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29/08/2016

Neue deutsche Linie bei Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika

Entwicklungspolitik

Neue deutsche Linie bei Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika

Foto: dpa

Die deutsche Bildungsministerin Johanna Wanka hat einen Kurswechsel in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika angekündigt. Zukünftig sollen Projekte in Wissenschaft und Forschung gemeinsam mit den Ländern vor Ort erarbeitet werden, um den Bedürfnissen der Regionen besser gerecht zu werden.

Afrika hat Potential, es muss nur gefördert werden. So lautet der Standpunkt Deutschlands, wenn es um Entwicklungszusammenarbeit auf dem afrikanischen Kontinent geht. In der Tat beeindrucken die Zahlen zum wirtschaftlichen Wachstum in Afrika: Vergangenes Jahr lag es laut einer Statistik der Weltbank bei 4,8 Prozent, in diesem Jahr soll es sogar auf 5,3 Prozent steigen. 2012 kamen vier afrikanische Staaten auf die weltweite Rangliste der zehn Länder mit den höchsten Wachstumsraten beim Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Diese Erfolgsgeschichte möchte die Bundesregierung unterstützen – allerdings hat sie eine neue Linie entworfen. Am Freitag in Berlin kündigte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka gemeinsam mit dem Kommissar der Afrikanischen Union für Humanressourcen, Wissenschaft und Forschung, Martial Ikounga, nun einen Paradigmenwechsel an. Künftig sollen Ausbildungs- und Forschungsprojekte auf Augenhöhe und in Abstimmung mit der Afrikanischen Union (AU) und den Partnerländern erfolgen, versprach Wanka. Als Beispiel für Innovationen nannte sie den gemeinsamen Aufbau von zwei regionalen Kompetenzzentren für Klimawandel und angepasstes Landmanagement im Süden und im Westen Afrikas. Beteiligungen und Impulse der afrikanischen Länder würden dabei nicht nur begrüßt, sondern erwartet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) habe für neue Projekte bereits 76 Millionen Euro beschlossen, sagte Wanka. Mit diesen Mitteln werde man sich nicht nur auf wenige gut entwickelte Länder wie Südafrika und Ägypten konzentrieren.

“Die Partnerschaft zwischen Deutschland und Afrika in Bildung und Forschung existiert bereits seit mehr 30 Jahren. Nun wollen wir die Zusammenarbeit neu denken und neu ausrichten”, sagte die Ministerin. Allein in den vergangenen sieben Jahren seien mehr als 500 Bildungs- und Forschungsaktivitäten in Afrika umgesetzt worden, sagte Wanka. Deutsche Wissenschaftler kooperierten inzwischen mit Partnern aus 39 von insgesamt 54 afrikanischen Ländern. Neu unter den Projektschwerpunkten der BMBF sind dabei die Bereiche Ressourcenmanagement und Rohstoffe sowie Innovation. “Wir wollen die Länder dabei stützen, für den Weltmarkt attraktive Produkte weiterzuverarbeiten und so mehr Arbeitsplätze zu schaffen”, sagte Wanka.

Afrika fordert Partner auf Augenhöhe

Martial Ikounga lobte das neue Konzept der Bundesregierung als “Entscheidungsrahmen, der die Interessen beider Partner berücksichtigt“. Es gebe mittlerweile verstärktes Interesse der afrikanischen Partner, mit Deutschland in Wissenschaft und Forschung zu kooperieren, sagte er.

Ikounga betonte, die Afrikanische Union wünsche sich vor allem eine stärkere internationale Partnerschaft beim Ausbau der höheren Bildung. Gerade im Bereich von Wissenschaft und Technologie verlöre Afrika derzeit viele Akademiker, so Ikounga. “Afrikanische Studenten der Wirtschaftswissenschaften, die in Europa studieren, schreiben ihre Masterarbeit über europäische, aber nicht über afrikanische Probleme.” Dies verschärfe die Schwierigkeiten beim Aufbau eigener Expertise und bei der Entwicklung.

Bildung muss besonders gefördert werden

Erste Schritte zur Umkehr dieses Trends wurden bereits im vergangenen Jahr eingeleitet. So hatte die Afrikanische Union angekündigt, eine panafrikanische Universität (PAU) auf dem Kontinent aufzubauen, die an bestehenden Hochschulen in ganz Afrika angesiedelt werden soll. Der damalige Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel hatte damals einen finanziellen Beitrag in Höhe von 20 Millionen Euro zugesagt.

Die PAU will Hochschulbildung, Wissenschaft und Technologie auf hohem Niveau fördern. Dort herrscht Nachholbedarf: Bislang besuchen in ganz Afrika durchschnittlich nur acht Prozent der Schulabgänger anschließend eine Universität oder gehen in die Forschung. Gleichzeitig ist die Hälfte der etwa eine Milliarde Afrikaner unter 18 Jahre alt.

Nachholbedarf bei Infrastruktur für wachsende Ballungsräume

Immer wichtiger für Afrika dürften zukünftig auch Infrastrukturlösungen in den Ballungsräumen werden. Ein Grund ist die zunehmende Verstädterung. Bis zum Jahr 2030 werden mehr als 750 Millionen Afrikaner in Metropolen wohnen. Heute sind es nur rund 400 Millionen. Auch hier unterstützt Deutschland zahlreiche Projekte.

Deutschlands Vorstoß für mehr nachhaltige Entwicklungshilfe in Afrika dürfte auch durch wirtschaftliche Interessen gestützt sein. Bislang wird nur zwei Prozent des deutschen Außenhandels mit Afrika abgewickelt, die deutschen Unternehmen investieren in den Kontinent nach wie vor nur zögerlich. Zu den großen deutschen Unternehmen, die seit einigen Jahren in Afrika investieren, zählt Siemens. Der Konzern, der derzeit vor allem Wind- und Solarprojekte in Afrika ausbaut hatte bereits 2010 angekündigt, rund 200 Millionen Euro in den Ausbau der Geschäfts- und Vertriebsstrukturen investieren zu wollen.