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04/12/2016

Post-2015-Agenda: Experten halten Nachhaltige Entwicklungsziele für untauglich

Entwicklungspolitik

Post-2015-Agenda: Experten halten Nachhaltige Entwicklungsziele für untauglich

Moskitonetze sind ein sehr effizienter Malariaschutz.

[Valentina Buj/Flickr]

Die Vereinten Nationen beschließen im September eine Liste mit 169 Entwicklungszielen für den Zeitraum bis 2030. Experten warnen jedoch vor einer Überdehnung der Entwicklungshilfeetats. Sie schlagen deshalb alternative Nachhaltigkeitsziele vor. EurActiv Frankreich berichtet.

Unterhändler der Vereinten Nationen haben sich vor wenigen Tagen auf 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) und 169 untergeordnete Ziele im Rahmen der Post-2015-Agenda geeinigt. Die SDGs sollen im September bei einer UN-Vollversammlung in New York verabschiedet werden.

Doch die SDGs, die auf die Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) folgen sollen, sind nicht jedermanns Geschmack. Die Quantität gehe über die Qualität, befürchten Kritiker.

Maßlose Liste

Die schieren Ausmaße der vorgeschlagenen Ziele ziehen die Kritik von vielen Seiten auf sich. „Wir können sagen, dass sie ehrgeizig sind, vielleicht zu ehrgeizig, wenn man die Misserfolge der vergangenen 15 Jahre betrachtet“, wie aus Kreisen der Nichtregierungsorganisation (NGO) Aide et Action zu hören ist. Die NGO bezieht sich damit auf den mäßigen Erfolg der MDGs. Doch diese hatten nur acht Ziele und 21 untergeordnete Ziele.

Die neuen Nachhaltigkeitsziele sind sehr zahlreich. Sie sind aber auch komplexer und schwieriger umzusetzen als ihre Vorgänger. Ein möglicher Nebeneffekt dieser langen neuen Liste von Zielen ist eine Abkehr von Themenbereichen wie Armut, Ernährung und Bildung. Sie waren Kernthemen der MDGs.

„Allen alles zu versprechen gibt uns keine Richtung. 169 Prioritäten zu haben ist wie überhaupt keine zu haben“, sagt Bjørn Lomborg, der Gründer des Copenhagen Consensus Centre.

Die Finanzierung, die für die Erreichung dieser Ziele benötigt wird, ist ein weiterer Knackpunkt. Für die Beseitigung der Armut würden jährliche Kosten von 135 Milliarden bis 195 Milliarden US-Dollar anfallen. Für Investitionen in die Infrastruktur werden zwischen fünf und sieben Milliarden US-Dollar veranschlagt. Damit würden die Kosten für die neuen Nachhaltigkeitsziele das momentane Budget für Entwicklungshilfe deutlich sprengen.

19 alternative Ziele

Das Copenhagen Consensus Centre ist aufgrund der Bandbreite der SDGs skeptisch. Deshalb arbeitete das Institut zusammen mit Wirtschaftsexperten – darunter mehrere Nobelpreisträger, Fachleuten aus Industrie, NGOs und Internationalen Organisationen – 19 alternative Ziele aus.

Das Consensus Centre konzentriert sich auf die kosteneffizientesten Post-2015-Ziele. Mit dieser weniger ehrgeizigen Liste wird ein maximaler Gegenwert für das Geld aus den begrenzten Entwicklungshaushalten angestrebt. „Wenn wir Geld für Ziele ausgeben, die wenig Gutes tun, kann dieses Geld nicht für Ziele ausgegeben werden, die sehr viel Gutes tun werden. Ja, unsere Liste mit Zielen wird nicht die Probleme der Welt lösen, aber auch eine Liste unter realistischen Haushalten wird das auch nicht schaffen“, so Lomborg.

Nach Angaben des Expertenpanels würde die Verabschiedung der 19 Prioritäten für jeden investierten US-Dollar eine wirtschaftliche, soziale oder ökologische Rendite in Höhe von 32 US-Dollar bringen. Nach derzeitigem Stand prognostiziert die UN eine vergleichsweise bescheidene Rendite von sieben US-Dollar für jeden investierten US-Dollar.

„Bei den Ausgaben schlau zu sein könnte sich als besser erweisen als eine Verdopplung oder Vervierfachung des Hilfsbudgets“, so Lomborg.

Der Think Tank zieht insbesondere ökologische Ziele in Betracht – zum Beispiel die Abschaffung der Subventionen für fossile Brennstoffe. Das ist eine der wichtigsten Prioritäten für „schlaue“ Ausgaben.

Eine Abschaffung der Subventionen für fossile Brennstoffe würde 37 Milliarden US-Dollar pro Jahr kosten. Doch ein solcher Schritt würde dabei helfen, die CO2-Emissionen zurückzufahren. Dadurch wären mit einem Schlag weltweit 548 Milliarden US-Dollar frei verfügbar. Dieses Geld könnte beispielsweise in die Gesundheitssysteme fließen.

Die Bekämpfung von Pandemien ist eine wichtige Priorität der MDGs. Diese Politik stellte sich auch als sehr wirksame wirtschaftliche Investition heraus. Ein Rückgang der Tuberkulose-Todesfälle um 90 Prozent würde beispielsweise 1,3 Millionen Leben pro Jahr retten. Die geschätzten Kosten dafür lägen bei nur acht Milliarden US-Dollar.

Der dänische Think Tank kritisierte bestimmte Ziele auch für ihren geringen Ertrag.

Die Zahl der Menschen, die von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben bis 2030 auf null zu reduzieren, ist ein solches Ziel. Ein weniger ehrgeiziges Ziel von drei Prozent wäre den Experten zufolge wirtschaftlich effizienter.

Hintergrund

Die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) bilden den Rahmen für die Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft, die Welt bis 2030 zu einem gerechteren und nachhaltigeren Ort zu machen. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen wird die SDGs im September 2015 verabschieden.

Diese Ziele werden die Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) ersetzen, die zum Jahresende auslaufen.

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