung auf maximal zwei Grad begrenzen. Umweltschützer fordern schon länger, große Investoren müssten ihre Marktmacht besser nutzen und das Geld stärker nach sozialen und ökologischen Maßstäben investieren. Etwa in Ländern Südostasiens sorge die Kohle-Expansion nicht nur für eine Beschleunigung des Klimawandels und eine Beeinträchtigung der Menschenrechte für bestimmte Bevölkerungsgruppen, sondern auch negative Folgen für die Gesundheitssysteme.

Die Allianz verwaltet ein Vermögen von 1,7 Billionen Euro, davon fast 1,3 Billionen für Dritte. Nach Schätzungen von Branchenkennern hat der Konzern rund vier Milliarden Euro in Kohlefirmen investiert. Wie das Geld nun abgezogen wird, erläuterte Chefinvestor Andreas Gruber im ZDF-Magazin Frontal 21: „Der Abbau wird über die nächsten sechs Monate per Aktien erfolgen, bei festverzinslichen Anlagen werden wir keine Verkäufe tätigen, aber wir werden unsere bestehenden Investments auslaufen lassen.“

Der neue Vorstandschef Bäte, einst Unternehmensberater bei McKinsey und seit einem halben Jahr am Ruder bei der Allianz, dürfte den Ausstieg aber auch deshalb beschlossen haben, weil die umstrittenen Investments in Energie- und Bergbauunternehmen nicht mehr genug abwerfen. So ist etwa die Bewertung einiger Firmen deutlich gesunken. Zu den größten Kohlendioxid-Produzenten in Europa gehört der Essener Energiekonzern RWE. Seit der Nuklear-Katastrophe im japanischen Fukushima 2011 und dem dadurch ausgelösten Atom-Ausstieg in Deutschland hat die RWE-Aktie mehr als drei Viertel ihres Wertes eingebüßt. Mit einer Marktkapitalisierung von aktuell nur noch etwa 6,2 Milliarden Euro muss der Versorger um seinen Platz im Dax bangen, der seither rund 55 Prozent gestiegen ist. Auch der Konkurrent E.ON, dessen Papiere im selben Zeitraum um gut sechzig Prozent abrutschten, betreibt Kohlekraftwerke – ebenso wie der schwedische Vattenfall-Konzern oder der tschechische Versorger CEZ.

Trotz der öffentlichen Debatte und der mauen Aussichten für den einst boomenden Energiesektor wollen andere Großinvestoren keine Kehrtwende einleiten, sondern von Fall zu Fall entscheiden. Ein Sprecher der Deutschen Bank erklärte: „Die Deutsche Bank unterstützt insgesamt ein ausgewogenes Energiekonzept und berücksichtigt dabei sowohl wirtschaftliche als auch ökologische und soziale Aspekte.“ In der Vermögensverwaltung des Konzerns gibt es einen generellen Ausschluss nur für Firmen, die mit dem Thema Streumunition in Verbindung gebracht werden.

Die genossenschaftliche Fondsgesellschaft Union Investment will das Thema Erneuerbare Energien lieber im Dialog mit den Unternehmen und über das Abstimmungsverhalten auf den Hauptversammlungen vorantreiben, wie Fondsmanager Ingo Speich erläuterte. „Es kann in der Konsequenz auch bis zu einem gezielten Desinvestment führen oder in Ausnahmefällen bis zum Ausschluss aus dem Investmentuniversum. Es ist jedoch unsere Überzeugung, dass eine aktive Einflussnahme nicht durch ein generelles Desinvestment ersetzt werden kann.“ Ähnlich äußerte sich die Deka, das Wertpapierhaus der Sparkassen.