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29/09/2016

Millenniumsziele lassen die Ärmsten im Stich

Entwicklungspolitik

Millenniumsziele lassen die Ärmsten im Stich

Die Millenniumsziele haben keine Auswirkungen auf die Ärmsten. Foto: UN ISDR (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) sind bei der Armutsbekämpfung gescheitert. Das Resümee zieht ein Bericht der Nichtregierungsorganisation (NGO) ATD Fourth World. Die Indikatoren der MDGs würden die am meisten benachteiligten Menschen kaum berühren. EurActiv Frankreich berichtet.

In dem Bericht „Challenge 2015: Towards Sustainable Development that Leaves No One Behind“ präsentiert die Nichtregierungsorganisation ATD Fourth World ihre Verbesserungsvorschläge für die Entwicklungspolitik nach 2015. Ihre Bilanz zur Armutsbekämpfung fällt gemischt aus. Die Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) laufen 2015 aus – und hätten die Ziele der Armutsbekämpfung und der Bekämpfung der extremen Armut teilweise verfehlt.

„Die MDGs haben sich nicht auf die Ärmsten ausgewirkt. Wir müssen gewährleisten, dass die Post-2015-Agenda niemanden zurücklässt“, sagte die Generaldirektorin von ATD Fourth World, Isabelle Pypaert Perrin, bei der Präsentation des Berichts beim Convergences World Forum letzte Woche in Paris.

An der Recherche für den Bericht waren mehr als 2.000 Menschen in zwölf Ländern beteiligt. Die meisten der untersuchten Länder sind arm oder extrem arm. Dem Bericht zufolge „haben [die MDGs] die ärmsten Bevölkerungsteile nicht erreicht“.

In manchen Bereichen, zum Beispiel bei der Bildung und der Gesundheit von Müttern, scheiterten die MDGs. Das Ziel, den Anteil der extrem Armen (weniger als ein US-Dollar pro Tag) an der Weltbevölkerung von 1990 bis 2015 zu halbieren, wurde hingegen vorzeitig erreicht.

Das geht aus einem Bericht der Vereinten Nationen (UN) von 2013 hervor: „Die Welt erreichte das Ziel bei der Armutsverringerung fünf Jahre früher als geplant. In Entwicklungsregionen fiel der Anteil der Menschen, die von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben von 47 Prozent 1990 auf 22 Prozent im Jahr 2010.“ Der UN-Bericht stützt sich auch auf Daten der Weltbank.

2007 wurde der Armutsindikator von einem US-Dollar auf 1,25 US-Dollar pro Tag angehoben.

Keine Statistik für die Ärmsten der entwickelten Länder

„Der Indikator von 1,25 US-Dollar hat die extreme Armut in entwickelten Ländern gänzlich unsichtbar gemacht, da er nur für Entwicklungsländer entworfen und berechnet wurde“, so der Bericht von ADT Fourth World.

In der statistischen Datenbank der Vereinten Nationen zu den MDGs gibt es keinen Maßstab für die extreme Armut in den Vereinigten Staaten oder den EU-Mitgliedsstaaten wie Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien, die am meisten von der Wirtschaftskrise und der Sparpolitik betroffen sind.

Unzuverlässige Indizes

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) entwarf 2010 den Multidimensionalen Armutsindex (MPI). Es ist ein Deprivationsindex für Privathaushalte, der Mängel im Bereich Gesundheit, Bildung und Lebensbedingungen feststellt.

Ein Kritikpunkt an diesem Index ist, dass Einige „zu arm erscheinen, um von der Statistik erfasst zu werden, was der Ineffizienz des Systems geschuldet ist“.

ATD Fourth World nutzte den MPI, um die Zahl der Menschen in absoluter Armut zu ermitteln. Dabei kam die NGO auf 1,65 Milliarden Menschen – deutlich mehr als die 1,4 Milliarden der UN-Schätzungen von 2012.

Überarbeitung der Indikatoren

Der Bericht empfiehlt eine Überarbeitung der Indikatoren für die neuen Ziele. Auch die Art der Verwaltung müsse überdacht werden. Dadurch könne man die Ärmsten nach dem Auslaufen der MDGs 2015 besser berücksichtigen.

ATD Fourth World hebt in ihren Empfehlungen insbesondere die Wichtigkeit einer besseren Miteinbeziehung der besonders Armen bei der Formulierung der Entwicklungspolitik hervor. 

Im Bericht steht: „Für jede Kampagne, Richtlinie oder Handlung müssen die Auswirkungen auf die unteren 20 Prozent als Maßstab für die Bewertung ihrer Wirksamkeit gelten.“

In einem solchen System würden die Entwicklungsziele nur dann als erfolgreich gelten, wenn auch die ärmsten und anfälligsten Einkommens- und Sozialgruppen davon profitieren.