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29/09/2016

Madagaskars AIDS-Epidemie greift unbemerkt um sich

Entwicklungspolitik

Madagaskars AIDS-Epidemie greift unbemerkt um sich

In Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars, sind 15 Prozent der homosexuellen Männer HIV-positiv.

[Marco Zanferrari CC BY-SA 2.0/Flickr]

Eine AIDS-Welle breitet sich unbemerkt in den besonders gefährdeten Risikogruppen Madagaskars aus, doch zu selten unterziehen sich die Betroffenen einem AIDS-Test. Das verfälscht die Statistiken. EurActiv Frankreich berichtet.

Eines Morgens im November 2014 begann Lala Blut zu husten. Also brachte ihn seine Mutter zu einer Krankenstation in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo. Tuberkulose, lautete dort die Diagnose. „Das Krankenhausprotokoll hat mir automatisch auch einen HIV-Test angeboten. Ich habe ihn gemacht und einen positiven Befund bekommen“, erklärt er. „Ich wusste, dass man Tuberkulose behandeln kann. HIV hingegen wird mich mein ganzes Leben lang beeinträchtigen. Es war sehr schwer, das zu akzeptieren.“

Nur Lalas Partner und seine Mutter wissen, dass er HIV-positiv ist. Die Tuberkulose-Behandlung hat er inzwischen abgeschlossen. Seine virale HIV-Belastung konnte auf ein nicht mehr nachweisbares Niveau gesenkt werden. Bis heute weiß er jedoch nicht, wie er sich mit dem Virus infiziert hat. „Vielleicht liegt es daran, dass ich sexuelle Beziehungen mit anderen Männern habe“, vermutet er.

Besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen

Madagaskars AIDS-Epidemie konzentriert sich vor allem auf die hochgradig gefährdeten Bevölkerungsgruppen des Landes: 15 Prozent der HIV-Infizierten sind Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), sieben Prozent sind Nutzer von Injektionsdrogen und 1,3 Prozent (Stand 2012) Prostituierte. Am stärksten gefährdet sind junge Menschen, die zu mehreren Risikogruppen gehören.

Lala erfuhr nur zufällig durch seine Tuberkulose von der Infektion. Für viele MSM ist es jedoch schwierig, Zugang zu geeigneter Prävention, zu Screenings und einer Behandlung zu bekommen. Manche von ihnen besuchen Gesundheitszentren, an denen Schnelltests angeboten werden. „Meistens kommen MSM hierher, nachdem sie von Aufklärungshelfern angesprochen worden sind. Manchmal bekommen sie Rabattcoupons von ihnen. Dabei fallen die Screening-Preise je nach Fall unterschiedlich hoch aus“, erklärt Dr. Raniriharisoa Voahirana Lalao, Leiter des Gesundheitszentrums. „Sie kommen jedoch nur ein- oder zweimal zum Screening vorbei. Besonders schlimm ist, dass viele nur zur Beratung gehen und sich gar nicht testen lassen.“

Prävention durch Aufklärung

In ganz Antananarivo versuchen Aufklärungsarbeiter im Rahmen einer groß angelegten Präventionskampagne, Bewusst sein zu schaffen. Sie informieren über Kondome und regelmäßige AIDS-Tests – also über die grundlegendsten Schutzvorkehrungen. Ausgebildet und gefördert werden sie von der NGO Population Services International (PSI) , die weltweit in vielen Ländern aktive Hilfe leistet.

„Ich muss vielen hier zum Beispiel erklären, dass die Flüssigkeit am Ende des Kondoms kein Leitungswasser ist“, so Balou, ein Aufklärungshelfer. Das Wasser in Madagaskar ist so stark verschmutzt, dass diese Annahme viele davon abhält, überhaupt ein Kondom zu verwenden.

Die PSI-Initiative richtet sich ganz speziell an Risikogruppen. „Wir haben inzwischen Partnerschaften mit Nachtclubbesitzern, Bordellen, Hotelbars und so weiter aufgenommen“, betont Pierre Loup Lesage, ein PSI-Vertreter in Madagaskar. An diesen Orten können die Helfer Mitglieder der Risikogruppen ansprechen und sie davon überzeugen, sich testen zu lassen. Die NGO ist zurzeit jedoch nur in 37 madagassischen Städten aktiv. „Unsere Aufklärungsarbeit erreicht nicht die gesamte Bevölkerung“, so PSI.

Eine statistische Herausforderung

Abgesehen von den Schwierigkeiten innerhalb der Risikogruppen steht Madagaskar im Kampf gegen AIDS noch vielen weiteren Hindernissen gegenüber. Die offiziellen HIV-Infektionsraten im Land sind – sowohl alten als neuen Statistiken zufolge – relativ gering. 2014 waren angeblich nur 0,3 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Ähnliche Werte gibt es auch in Chile, Irland und Laos. Noch weitaus darunter liegen die Raten in afrikanischen Ländern wie dem Niger (0,5 Prozent) oder Mali (1,4 Prozent).

„Diese Zahlen spiegeln in keinster Weise die Realität wider“, so der Gesundheitsminister Madagaskars, Mamy Lalatiana Andriamanarivo. Der Grund dafür ist einfach: „Nur zwölf Prozent der 15- bis 25-Jährigen benutzen Kondome und 90 Prozent der Bevölkerung haben sich noch nie auf HIV testen lassen. Madagaskars Problem besteht darin, dass die Bevölkerung nicht über die Krankheit informiert ist“, fügt er hinzu.

Offizielle Schätzungen gehen von 40.000 bis 60.000 AIDS-Erkrankten auf der Insel aus. Die verfügbaren Daten sind erschreckend: Nur 1.300 Menschen in ganz Madagaskar wissen, dass sie infiziert sind und lediglich 900 von ihnen sind in Behandlung. Der Mangel an zuverlässigen Gesundheitsstatistiken behindert den Kampf gegen AIDS im Land.

Im Zusammenspiel mit Madagaskars Abhängigkeit von internationalen Hilfsgeldern ist diese Entwicklung ein besonders großes Handicap. Das nationale Gesundheitsbudgets besteht zu 90 Prozent aus den Zuwendungen internationaler Geldgeber. Ihre Großzügigkeit könnte angesichts der niedrigen statistischen HIV-Werte gefährlich sinken.