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30/07/2016

Reality Show für Kleinbauern: “Big Business” im Gewand deutscher Entwicklungspolitik?

Entwicklungspolitik

Reality Show für Kleinbauern: “Big Business” im Gewand deutscher Entwicklungspolitik?

Die Bundesregierung erhofft sich mit der Reality Show mehr Ernährungssicherheit für Kleinbauern. Oxfam kritisiert hingegen die durch Steuergelder co-finanzierte "Geldmacherei" großer Agrarkonzerne. Foto: Farm Channel Thailand

In einer thailändischen Reality Show wirbt der weltweit größte Chemiekonzern für den Einsatz künstlicher Pflanzenschutzmittel und kassiert dabei deutsche Entwicklungsgelder. NGOs sind entrüstet und fragen: Wie weit darf die Zusammenarbeit zwischen Großunternehmen und staatlicher Entwicklungshilfe bei der Armutsbekämpfung gehen?

Die deutsche Entwicklungspolitik schlägt innovative Wege ein: Eine neue TV Reality Show bringt Kleinbauern in Thailand den “sicheren und effektiven Umgang” mit Pflanzenschutzmitteln bei. In der Serie “Farmers love safety” stehen sich zwei kämpferische Bauern-Teams gegenüber – sie duellieren darum, wer die höchsten Erträge und qualitativ besten Ernten einfährt. 

“Wir wollen thailändische Bauern dabei unterstützen, langfristig Top-Leistungen zu erbringen”, sagt Pakorn Suchare, Leiter der Pflanzenschutz-Abteilung bei BASF (Thai) Limited. “Unsere TV Reality Serie bringt den Bauern auf unterhaltsame Weise die Best-Practices in der nachhaltigen Reis-Produktion näher”, meint Suchare.

Die neue Reality Show wird produziert vom Chemieriesen BASF in Kooperation mit dem Thailändischen Landwirtschaftsministerium – alles im Rahmen der German Food Partnership (GFP), einem von Ex-Entwicklungsminister Dirk Niebel 2012 initiierten Leuchtturmprojekt. Das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) will mit einer Reihe von Public Private Partnerships (PPPs) gemeinsam mit der Privatwirtschaft stabile Wertschöpfungsketten in Entwicklungs- und Schwellenländern aufbauen und so die Ernährungssicherheit erhöhen.

Entwicklungszusammenarbeit mit führenden Agrarkonzernen

In Südostasien ist die Bundesregierung mit dem GFP-Projekt BRIA aktiv. BRIA – die Better Rice Initiative Asia (BRIA) – soll Reisbauern dabei helfen, ihre Einkommen zu erhöhen. In den Projektländern Indonesien, Thailand, Philippinen und voraussichtlich Vietnam arbeitet das BMZ zusammen mit den Saatgutherstellern BASF, Bayer CropScience und Yara. Das Projekt wiegt derzeit neun Millionen Euro. 2,3 Millionen kommen aus öffentlichen Mitteln, den Rest tragen die Unternehmen.

Im Zentrum der Initiative stehen Schulungen, in denen Bauern lernen, höhere Erträge zu erzielen und qualitativ hochwertigeren Reis anzubauen. In Thailand werden rund 300 Bauern in mehrwöchigen Trainings zu den Themen Bodenbearbeitung, Reisaussaat, Bewässerung, Düngung, integrierter Pflanzenschutz sowie Betriebs- und Marktwirtschaftslehre geschult. Die so geschulten “Lead Farmer” sollen ihr Wissen den umliegenden Nachbarn weitergeben, heißt es auf der Webseite der GFP.

Dass nun aber eine Fernsehkampagne ausschließlich eine einzige Form der Bodenbearbeitung – und zwar die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln – propagiert, kritisiert die Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam: “Das BMZ beteuert, mit Schulungen im Rahmen der GFP den Kleinbauern unterschiedliche Anbaumethoden darzulegen.Doch schon alleine die massenmedial aufbereitete TV Show vermittelt ein bestimmtes Bild einer Landwirtschaft – eine input-orientierte Landwirtschaft unter Einsatz von Pestiziden”, erklärt Marita Wiggerthale von Oxfam gegenüber EurActiv.de. Am Ende können die Agrarkonzerne ungestört für ihre Produkte werben und damit ihren Absatz langfristig steigern.

Oxfam fordert, dass die GFP Alternativen zum Einsatz von Pestiziden aufzeigt, etwa über stärkere agrarökologische Entwicklungsstrategien. “In der Region geht es ja auch um die Herausforderungen durch den Klimawandel und entsprechende Anpassungsstrategien unter Berücksichtigung der ökologischen Vielfalt”, so Wiggerthale.

BMZ: “Wir bieten den Bauern Schutz”

Das BMZ verweist auf die Realitäten in der südostasiatischen Landwirtschaft: Thailändische Reisbauern setzten Pflanzenschutzmittel häufig “nicht fachgerecht” ein. “Das führt vor Ort zur Gefährdung der Gesundheit der Bauern, zu Einkommensverlusten durch überhöhten Einsatz sowie zu Gefahren für die Umwelt”, so eine Sprecherin des Ministeriums. 

Mit der Reality Show gehe es um die sachgerechte Anwendungen und Nutzung von Pflanzenschutzmitteln und nicht um die Förderung eines einzelnen Produkts, so das BMZ mit Verweis auf die regelmäßig stattfindenden “produktneutralen Trainings”. 

Oxfam: “Deutsche Entwicklungspolitik lässt die Ärmsten im Stich”

Ein breites Netzwerk von NGOs kritisiert bereits seit Monaten die GFP. Mit Steuergeldern und unter dem “Deckmantel der Armutsbekämpfung” fördere das BMZ eine kommerzielle industrielle Landwirtschaft, die an den Bedürfnissen von Kleinbauern vorbeigehe und nicht nachhaltig sei. “Die Partnerschaften richten sich an Kleinbauern, die bereits hinreichende Ressourcen und Bildung mit sich bringen. Die unter Hunger leidenden Subsistenzbauern werden komplett ignoriert”, erklärt Oxfam.

Das Engagement der Privatwirtschaft sei in der Tat “keine Charity-Veranstaltung”, erklärte Hans-Joachim Wegfahrt von Bayer CropScience bei der GFP-Projektverstellung im November letzten Jahres. Im Gegenteil müsse sich das Projekt auszahlen.

Wenn die Wertschöpfungskette besser funktioniert, dann profitiere sowohl Bayer als auch die Bauern, sagte Wegfahrt gegenüber EurActiv.de. “Wenn der Bauer mehr in der Tasche hat und mehr produziert, dann kauft er natürlich auch mehr von unseren Produkten.”

Künftig will das BMZ mehr Transparenz zu den Aktivitäten der GFP schaffen: So ist eine neue Webseite im Aufbau, die in Kürze das alte Portal ersetzen soll. Sie soll regelmäßig “relevante Informationen und Beiträge” liefern.