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29/09/2016

„Mutiger Bericht“ wirft Schlaglicht auf Situation schwangerer Mädchen

Entwicklungspolitik

„Mutiger Bericht“ wirft Schlaglicht auf Situation schwangerer Mädchen

Jeden Tag bekommen 5.000 Mädchen im Alter zwischen 10 und 15 Jahren ein Kind. © alt_f4 / PIXELIO

Das Problem der Teenagerschwangerschaften müsse in der Entwicklungspolitik stärker beachtet werden, fordert der diesjährige Weltbevölkerungsbericht. Wenn eine Minderjährige schwanger werde, sei dies nur die sichtbare Spitze eines viel tieferen Problems, warnen Experten.

In Berlin wurde heute der diesjährige Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen vorgestellt. Themaschwerpunkt sind diesmal Teenagerschwangerschaften. Was auf den ersten Blick wie ein Randthema erscheint, entpuppt sich beim näheren Hinsehen als zentrales Element der Entwicklungspolitik. Denn "Teenagerschwangerschaften spiegeln eine Kette von Menschenrechtsverletzungen wieder", erklärt Werner Haug vom UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA).

Zunächst einige Zahlen zur Illustration: Jedes Jahr gebären weltweit 7,3 Millionen minderjährige Frauen. 2 Millionen von ihnen sind noch keine 15 Jahren alt. Pro Tag bekommen damit 5.000 Mädchen ein Kind. 70 Millionen junge Frauen sterben jährlich an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt. Besonders groß ist die Gefahr für junge Mädchen: Zwischen dem 10. und 15. Lebensjahr sei das Todesrisiko fünfmal höher als bei älteren Frauen, erklärt Gudrun Kopp vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ) bei der Präsentation des Berichts.

Diese Daten bilden jedoch nur die Spitze des Problems. Teenagerschwangerschaften sind die Folge von Armut, schlechter Bildung, unzureichender Gesundheitsvorsorge sowie Diskriminierung und Gewalt an Frauen, so Kopp. Und die Probleme verstärken sich gegenseitig: Hat ein Mädchen erst mal ein Kind, sinken seine Chancen insbesondere auf Sekundärbildung drastisch. Doch gerade die Sekundärbildung sei die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben, betont Haug.

"Die Rechte von Mädchen dürfen nicht länger mit Füßen getreten werden", fordert Renate Bähr, Geschäftsführerin der Stiftung Weltbevölkerung. "Die Vermeidung von Teenagerschwangerschaften kann nur dann erfolgreich sein, wenn Mädchen gleichberechtigt sind. Sie brauchen vor allem eine bessere Bildung, Zugang zu altersgerechter, umfassender Aufklärung und Verhütung, und sie brauchen bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Zudem muss das gesamte Umfeld der Mädchen einbezogen werden, das heißt ihre Familien, die Partner, Lehrer und politische Entscheidungsträger."

"Sugar Daddys": Taxi-Dienste gegen Sex

Kopp gibt ein besonders eindrückliches Beispiel sexueller Ausbeutung junger Frauen in Teilen Afrikas: Sogenannte Sugar Daddys warteten in Autos vor Schulen, um nach dem Unterricht Mädchen abzuholen und nach Hause zu fahren. Als Gegenleistung erwarteten sie sexuelle Gefälligkeiten. Die Eltern seien oft ahnungslos. Mit der Bereitstellung von Schulbussen könnte man den Schülerinnen dagegen bequeme und sichere Transportmöglichkeiten bieten und den Sugar Daddys so einen Strich durch ihre Rechnung machen.

Bähr gratuliert den Autoren zu dem "mutigen Bericht", der die tieferliegenden Zusammenhänge der Problematik genauer beleuchtet. Der Ansatz "Schaut nicht nur auf das Mädchen, schaut auf das Umfeld" sei genau der richtige und "der Hebel zum Erfolg", so Bähr.

Sie fordert deshalb auch Union und SPD dazu auf, diese Themen als "elementare Bestandteile" der Koalitionsgespräche auf den Tisch zu bringen. "Gesundheit, Bildung, Geschlechtergerechtigkeit sind Schlüsselelemente", die im Koalitionsvertrag vereinbart werden und auch für das Nachfolgeabkommen der Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) ab 2015 eine wichtige Rolle spielen sollten.

Patrick Timmann

Links

Stiftung Weltbevölkerung: "Wenn Mädchen Mütter werden – Herausforderung Teenagerschwangerschaft"