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17/01/2017

Mikroversicherungen schützen Kleinbauern gegen Risiken des Klimawandels

Entwicklungspolitik

Mikroversicherungen schützen Kleinbauern gegen Risiken des Klimawandels

Tee-Bäuerinnen in Kenia.

[CIAT/Flickr]

SPECIAL REPORT / Bauern im globalen Süden können ihre Ernten gegen Umweltkatastrophen versichern. Doch das System hat einen Haken: Es mangelt an verlässlichen Daten. EurActiv Frankreich berichtet.

Die Versicherung der Ernte gegen Risiken durch den Klimawandel ist seit mehreren Jahren ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Armut. Das gilt vor allem in Afrika und Asien. Dort überleben zwischen 400 und 500 Millionen Bauern mit sehr niedrigen Einkommen.

Das System verknüpft den Schadensersatz mit einem Klimaindex. Es ermöglicht kleinen Familienunternehmen eine zumindest teilweise Versicherung ihrer Ernten gegen katastrophale Verluste, die sie ansonsten ruinieren würden.

Index-basierte landwirtschaftliche Versicherungen schützen alle Versicherungsnehmer einer bestimmten Region gegen Klimarisiken. Sie stehen Kleinbauern zur Verfügung, die sich klassische Versicherungsprodukte nicht leisten könnten.

„Mit dem Kilimo Salama-Projekt in Kenia sind wir beispielsweise in der Lage, Kapital von nur zehn Euro zu versichern“, sagt Olga Speckhardt, Leiterin der Abteilung weltweite Versicherungslösungen bei der Syngenta-Stiftung für nachhaltige Landwirtschaft beim Convergences World Forum in der vergangenen Woche in Paris.

Landwirtschaftliche Risiken managen

Die Ergebnisse sind sofort sichtbar. Das Projekt wurde 2009 in Kenia, Ruanda und Tansania ins Leben gerufen. 2013 gab es beim Kilimo Salama-Projekt 190.000 Versicherte. „Und wir streben bis nächstes Jahr eine Million an“, so Speckhardt.

Diese Versicherung deckt die Bauern gegen Dürren, übermäßigen Regen und Krankheit ab – für eine Prämie, die zwischen fünf und 25 Prozent des Versicherungswertes liegt. Bauern, die sich anmelden, sind dann in der Lage, Darlehen für Investitionen in ihre Betriebe aufzunehmen.

„Bauern, welche die index-basierte landwirtschaftliche Versicherung nehmen, sind in der Lage, die Investitionen in ihren Betrieb um zehn Prozent zu steigern“, sagte Speckhardt.

Mobiltelefone als Zahlungsportale

Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Versicherung wird auch durch die weite Verbreitung neuer Technologien möglich gemacht. Kleinunternehmer in armen ländlichen Gebieten operieren oft außerhalb des Bankensystems. Sie haben keinen leichten Zugang zu den traditionellen Systemen der Geldüberweisung.

Mittlerweile ist das Mobiltelefon in Afrika sehr verbreitet. Deshalb können Verluste rund um die Woche zurückerstattet werden. Es gibt in Afrika 500 Millionen Handybesitzer, wie eine Studie von PricewaterhouseCoopers aus dem Jahr 2012 zeigt. Demnach verfügen 40 Prozent der Afrikaner über ein Mobiltelefon.

Das bringt dem Versicherungssystem eine unverzichtbare Flexibilität. „Die Bauern müssen Zugang zu einer schnellen Rückerstattung haben, wenn sie ihre Versicherung aktivieren, ansonsten können sie ihre Anbaukulturen nicht umpflanzen“, erklärt Speckhardt.

Sonu Agrawal. Gründer von Weather Risk Managment Services, sagt: „In Indien kommunizieren Kleinbauern über den Zustand ihrer Ernte, indem sie Fotos über Whatsapp schicken.“

Umsetzgungsschwierigkeiten

Trotz der nachgewiesenen Effektivität ist dieses System kompliziert umzusetzen. Das wirtschaftliche Gleichgewicht ist auch für die Versicherer delikat. Sie verlassen sich oft auf die unberechenbaren örtlichen Versicherungsmärkte, um mit den Bauern in Verbindung zu treten.

Der Datenzugang ist eine weitere Schwierigkeit, mit der sie konfrontiert sind: Index-basierte Versicherungssystem brauchen bis zu 20 Jahre an Daten zum Niederschlag und der Produktivität, um profitabel und verlässlich zu sein.

„Datengenauigkeit ist eine große Barriere für die Entwicklung der index-basierten Versicherung in Entwicklungsländern“, sagt Gilles Galludec, Programmmanager der Global Index Insurance Facility der Weltbank. „Die Nutzung von Satellitendaten ist eine teilweise Antwort auf dieses Problem, das noch immer eines der Haupthindernisse ist, mit dem wir konfrontiert sind.“

Für Bauern in Entwicklungsländern ist die Aufnahme einer Versicherung nicht immer eine Priorität. „Wir haben Verkaufsschwierigkeiten, und vor allem Schwierigkeiten damit, den Landwirten diese Produkte zu erklären. Die Versicherungskultur in Entwicklungsländern bleibt ein echtes Problem. Landwirte finden das ein wenig rätselhaft“, sagt Galludec.

Eine wachsende Herausforderung

Die Landwirtschaft ist mit vielen Risiken konfrontiert. Insbesondere zunehmend verbreitete und schwere Klimagefahren gehören dazu und die Preisschwankungen auf den Märkten.

Diese schwierigen Umstände machen Bauern in Entwicklungsländern besonders anfällig. Die Landwirtschaft ist nicht nur oft der einzige Lebensmittel und die einzige Einkommensquelle in armen, ländlichen Gebieten. Die Bauern müssen auch auf die zunehmende Lebensmittelnachfrage auf dem afrikanischen Kontinent einstellen, und sich auf die Ernährung von zwei Milliarden Menschen bis 2050 vorbereiten.

„Afrika hat 60 Prozent des unkultivierten, anbaufähigen Lands der Welt und könnte genug Nahrungsmittel produzieren, um nicht nur seine eigenen Bedürfnisse abzudecken, sondern auch zu exportieren“, sagte der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan beim Afrika Forum der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in der vergangenen Woche in Berlin. „Und doch leiden Hunderte Millionen Menschen Hunger.“

Afrika gibt jedes Jahr 35 Milliarden US-Dollar für Lebensmittelprodukte aus. Doch bedingt durch den demographischen Wandel könnte diese Zahl in den kommenden Jahren explodieren. Experten zufolge wird sich die afrikanische Bevölkerung bis 2050 verdoppeln und sich bis zum Ende des Jahrhunderts verdreifachen.

Hintergrund

Die Landwirtschaft ist die Haupteinkommensquelle und der Arbeitsplatz für 70 Prozent der armen, ländlichen Bevölkerung weltweit. Trotzdem gibt Afrika jedes Jahr 35 Milliarden US-Dollar für den Import von Lebensmittelprodukten aus.

Die Auszehrung der Böden und die Bodenzerstörung gefährden, durch den Klimawandel verstärkt, die Fähigkeit der Entwicklungsländer, genügend Lebensmittel zu produzieren – zu einer Zeit, in der hohe Geburtenraten die lokale Nachfrage in die Höhe treiben.