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07/12/2016

Satire in Afrika: LOL für die Meinungsfreiheit!

Entwicklungspolitik

Satire in Afrika: LOL für die Meinungsfreiheit!

Lustig oder boshaft? Als Simbabwes Staatschef Robert Mugabe Anfang Februar stolperte, wurde sein Sturz unter dem Hashtag #MugabeFalls in der Twitter-Gemeinde viral.

Foto: Simon Kaheru @skaheru / Twitter

Einfach hatten es Satiriker in Afrika nie: In vielen Ländern werden sie angeklagt oder bedroht. Dennoch kämpfen immer mehr Komiker mit Charme, Zähigkeit und lautem Lachen für die Meinungsfreiheit – getragen auch von Facebook, Twitter und Co.

Eine Thema besorgt viele Europäer zurzeit wie kaum ein anderes: Wie sollen all die Fremden aus aller Welt integriert werden, die in der Flüchtlingskrise den Kontinent erreichen? „Kein Problem: Social Engineering – also die Flüchtlinge und Ihr Europäer, ihr legt Euch gemeinsam ins Bett und … schafft etwas Gemeinsames. Dann ist Euch das Fremde nämlich ganz schnell nicht mehr so fremd“, sagt Michael Kudakwashe.

Einfache Lösungen für schwierige Fragen anpreisen, darin ist Kudakwashe alias Kudzaishe Mushayahembe Experte. Um die „Beziehungen“ zwischen seiner Heimat Simbabwe und Deutschland zu stärken, ist Kudakwashe extra nach Berlin gereist. Mit Wohlstandsbauch-Attrappe und verspiegelter Sonnenbrille steht er in breitbeiniger Macho-Attitüde als simbabwischer „Minister“ vor der Reporterin von EurActiv.de und unterbreitet ihr, fast exklusiv, sein Angebot: Heiraten, in sein edles Heim ziehen, riesige Autos, teure Kleider, alles was das Herz begehrt – alles für die Völkerverständigung.

Die Rolle des feisten, autokratischen „Ministers“ ist Kudakwashes Spezialität, seit er 2011 gemeinsam mit seinen Komiker-Kollegen Samuel Monro alias Jerome Weathers und Tongai Makawa alias Mandape Mandape das in Simbabwe extrem populäre Satire-TV-Format „Sambesi News“ gründete. Die Sendung, eine Art „Heute-Show“, ist zwar im Staatsfernsehen verboten, lässt sich aber online, auf DVD und auch live auf Festivals genießen. Sexismus in Afrika, Flüchtlingskrise in Europa oder simbabwische Minister, die Computer an Schulen in ländlichen Gebieten ohne Strom spenden – Sambesi News nimmt sich alle denkbaren nationalen und internationalen Probleme zur Brust . Allerdings unter Verwendung einiger Maßnahmen zum Selbstschutz.

 

„Die Staatspropaganda inspiriert unsere Propaganda“, sagt Kudakwashe. Auch die Figur des „Ministers“ habe er selbstverständlich nach einem realen Vorbild geschaffen. Dennoch: Die Regierung unter Staatschef Robert Mugabe, der das Land seit mehr als drei Jahrzehnten despotisch regiert und gegen den die EU und die USA wegen der Unterdrückung der Opposition Einreisesperren verhängt haben, sei darin „immer noch besser“, meint er. Echte oder zu nahe an realen Personen angelehnte Namen sollte man darum in Simbabwe auch bei Satire besser vermeiden, sagt der Komiker. Bedrohungen und Belästigungen durch die Polizei müsse sein Team dennoch immer wieder ertragen.

 

Die Angst vor Überwachung, Durchsuchungen oder gar Festnahmen belastet nicht nur Satiriker in Simbabwe. Sie ist auch ständiger Begleiter von kritischen Stimmen in Äthiopien, Kenia, Botswana und etlichen anderen afrikanischen Ländern.

„In Afrika gibt es nicht viele Zeitungen und Plattformen, in denen man seine Meinung frei äußern kann“, sagt auch Godfrey Mwampembwa (alias Gado) bei seinem Besuch in Berlin. Der in Kenia lebende Karikaturist, dessen Beiträge international bekannt sind und unter anderem in „Le Monde“, der „Washington Times“, dem österreichischen Standard und der „Japan Times“ veröffentlicht wurden, hat das am eigenen Leib erfahren. Zwar hat der gebürtige Tansanier mit seinen pointierten Bildern gerade den Internationalen Editorial Cartoons Preis 2016 gewonnen.

Das allerdings geschah nur wenige Monate, nachdem er von Kenias größter Zeitung „Nation“ gefeuert wurde –  „unter Druck von Regierungsvertretern“, denen die Darstellung der Regierungen von Kenia und Tansania zu scharf gewesen sei, ist Gado überzeugt.

Dabei soll in Kenia seit 2010 ein neues Gesetz Meinungs-, Informations- und Versammlungsfreiheit garantieren. Doch im Alltag wird Medienvertretern der Zugang zu Informationen von staatlichen Stellen weiterhin meist verwehrt. Die Berichterstattung der wenigen großen Medienhäuser, darunter ist auch der staatliche Senders Kenya Broadcasting Corpotation (KBC), ist gefärbt durch das, was Politikern und Unternehmern zusagt – die meist auch Besitzer von Medienhäusern sind.

Aufhalten lassen sich regierungskritische Komiker von den restriktiven Maßnahmen jedoch selten. Im Gegenteil: Immer mehr Satiriker schaffen – selbst unter autoritären Regimen – TV- und Web-Formate, bloggen und zeichnen Karikaturen. „Satire gedeiht am besten unter Unterdrückung“, resümiert Samm Farai Monro, Mitbegründer von „Sambesi News“.

 

Bestätigt wird das auch durch die wachsende Anhängerschaft von „Sambesi News“: Allein die erste Staffel sahen rund sechs Millionen Zuschauer. Mittlerweile wird die Serie auch im südafrikanischen Fernsehen ausgestrahlt und erreicht den Machern zufolge Millionen Haushalte an der Südspitze des Kontinents und in Simbabwe.

Und auch soziale Medien wie WhatsApp, Twitter und Youtube haben der Verbreitung von regierungskritischen und satirischen Beiträgen enormen Auftrieb beschert. „Vor allem Facebook ist zu einer Schlüssel-Plattform für politischen Aktivismus in Afrika geworden“, sagt Sambesi-Comedian Monro. Satire sei zwar kein Ersatz für politische Aktionen, meint er. Aber sie schaffe Raum für Provokation und Diskussion, und führe so letztlich auch offline zu Tatendrang.

Und wenn sonst nichts mehr hilft, kann auch Schadenfreude kathartisch wirken. Darauf lässt zumindest die virale Reaktion auf ein Stolpern von Simbabwes „Staatschef auf Lebenszeit“ schließen, das Mugabe bei einem Empfang auf dem Flughafen von Harare im Februar unterlief. Die Grenze zwischen Humor, Satire und reiner Boshaftigkeit möge jeder für sich entscheiden. Hashtag: #MugabeFalls.

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