Rotes Kreuz: „Flüchtlingshilfe ein Gebot der Menschlichkeit“

Auf Dauer wird Kurdistan die 1,5 Millionen Flüchtlinge nicht schultern können. Um diese Region zu stabilisieren und die Menschen zu unterstützen, wird es nebst Solidaritätsbezeugungen vor allem weiterer konkreter Hilfs-Programme bedürfen.

„Die Menschen haben oft fürchterliche Erlebnisse hinter sich, aber sie versuchen ein normales Leben zu führen – soweit das möglich ist.“ So fasst der Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, Werner Kerschbaum, seine Eindrücke von einer Erkundungsmission in den Nordirak zusammen. Und er zieht eine interessante Schlussfolgerung: So genannte Cash-Programme sind eine wirksame Hilfe, um in Zusammenarbeit mit den internationalen Hilfsorganisationen die Not vor Ort lindern zu können.

Nach dem Fall von Saddam Hussein und dem Krieg im Irak war Erbil die erste irakische Großstadt in die wieder Ruhe und ein scheinbar normaler Alltag einkehrte. Die Hauptstadt der autonomen Provinz Kurdistan beherbergt daher bereits wieder einige diplomatische Vertretungen und wird sogar von internationalen Fluggesellschaften, wie Austrian Airlines, angeflogen. Zuletzt geriet aber auch sie wieder in den Focus der IS-Terrormilizen. Erbil und seine Umgebung sind nämlich der Zufluchtsort für 250.000 Kurden aus Syrien und etwa 1,2 Millionen Binnenflüchtlinge, die vor den IS-Milizen aus dem Westen des Landes geflüchtet sind. Trotz dieser dramatischen Situation, so Kerschbaum, herrscht auf den Straßen vermeintliche Normalität, deutet im Stadtbild auf den ersten Blick kaum etwas auf eine Frontlinie hin, die in nur 50 Kilometern verläuft. Die Bedrohung durch die IS ist aber letztlich nicht zu leugnen – die Terror-Milizen haben den kurdischen Streitkräften „Peshmerga“ erhebliche Verluste zugefügt und damit auch in der Bevölkerung wieder für Furcht vor weiteren Angriffen gesorgt. Trotzdem, das Leben geht weiter.

Flüchtlinge leben in Bauruinen und Camps

Auffällig sind für den Beobachter die vielen Rohbauten in Erbil. Allerdings, die Baustellen stehen still, weil das Geld aus Bagdad fehlt. Wenngleich von den meisten im Bau befindlichen Häusern gerade einmal die Außenmauern stehen und es keine Fenster, Türen oder Geländer gibt, so sind sie dennoch bewohnt. Kinder spielen zwischen den Ziegelmauern, Wäsche flattert auf den Dächern – die Gebäude sind Flüchtlingsunterkünfte. Und noch eine überraschende Erkenntnis, obwohl die Provinzregierung auf fehlende Zahlungen aus Bagdad in der Größenordnung von 15 Milliarden Euro wartet, funktioniert die Versorgung der Flüchtlinge. Sie sind teils bei Verwandten, teils in den Rohbauten der Stadt und in 25 Flüchtlingscamps untergebracht, die sich über Kurdistan verteilen. Trotz der dramatischen Lage im Umfeld ist eine tolerante Grundeinstellung unter der Bevölkerung spürbar.

Das Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Einheimischen, zwischen unterschiedlichsten Religionen und Sprachen funktioniert und basiert auf einem gemeinsamen Grundverständnis. Dieses rührt auch daher, dass fast jede kurdische Familie Erfahrung mit Flucht hat. Die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sind ungemein groß, so der Generalsekretär des Roten Kreuzes, dessen Organisation maßgeblich an den Hilfsaktionen vor Ort beteiligt ist. Rund 40 Prozent der Flüchtlinge leben in den Camps. Für die Versorgung ist die Regierung zuständig, massiv unterstützt durch die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Hunderte Freiwillige des Irakischen Roten Halbmonds organisieren in den kurdischen Gebieten die Verteilung der Hilfsgüter.

Unvorstellbare Lebensbedingungen

Eines der Camps ist das Zeltlager Baharka und liegt 30 Minuten nördlich von Erbil. 580 Zelte bieten Platz für 3.000 Personen. Auf 4 mal 3 Meter wohnen darin vier- bis sechsköpfige Familien. Zum Camp gehört noch eine behelfsmäßig in Containern untergebrachte Volksschule und ein medizinischer Stützpunkt. Lebensmittel, Hygienegüter, Kerosinöfen und zusätzliche Planen, die die Zelte vor kaltem Wind schützen sollen, werden verteilt. Auf 50 Personen kommt eine Dusche, auf 35 eine Toilette. Für die Sicherheit im Camp sorgt eigenes bewaffnetes Personal. „Die Rahmenbedingungen dieser Lebenssituation sind für uns Europäer vollkommen unvorstellbar“, schildert Kerschbaum. „Man muss sich nur die reale Situation vergegenwärtigen: Auf 12 zugigen Quadratmetern bei zwei Grad Kälte die Nächte zu verbringen, auf engstem Raum mit Familie und mit Fremden zu leben, Dusche und Toilette mit vielen anderen zu teilen, nur das Allernotwendigste zu haben und nicht zu wissen, ob dieser Zustand sich jemals wieder ändern wird.“

Mit 100 Euro ist einem Flüchtling geholfen

Nach seiner Rückkehr von diesem „Lokalaugenschein“ gesteht der Rot-Kreuz-Manager: „Das alles aus der Nähe zu erleben, hat für mich Perspektiven verändert. So wie wir leben, davon können Millionen Menschen in einer Distanz von nur vier Flugstunden nicht einmal träumen. Wohlstand und Sicherheit kann man schon genießen. Aber eine solidarische und hilfsbereite Haltung gegenüber Flüchtlingen ist ein Gebot der Menschlichkeit.“ Seine Schlussfolgerung formuliert er in einem Appell: “ Wer mehr als ein paar Gedanken investieren möchte – mit relativ wenig Anstrengung kann man für die Flüchtlinge im Irak Großes bewirken: Mit 100 Euro pro Monat ist ein Flüchtling mit Essen, Unterkunft, Wasser, Kleidung, Hygieneartikeln und Medikamenten versorgt.“

Außer Diskussion steht, dass den Hilfsorganisationen eine zentrale Rolle zukommt. Und die Praxis zeigt auch, dass so genannte Cash-Programme eine an sich gute Lösung sind. Denn die Menschen erhalten Bargeld und können sich aus einem definierten Produktangebot selbst versorgen. Diese Art der Unterstützung stärkt die Autonomie und die Menschen fühlen sich weniger als Hilfsempfänger. Auf die Dauer freilich wird Kurdistan die 1,5 Millionen Flüchtlinge nicht schultern können. Um diese Region zu stabilisieren und die Menschen zu unterstützen, wird es nebst Solidaritätsbezeugungen vor allem weiterer konkreter Hilfs-Programme bedürfen.