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25/07/2016

Pharmaunternehmen, NGOs und der Zugang zu Impfstoffen

Entwicklungspolitik

Pharmaunternehmen, NGOs und der Zugang zu Impfstoffen

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© MSF

EurActiv forderte das führende Unternehmen im Bereich Impfstoffe, GlaxoSmithKline (GSK), und die NGO “Ärzte ohne Grenzen” auf, zu erklären, wie ein verbesserter Zugang zu Impfstoffen hergestellt werden kann. Überraschenderweise liegen beide gar nicht so weit auseinander. EurActiv Brüssel berichtet.

Impfstoffe würden den kosteneffizientesten Ansatz zur Kontrolle von ansteckenden Krankheiten bieten, sagt Rohit Malpani, Nobelpreisträger von 1999 und Leiter der Abteilung Politik und Analyse bei Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières – MSF). Allerdings bleibe der Zugang zu Impfstoffen ungleich und suboptimal – insbesondere in ärmeren Entwicklungsländern.

MSF habe drei Hauptanliegen für die Erreichung eines verbesserten Zugangs zu Impfstoffen in Entwicklungsländern, so Malpani.

Darunter fallen die hohen Kosten für Impfstoffe, der Mangel an Impfstoffen für eine Reihe von Krankheiten und die “Thermostabilität” der Impfstoffe. Idealerweise sollten die Impfstoffe auch nach ein paar Tage außerhalb der Kühlkette wirksam bleiben. Das würde ihren Gebrauch in entlegenen Gebieten ermöglichen.

Die Kosten

“Heute sind die niedrigsten Kosten für ein grundlegendes Impfstoffpaket, das alle Länder bei ihren Immunisierungsprogrammen nutzen sollten, 68-Mal höher als 2001”, sagt Malpani.

Die neuen Impfstoffe auf dem Markt seien sehr viel teurer als die traditionellen Impfstoffe, so Malpani. Seiner Ansicht nach machen drei Impfstoffe des Basispakets 86 Prozent der anfallenden Kosten aus. Alleine der Impfstoff gegen die Pneumokokken-Krankheit macht 46 Prozent der Kosten aus.

Oft seien die Impfstoffe in Entwicklungsländern wie Marokko und Tunesien teurer als beispielsweise in Frankreich, so der MFS-Mann. Das hinge davon ab, welche Preise die multinationalen Unternehmen für ihre Produkte in den unterschiedlichen Märkten festsetzen.

Malpani rief zu Transparenz von Seiten der Unternehmen und Regierungen auf. Ihm zufolge sollten sie die Preise, die für Impfstoffe bezahlt wurden, veröffentlichen. Er forderte den Unternehmenssektor dazu auf, seine Forschungs- und Entwicklungskosten offenzulegen.

Die Impfallianz GAVI bringt Entwicklungsländer, die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Unicef sowie öffentliche und private Geber zusammen. Sie stellt die Finanzierung für ungefähr 70 Ländern mit niedrigem Einkommen zur Verfügung. Die Allianz kauft auch Impfstoffe für diese Länder und verbessert ihre Immunisierungssysteme. Also profitieren Malpani zufolge viele Länder aufgrund der Entscheidungen der Geber nicht von GAVI.

Dem MSF-Mann zufolge könnte GAVI mehr dafür tun, erschwinglichere Preise für die Impfstoffe, die die Allianz kauft, zu bekommen. MSF habe die Pharmaunternehmen GSK und Pfizer dazu aufgefordert, die als einzige die Pneumokokken-Impfstoffe produzieren, die Preise dafür substantiell zu senken, so Malpani.

Krankheiten ohne Impfstoffe

Es gebe wenig Anreize für die großen Impfstoffhersteller Impfstoffe für Krankheiten zu entwickeln, die überwiegend nur in Entwicklungsländern vorkommen, sagt Malpani. Darunter fallen Japanische Enzephalitis, das Dengue-Fieber, Cholera, Tuberkulose und Malaria.

Für Tuberkulose gibt es einen Impfstoff auf dem Markt. Dieser wurde in den zwanziger Jahren entwickelt. Seither kam kein neuer Tuberkuloseimpfstoff auf den Markt. Dies zeige, dass es keine Anreize für die Produzenten zur Entwicklung eines besseren Tuberkulose-Impfstoffs gebe, so Malpani.

“Das sind drei zusammenhängende Probleme: Impfstoffe sind zu teuer, Impfstoffe, die für Bevölkerungen mit niedrigem Einkommen geeignet sind und Impfstoffe, die es nicht gibt, sind Teil des gleichen Problems – dass wir Impfstoffe nicht auf Basis des öffentlichen Gesundheitsbedarfs entwickeln, sondern, dass wir sie auf der Basis entwickeln, welche Bevölkerung die höchsten Preise bezahlen kann”, sagt er.

