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26/08/2016

NGOs sehen Post-NATO-Ära gelassen

Entwicklungspolitik

NGOs sehen Post-NATO-Ära gelassen

Bis Ende 2014 soll der NATO-Truppenabzug aus Afghanistan weitgehend abgeschlossen sein. Foto: dpa

Damit sie nicht zur Zielscheibe von Angriffen werden, fordern Hilfsorganisationen in Konfliktgebieten eine klare Trennung zwischen ihrer Arbeit und derjenigen der Sicherheitskräfte. Die Forderung ist nicht neu, gewinnt jedoch angesichts des Truppenabzugs aus Afghanistan an Brisanz. Ist der NATO-Rückzug Fluch oder Segen für die NGOs?

Wie weiter nach dem NATO-Truppenabzug aus Afghanistan? Dieser Frage müssen sich Hilfsorganisationen stellen, wenn sie ihre Arbeit am Hindukusch auch nach 2014 weiterführen wollen. Denn neben afghanischen NATO-Mitarbeitern werden auch einheimische Helfer von NGOs immer wieder zur Zielscheibe radikal-islamischer Talibankämpfer, aus deren Sicht die Hilfskräfte gemeinsame Sache mit dem Westen machen.

Je enger Sicherheitskräfte und NGOs zusammenarbeiten, desto höher das Risiko, dass die Taliban nicht zwischen Streitkräften und Hilfsorganisationen unterscheiden. Das unter der alten Bundesregierung definierte Konzept der "Vernetzten Sicherheit", welches Sicherheit nicht als ausschließliche militärische sondern auch als zivile Aufgabe begreift, wird aus diesem Grund von NGOs häufig kritisiert. So erklärte der Generalsekretär der Welthungerhilfe (WHH), Wolfgang Jamann, die zivil-militärische Zusammenarbeit bereits 2009 zum "Sündenfall". Die Vermischung von Militär und Wiederaufbau habe erheblichen Schaden angerichtet, sagte Jamann damals, da die Arbeit der Entwicklungshelfer nicht mehr als politisch neutral angesehen werde.

Auf einer Pressekonferenz anlässlich des bevorstehenden NATO-Abzugs heute Donnerstag (16. Januar) in Berlin bekräftigt WHH-Vorstandsmitglied Mathias Mogge diese Haltung: "Es gefährdet unsere Arbeit, wenn wir gemeinsam wahrgenommen werden. Wir wollen nicht mit militärischen Kräften verwechselt werden."

Ist der bevorstehende NATO-Abzug also gar ein Segen für die Arbeit der Hilfsorganisationen in Afghanistan? Klaus Lohmann, WHH-Regionalkoordinator in Afghanistan, antwortet ausweichend: "Ich würde nicht sagen, dass der Einsatz in den letzten 10 Jahren schlecht war." Denn wie sich herausgestellt habe, wurde die "Vernetzte Sicherheit" nur halb so heiß gegessen, wie gekocht. Der Druck sei "so nicht mehr da" und das Konzept habe keinen Einfluss auf die Arbeit seiner Organisation gehabt, ergänzt sein Kollege Mogge. "Wir haben die Projekte nach wie vor so wie früher durchgeführt."

Die WHH ist seit über 20 Jahren in Afghanistan tätig. Momentan arbeiten in dem Land 250 Personen für die Organisation, lediglich vier von ihnen stammen aus dem Ausland. In den letzten Jahren habe es so gut wie keine Berührungspunkte zu Militärs gegeben, sagt Mogge. Man sei sehr auf Abstand zu den Streitkräften bedacht und mit dieser Strategie sehr erfolgreich gewesen. Zwar arbeite man durchaus mit der deutschen Botschaft in Kabul zusammen, eine engere Koordination mit den Sicherheitskräften – ganz im Sinne der Vernetzten Sicherheit – sei hingegen nie eingefordert worden, erklärt Mogge.

Für seine Organisation ändere sich deshalb auch nach dem Truppenabzug nichts, prognostiziert Lohmann. "Konkrete Bedrohungen gibt es nicht." Außerdem arbeite man eng mit dem "Afghanistan NGO Safety Office" (ANSO) zusammen, eine NGO, die Hilfsorganisationen vor Ort über die aktuelle Sicherheitslage informiert. Lohmann gibt jedoch zu bedenken, dass die Arbeitsschwerpunkte seiner Organisation bei der Trinkwasserversorgung, der ländlichen Entwicklung sowie der Nothilfe liegen. Für NGOs, die sich beispielsweise für Bildung und Frauenrechte einsetzen, könne er nicht sprechen. Für diese sei die Bedrohungslage eine andere.

"Gespenst" der Vernetzten Sicherheit

Mathias Mogge hofft für zukünftige Einsätze in Konfliktbegieten, "dass das Gespenst der Vernetzten Sicherheit ein Stück weit realistischer gesehen wird." Die Militärs vor Ort sähen die Situation viel realistischer als die Leute im Bundesentwicklungsministerium (BMZ) und könnten die Positionen der NGOs immer gut nachvollziehen, so Mogge. Von der neuen Leitung des BMZ wünscht er sich deshalb, dass diese die Anliegen der NGOs zukünftig ernster nimmt.

Eine Einschätzung, die Renzo Fricke von Ärzte ohne Grenzen teilt: "Wir hoffen, dass mit dem Rückzug der internationalen Truppen die Trennung zwischen der militärischen Agenda und humanitärer Hilfe weniger verschwommen sein wird. Wir hoffen auf die Wiederherstellung einer unabhängigen, unparteiischen humanitären Hilfe in Afghanistan", sagte der Landeskoordinator bereits in einem Interview im vergangenen August.

Patrick Timmann