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07/12/2016

Marokko will Landwirtschaftsabkommen mit Brüssel wieder aufnehmen

Entwicklungspolitik

Marokko will Landwirtschaftsabkommen mit Brüssel wieder aufnehmen

Der marokkanische Landwirtschaftsminister Aziz Akhannouch.

[Sarantis Michalopolous]

Die EU sollte ihr ins Stocken geratenes Agrar-Handelsabkommen mit Marokko wieder aufnehmen, fordert dessen Landwirtschaftsminister Aziz Akhannouch. EurActiv Brüssel berichtet.

Am 1. November 2012 unterzeichneten die EU und Marokko ein Handelsabkommen, das landwirtschaftliche Roherzeugnisse, weiterverarbeitete Agrarprodukte sowie Fische und Meeresfrüchte umfasste. Drei Jahre später erklärte der Europäische Gerichtshof (EuGH) den Agrar-Deal für ungültig. Der Grund: Das umstrittene Territorium der Westsahara gehöre ausgeklammert. Das EuGH-Urteil war das Ergebnis einer Rechtsklage der Separatistenbewegung Polisario Front, die die Unabhängigkeit der von Marokko besetzten Gebiete fordert. In Rabat nahm man den Gerichtsentscheid gar nicht gut auf. Die Beziehungen zur EU wurden abgebrochen. Um eine diplomatische Eskalation zu vermeiden, legte der EU-Rat nur wenige Tage nach dem Urteil Berufung ein. Bis Ende 2016 soll nun erneut eine Entscheidung gefällt werden.

Eine „konstruktivere Einstellung“

Marokko und die EU würden bis zum Gerichtsbeschluss zusammen daran arbeiten, besser mit der Situation umzugehen, bestätigt Akhannouch. „Wir versuchen, eine konstruktivere Einstellung anzunehmen, während wir auf das EuGH-Urteil warten.“ Obwohl man sich für internationale Märkte geöffnet habe, sei die EU für Rabat noch immer der größte Markt für landwirtschaftliche Produkte, betont der Minister. Darüber hinaus dürfe man nicht vergessen, dass die EU und der nordafrikanische Staat eine starke Sicherheitspartnerschaft, vor allem im Bereich Immigration, aufgebaut haben.

Nichtsdestotrotz sei Rabat „in gewisser Weise erstaunt“ über das Urteil gewesen. Seitdem, so Akhannouch, habe es „Unruhen und schwierige Momenten“ in den bilateralen Beziehungen gegeben. „Die Landwirtschaftsverbände waren sehr wütend. Das kann einen großen Einfluss auf zukünftige Handelsabkommen haben.“ Bis zum endgültigen Urteil würden die europäisch-marokkanischen Beziehungen unweigerlich auf die Probe gestellt.

Landwirtschaft und Immigration

Viele Länder wie Frankreich, Deutschland, Spanien und Portugal hätten Rabat im Rahmen der Berufung durch den EU-Rat unterstützt, unterstreicht der marokkanische Politiker. „Das ist für uns eine wichtige Stütze. Aus unserer Sicht ist die Landwirtschaft in allen Regionen, auch in Südmarokko, ein entscheidender Entwicklungsfaktor. Wir sind auf sie angewiesen, wenn wir die Lebensstandards unserer Bevölkerung halten wollen. […] Unser ganzes Land verfolgt ein und dieselbe Entwicklungsstrategie. Indem wir diese Strategie voranbringen, können wir viele Probleme lösen – zum Beispiel das der illegalen Einwanderung“, erklärt er. „Syrien ist weit weg und wir hatten viele Rückschläge in Deutschland. Marokko liegt nur etwa 14 Kilometer von Europa entfernt. Sie können sich sicher vorstellen, wie sehr sich unser Land dafür einsetzt, seine Grenzen zu sichern.“

Die Landwirtschaft ist das Rückgrat der marokkanischen Wirtschaft. Von schätzungsweise 16 Millionen Einwohnern verdienen etwa 80 Prozent ihren Lebensunterhalt mit der Bewirtschaftung von Ackerland. Der Agrarsektor ist für 35 Prozent der Beschäftigung und zehn Prozent der marokkanischen Exporte verantwortlich.

A Sahrawi farmer in Smara city.

Vor allem mit Spanien und Frankreich pflege Marokko exzellente Beziehungen, betont Akhannouch. Gemeinsam verfolge man zahlreiche Handels- und Entwicklungsprojekte. „Ich glaube, die Mittelmeerstaaten sollten ihre Beziehungen zu Marokko und Nordafrika aus einer anderen Perspektive betrachten.“

Der Grüne Plan

In einem aktuellen Bericht warnt die UN vor einer ernsthaften Wasserknappheit in den kommenden 15 Jahren. Vor allem Marokko soll sehr stark betroffen sein. Den Zugang zu Wasser für Haushalts- und Produktionszwecke (in der Landwirtschaft, der Industrie etc.) zu sichern, ist eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN.

