EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

29/07/2016

Palästinensischen Flüchtlingen droht humanitäre Katastrophe

Entwicklungspolitik

Palästinensischen Flüchtlingen droht humanitäre Katastrophe

Hinter den israelischen Sperrmauern spitzt sich die Lage der Menschen zu. Foto: Reham Alhelsi (CC BY-NC-SA 2.0)

Exklusiv: Eine Kombination aus Finanzierungsengpässen, Wasserknappheit und Auswirkungen des Syrien-Konflikts bedeutet die größte Herausforderung für das UN-Hilfsprogramm für palästinensische Flüchtlinge seit seinem Bestehen. EurActiv sprach mit Pierre Krähenbühl, dem neuen Generalsekretär des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA). EurActiv Brüssel berichtet.

Pierre Krähenbühl war kürzlich für einige hochrangige Treffen in Brüssel. Er wollte damit auf die seiner Meinung nach “alarmierenden und greifbaren Defizite” im UNRWA-Nahrungmittelhilfsbudget aufmerksam machen und verhindern, dass sie sich in eine ernsthafte Krise auswachsen. Eine Krise, in deren Folge Nahrungsmitteln im Gaza-Streifen vor Jahresende rationiert werden müssten.

Finanzierungsengpässe

“Wir brauchen zwischen 25 und 30 Millionen US-Dollar (bis zu 22 Millionen Euro), damit wir die nächste Runde Nahrungsmittel kaufen können”, so Krähenbühl. Mit der Mobilisierung der Mittel müsse jetzt schon begonnen werden da die Essensverteilung im Gaza-Streifen seine Zeit brauche. “Finanzierungsdefizite dieser Größenordnung könnten bedeuten, dass wir ab September Schwierigkeiten bekommen, [Nahrungsmittel] zu kaufen und das würde sich dann am Ende des Jahres bemerkbar machen”, erklärte Krähenbühl gegenüber EurActiv im Brüsseler UNRWA-Büro. “Wenn das eintritt, müssten wir entweder die Zahl der Hilfsempfänger einschränken oder Rationierungen einführen. Es gibt keine Wunderlösung”, fügte er hinzu.

Am 4. Juni sagte die EU zu, dem UNRWA bis 2016 rund 246 Millionen Euro zu geben. Diese Mittel füllen jedoch nicht das 69-Millionen-Euro-Loch im Haushalt des UN-Gremiums. Nur 30 Prozent des 220-Millionen-Euro-Notaufrufs für die besetzten Palästinenser-Gebiete und nur 24 Prozent der 305 Millionen Euro, die für den Hilfsmaßnahmen-Plan für Syrien zugesagt wurden. hat man erhalten. “Man sollte die Möglichkeiten der UNRWA, Hilfe zu leisten, nicht als Selbstverständlichkeit betrachten, gerade weil sich die Not der Flüchtlinge in Syrien, im Libanon, in Jordanien, im Westjordanland und Gaza ständig vergrößert, insbesondere wegen der regionalen Auswirkungen Syriens”, sagte Krähenbühl. “Wir haben es nicht mit einer gewöhnlichen Situation zu tun. Das ist wahrscheinlich die extremste Gemengelage, unter der die UNRWA jemals agieren musste und das muss von den Entscheidungsträgern verstanden werden.”

Das palästinensische Flüchtlingsproblem sei unhaltbar und würde vom Westen auf eigene Gefahr ignoriert, meinte Krähenbühl, weil “es immer wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zurückkehrt, also sollten wir handeln, bevor es noch extremer wird.“

Seiner Meinung nach sei das größte Risiko, dass die regionale Dynamik unterschätzt würde, die durch die Vertreibung der palästinensischen Flüchtlinge in Orte wie die besetzten Gebiete entstehe. In Syrien selbst sei die Krise bereits greifbar. 

Syrische Blockade

Die zeitweise Blockade des kriegsgeschüttelten Yarmouk-Flüchtlingslagers wurde letzte Woche in Damaskus wieder aufgenommen, wegen der bereits abgeschlossenen Wahlen, wie die syrischen Behörden sagen. Bei vorangegangenen Hilfsblockaden starben 128 Flüchtlinge an  Unterernährung. Aus einem Bericht von Amnesty International geht hervor, dass die Bewohner des Lagers Katzen, Hunde und ungenießbare Pflanzen essen mussten, um zu überleben.

“Es ist gut, dass wir seit Januar mehr Hilfslieferungen durchkriegen, aber gleichzeitig sind das nur 25 Prozent der benötigten Nahrungsmitteln”, sagte Krähenbühl gegenüber EurActiv. “Es muss mehr getan werden, um den Zugang zu erleichtern. Wir haben bescheidene Erfolge bei der Verteilung von Hygiene-Kits erzielt, aber die medizinische Hilfe ist noch nicht dort und wird gebraucht.” 

Mehr als die Hälfte der 545.000 palästinensischen Flüchtlinge in Syrien wurden durch den Konflikt vertrieben. Viele sind über die Grenze nach Jordanien oder in den Libanon gegangen, einige sogar in den Gaza-Streifen.

“Die Katastrophe in Syrien hat spürbare Auswirkungen auf die zukünftige regionale Stabilität”, sagte Krähenbühl. Die Ausmaße der Angst und Verzweiflung, die man in der palästinensischen Flüchtlingsgemeinschaft Syriens spüre, würden das Gefühl der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Entfremdung der palästinensischen Flüchtlingsbevölkerung im Gazastreifen und im Westjordanland wiederspiegeln. Sie verbinde dieselbe Aussichtslosigkeit ihrer extrem prekären Situation, so Krähenbühl.

Wasserkrise im Gaza-Streifen

Im Gaza-Streifen leben 60 Prozent der Bevölkerung von der UNRWA-Lebensmittelhilfe. Ungefähr die Hälfte der 1,6 Millionen Einwohner ist arbeitslos und für den Großteil ist es wegen der israelischen Sicherheitsblockade beinahe unmöglich, außerhalb der engen Grenzen zu reisen.

Das UN-Gremium benötigte 2013 rund 174 Millionen Euro, um die Folgen des Zusammenbruchs der lokalen Wirtschaft abzumildern. Doch selbst diese Zahl könnte übertroffen werden, sollte die Wasserversorgung zusammenbrechen. Nach den Einschätzungen verschiedener UN-Berichte könnte dieser Fall bereits 2016 eintreten und ab 2020 unumkehrbar sein.

Rund 90 Prozent des Wassers aus dem Küstengrundwasserleiter Gazas sind bereits mit Nitraten und Chloriden kontaminiert und nicht trinkbar. Der durchschnittliche Wasserverbrauch liegt weit unter dem für die Gesundheit wichtigen Minimumstandard der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ein Drittel der Bevölkerung hat pro Tag nur sechs bis acht Stunden Zugang zu fließendem Wasser. “Es dauert nur noch ein paar Jahre, bis der Grundwasserleiter des Gaza-Streifens vollkommen unbrauchbar wird, weil es über Gebühr benutzt wird und es so sehr von Meereswasser verunreinigt wird, dass es ungenießbar ist”, sagte Krähenbühl. “Der kritische Punkt ist nicht weit weg.” Was man jetzt brauche, sei eine Lockerung der illegalen Blockade, damit Materialien zur Verbesserung der Wasserqualität und der sanitären Anlagen geliefert werden könnten. Nur so könnten Experten vor Ort eine der wichtigste Voraussetzungen für die Lebensfähigkeit des Gaza-Streifens in Angriff nehmen.