Die GSK-Labore würden endlich einen Malaria-Impfstoff entwickeln, sagt Malpani. Allerdings nur für Kinder. Man müsse noch 15 Jahre auf die nächste Impfstoffgeneration warten.

EurActiv hat auch mit Corry Jacobs gesprochen. Sie ist die Leiterin der Abteilung Globale Politik und Forschung für Impfstoffe bei GlaxoSmithKline (GSK). Das Unternehmen schreibt auf seiner Webseite, dass es 80 Prozent der weltweiten Impfstoffe produziert.

Vor zwei Jahren verteilte GSK 860 Millionen Impfdosen in ungefähr 170 Ländern. 80 Prozent der 2013 produzierten Impfstoffe gingen in Entwicklungsländer (die am wenigsten entwickelten Länder, Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen).

‘Großer Meilenstein’

Die GSK-Wissenschaftler hätten in den vergangenen 30 Jahren weltweit mit anderen zusammengearbeitet, um Malaria-Impfstoffe auszuprobieren und zu entwickeln, sagt Jacobs.

Zusammen mit seinen Partnern erreichte GSK 2013 einen Meilenstein mit einem experimentellen Malaria-Impfstoff RTS,S. Nach 18 Monaten Nachsorge halbierte er die Malariafälle bei jungen Kindern (im Alter von fünf-17 Monaten bei der ersten Impfung) und verringerten die Malariaerkrankungen bei Säuglingen, die bei der ersten Impfung zwischen sechs und zwölf Wochen alt waren, um ein Viertel.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird voraussichtlich im Oktober 2015 eine Empfehlung zur Impfpolitik veröffentlichen. Der Impfstoff könnte Jacobs zufolge bereits 2016 in Subsahara-Afrika verfügbar sein.

Sie bezeichnet das als “bahnbrechenden Erfolg”. Das könnte das 30-jährige Engagement des Unternehmens zur Bekämpfung von Malaria durch Investitionen in Forschung und Entwicklung und Partnerschaften vor Ort krönen.

GSK habe durch eine öffentlich-private Partnerschaft mit PATH Malaria Vaccine Initiative (MVI) und die Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation 350 Millionen US-Dollar in die RTS,S-Entwicklung investiert, so Jacobs.

Der Preis für RTS,S würde die Kosten für die Impfstoffherstellung abdecken, so Jacobsen. Die Rendite von rund fünf Prozent würde in die Forschung und Entwicklung für Malariaimpfstoffe der zweiten Generation oder Impfstoffe gegen andere tropische Krankheiten gesteckt.

‘Das Geschäft muss nachhaltig sein’

Doch was macht GSK, um die Preise für seine Impfstoffe zu senken? Jacobs sagt, dass “das Geschäft nachhaltig sein muss”. Gleichzeitig habe das Unternehmen ein Geschäftsmodell entwickelt, dass einen breiten Zugang zu Impfstoffen ermöglicht. Gleichzeitig behalte das Unternehmen seine Investitionen in Forschung und Entwicklung bei.

GSK habe auch einen Preisansatz, der auf dem Bruttonationaleinkommen (BNE) der Länder basiere, erklärt sie. GSK trägt sehr viel zu GAVI bei. Das Unternehmen verpflichtete sich, 850 Millionen Impfdosen zu ermäßigten Preisen zur Verfügung zu stellen. Damit sollen bis 2024 300 Millionen in den Entwicklungsländern geschützt werden.

Länder, die wirtschaftlichen Erfolg haben, bekommen ab einem bestimmten Zeitpunkt keine GAVI-Unterstützung mehr. GSK habe sich verpflichtet, die Preise für Impfstoffe für diese Länder für die nächsten zehn Jahre einzufrieren. Damit wolle man erreichen, dass sie die Immunisierungsprogramme in der Übergangszeit fortsetzen können, so Jacobs.

Auch an der Thermostabilität der Impfstoffe arbeite man. Eines der ersten Projekte erforsche, wie Hilfsstoffe als wichtiger Bestandteil einiger Impfstoffe hitzebeständiger gemacht werden könnten. Das Projekt konzentriere sich zu Beginn auf den experimentellen Malaria-Impfstoff RTS,S.

Übertragung von Technologien

Generische Medikamente helfen dabei, die Kosten zu reduzieren. EurActiv fragt deshalb, ob GSK an solchen Partnerschaften in Entwicklungsländern interessiert sei. Jacobs verweist auf ein Joint Venture mit der Oswaldo Cruz Foundation in Brasilien und weitere Partnerschaft mit Biological E. in Indien.

Jacobs sagt: “Der Weg nach vorne, um totalen Zugang zu Impfstoffen zu erreichen liegt in der Partnerschaft. Die Industrie hat einen Beitrag zu leisten – aber wir haben sicher nicht alle Antworten. Je mehr wir als globale Gemeinschaft zusammenkommen – Industrie, NGOs, Akademiker, Regierungen – desto wahrscheinlicher finden wir innovative Lösungen für die Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind”.