 

A water point in the desert.

„Lange Zeit haben wir versucht, ein Maximum an Wassermengen und Ressourcen zu erhalten. Die bewässerte Fläche, die wir schützen und erweitern wollen, beträgt zur Zeit 1,6 Millionen Hektar“, so der Minister.

2008 lancierte Marokko den Grünen Plan, eine nationale Strategie mit dem Ziel, das landwirtschaftliche Umfeld für Landwirte zu verbessern. „[Mit dem Grünen Plan] haben wir ein lokalisiertes Bewässerungssystem eingerichtet. Wir hoffen, dass es bis 2020 etwa 550.000 Hektar umfassen wird. Es hilft uns nicht nur beim Wassersparen, sondern stärkt und verbessert auch die allgemeine Produktion“. Landwirte würden nämlich auch in Sachen Bewässerung ausgebildet. Bisher konnte das marokkanische Landwirtschaftsministerium etwa 700.000 Landwirte mit dem Grünen Plan erreichen. „Zwischen 2008 und 2015 lag unser durchschnittliches BIP-Wachstum bei 6,5 Prozent. […] Die Olivenproduktion ist um 84 Prozent gestiegen und bei den Zitrusfrüchten gab es einen Zuwachs von 65 Prozent auf zwei Millionen Tonnen.“

Private Anleger sorgen sich teilweise darum, dass ein nicht unerheblicher Teil des marokkanischen Ackerlandes angeblich dem König Mohammed VI gehöre. Diese Information sei an den Haaren herbeigezogen, bestreitet Akhannouch. „Die Landwirtschaft hat einfach eine lange Tradition. Selbst sein mittlerweile verstorbener Vater Hassan II hat sich sehr für sie interessiert. Er hat dem Sektor den Weg bereitet und ist für viele Landwirte ein Vorbild gewesen. Die marokkanischen Landwirte sind stolz darauf, einen König zu haben, der sich so sehr für die Landwirtschaft begeistert. Er unterstützt sie nicht nur, sondern weist ihnen den Weg“, meint der Minister und verweist auf die steigende Anzahl von Anlegern aus Frankreich, Spanien, Italien und dem Nahen Osten, die ihm zufolge in Marokkos Landwirtschaft investieren.

Überleben in der Wüste

In der Wüstenstadt Smara in der Westsahara leben 42.056 Menschen. Der Ort steht vor vielen ökologischen Herausforderungen. Eine besonders wichtige Rolle spielt hier die Viehzucht: So leben in der Stadt etwa 15.000 Kamele, 70.000 Rinder und 65.000 Ziegen. Die Bewässerung stellt ein großes Problem dar, denn Grundwasser ist kaum vorhanden. Daher investierte Marokko hohe Summen in eine Bewässerungsinfrastruktur, indem es unterirdisch künstliche Wasservorräte anlegte. So soll sichergestellt werden, dass die Nutztiere auch in Dürreperioden mit Wasser versorgt sind.

 

A camel in the desert

Darüber hinaus hat es sich das Landwirtschaftsministerium zur Aufgabe gemacht, die branchenübergreifende Zusammenarbeit zu fördern und Genossenschaften, Verbände, NGOs sowie die lokale Gemeinde zu unterstützen. So wurden bereits Verbände für Kamel- und Ziegenhalter ins Leben gerufen, deren Ziel es ist, die Wasserversorgung der Nutztiere zu koordinieren und Zugang zu Wasserstellen zu sichern.

 

Drought

Fischerei

Eine weitere Stadt im umstrittenen Gebiet der Westsahara ist Laayoune. Sie ist die größte Ortschaft in der Region und hat sich auf den Handel mit Fischereiprodukten spezialisiert. Beim regionalen Fischfang gehe es vor allem darum, nachhaltiger zu werden, erklärt Akhannouch im Gespräch mit EurActiv. „Fischereipolitik kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie mit einem nachhaltigen Ressourcenmanagement einhergeht.“

2009 ging Marokkos Fischereientwicklungsstrategie unter dem Namen Halieutis an den Start. Sie umfasst Managementpläne für kleine pelagische Arten, große Krebstiere, Seehecht, Garnelen, Roten Thunfisch und Schwertfisch. „All diese Pläne haben uns dabei geholfen, 2015 93 Prozent des Fischfangs dieser Arten abzudecken.“ 31 Prozent aller Weiterverarbeitungsanlagen befinden sich in Laayoune. Die Region verfügt über 883 kleine Fischerboote, was zeigt wie wichtig die Fischerei vor allem für „kleinere Anbieter“ ist.

 

Laayoune port.

Zeitstrahl

  • Ende 2016: EuGH spricht entgültiges Urteil über das landwirtschaftliche Handelsabkommen zwischen der EU und Marokko.

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