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17/01/2017

OECD-Bericht: Entwicklungshilfe in Konfliktstaaten braucht neuen Ansatz

Entwicklungspolitik

OECD-Bericht: Entwicklungshilfe in Konfliktstaaten braucht neuen Ansatz

Im September 2015 beschließen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele (SDGs).

[United Nations Photo/Flickr]

Fast 1,5 Milliarden Menschen weltweit leben in Ländern, die von Konflikt, Fragilität und Gewalt gekennzeichnet sind. Gerade diese Staaten machen die wenigsten Fortschritte in der Entwicklung, mahnt ein neuer OECD-Bericht zu fragilen Staaten – und ruft zu einer neuen Herangehensweise an Entwicklungsmaßnahmen auf.

Die weltweite Armutsbekämpfung hat einen Schritt vorwärts gemacht. Das ist die positive Nachricht, die mit der näher rückenden Deadline für die Verwirklichung der Millenniums-Entwicklungsziele (MDG) verkündet werden kann.

In der Mehrzahl der fragilen und von Konflikten betroffenen Länder jedoch wurden die MDGs allerdings nicht erreicht. Damit, das zeigt nun der neue Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) „Aspekte der Fragilität 2015„, rücken 50 Staaten weltweit immer mehr ins Abseits.

Fast 1,5 Milliarden Menschen – 20 Prozent der Weltbevölkerung – leben demnach in von Konflikt, Fragilität und Gewalt betroffenen Kontexten. Gerade diese Staaten aber haben in den vergangenen Jahrzehnten die wenigsten Fortschritte in der Entwicklung machen können – obwohl zum Beispiel 20 Prozent der Mittel von der Entwicklungsbank KfW vergangenes Jahr in eben jene Staaten flossen. Doch Fragilität und Gewalt, so die alarmierende Erkenntnis des Berichts, stellen ein massives Entwicklungshemmnis dar.

Mittel effizienter einsetzen

„Wir müssen uns mehr auf die Frage konzentrierten, wie viele Mittel für Entwicklungshilfe tatsächlich effizient genutzt werden“, sagte der Direktor des OECD-Direktorats für Entwicklungszusammenarbeit (DCD), Jon Lomøy, in Berlin bei der Vorstellung des Berichts, der zur Entwicklung der neuen Entwicklungsagenda für den Zeitraum nach 2015 beitragen soll.

Armutsbekämpfung hänge entscheidend von den Fortschritten bei der Verringerung der Fragilität ab, so Lomøy. Die Förderung friedlicher und inklusiver Gesellschaften – und somit die Verringerung aller Formen von Gewalt, sei dafür eine Grundbedingung.

Der Bericht identifiziert 50 Länder, darunter 28 in Afrika, als fragile Staaten. „In den fragilen Staaten würde sich nach unseren Prognosen bis zum Jahr 2030 die Armut ballen“, warnte OECD-Entwicklungsexpertin Jolanda Profos. Armut jedoch könne nachhaltig nur bekämpft werden, wenn ein Staat stabile Institutionen habe. Das zeige sich etwa an den Raten der Kinder, die in Entwicklungsländern die Grundschule besuchen. In den fragilen Staaten seien das nur zwölf Prozent der Kinder, in den anderen Entwicklungsländern liegt die Rate inzwischen aber bei rund der Hälfte der Kinder.

Konzentration auf Friedensförderung

„Unsere Hilfe muss politischer werden“, forderte Jürgen Zattler, Experte für europäische und multilaterale Entwicklungspolitik im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das heiße: mehr Fokus auf Friedens- und Staatsfördernde Maßnahmen und schnellere, flexiblere Instrumente zur Verhinderung von oder zum Eingriff bei Krisen.

Frieden und Stabilität haben sehr viel mit nachhaltiger Entwicklung zu tun, so Zattler. Bislang hätten zwei Drittel der fragilen Staaten zu wenig getan, um die MDGs zu erreichen.

Eine bekannte Schwierigkeit für Entwicklungshilfe in instabilen Staaten ist es, die Hilfen an die richtigen Stellen zu tragen, statt mit ihnen Fragilität weiter zu fördern, sagte Zattler. Die sorgfältige der Koordinierung der Geberländer mit lokalen Plattformen und multilateralen Organisationen sei darum unerlässlich, damit die Hilfen an der richtigen Stelle ankommen.

Flexibilität zur Erkennung von sich ändernden Konfliktlinien

Dass dieses Vorgehen ständige Flexibilität und engen Kontakt mit Experten vor Ort erfordere, stellte auch Susanne Wolfgarten von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) heraus: „Konfliktlinien können sich rasant verändern und verlagern“, so Wolfgarten. Sie zu verstehen sei jedoch enorm wichtig – erst dann sei gute und richtige Hilfe möglich.

Wichtig seien zudem Langzeitmaßnahmen, denn mit ihnen könne man selbst in fragilen Umgebungen auf lokaler Ebene nachhaltig viel verbessern.

Für Langzeithilfe plädierte auch Oliver Knabe vom Civil Peace Service. Langzeithilfe schaffe Vertrauen in der lokalen Bevölkerung – und dies wirke als ein Katalysator, der für Entwickelung nötig sei.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass neue Instrumente und Maßnahmen nötig sind, um Entwicklung nachhaltig auch in instabilen Staaten zu fördern. In die Diskussion um die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele müsse auch ein neues Verständnis der Rolle fließen, die die internationale Gemeinschaft in diesem Prozess spielen sollte und kann, betonte Jürgen Zattler. „Die Aspekte Frieden und Sicherheit haben bislang in den Millenniums-Entwicklungszielen zu wenig Beachtung gefunden.“

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