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28/09/2016

Madagaskar: Das gefährliche Comeback von Polio

Entwicklungspolitik

Madagaskar: Das gefährliche Comeback von Polio

Das Gesundheitszentrum in Tsihombe diagnostizierte 2015 vier der insgesamt zehn Polio-Fälle in Madagaskar.

[Tom Maguire/ACTION]

Noch 2005 hieß es, Madagaskar habe Polio besiegt. Niedrige Impfraten und schlechte Hygiene haben dem Virus jedoch ein Comeback ermöglicht. EurActiv Frankreich berichtet.

In Afrika gab man 2015 offiziell bekannt, der Poliovirus sei ausgerottet. Nigeria war das letzte afrikanische Land gewesen, das die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von ihrer Betroffenenliste streichen konnte. Doch kaum hatte man Entwarnung gegeben, tauchte der Virus im Süden Madagaskars wieder auf. Dort diagnostizierte man zwischen September 2014 und Ende 2015 zehn weitere Fälle. Allein in Tsihombe, einer Stadt in der südlichen Region Androy,  erkrankten vier Menschen an Polio.

Impfkampagne

Um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, lancierten die Behörden der Insel eine ehrgeizige Impfkampagne für die elf Millionen madagassischen Kinder unter 15 Jahren. Im Oktober dieses Jahres geht das Programms in die letzte Phase.

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In Ambovombe fanden bereits letztes Jahr schon zwei Polio-Impfkampagnen statt. „Wir gehen in ein Dorf und treffen uns dort mit dem Vorsitzenden. Dieser trommelt dann die Kinder zusammen, sodass wir sie an Ort und Stelle impfen können“, erklärt Soavinalie, Mitarbeiterin des lokalen Gesundheitszentrums.

Ambovombe

„Wir stehen kurz davor, die Krankheit auszumerzen: Seit acht Monaten wurden keine Neuansteckungen mehr gemeldet“, betont Charlotte Faty Ndiaye, WHO-Vertreterin in Madagaskar.

Ziel in Reichweite

Madagaskar ist nicht das einzige Land, das einen Rückfall im Kampf gegen den Virus einstecken musste: Auch Nigeria, Laos und die Ukraine meldeten 2015 neue Fälle.

Polio ist eine höchst ansteckende Krankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren befällt und innerhalb von nur wenigen Stunden unumkehrbare Lähmungserscheinungen auslöst. Auch wenn es kein Heilmittel gibt, hat doch die weltweite Impfkampagne vor 60 Jahren den Virus weitgehend ausgerottet. Laut WHO ist die Zahl der Polio-Erkrankungen seit 1988 um 99 Prozent gesunken. Nur zwei Länder gelten heutzutage mit insgesamt 74 Fällen  offiziell als endemisch: Pakistan und Afghanistan. „Wir waren noch nie so nahe dran, Polio auszumerzen. Seit fast zwei Jahren ist Afrika schon den Polio-Wildvirus los“, so Margaret Chan, Generaldirektorin der WHO.

Hygieneprobleme

Dass der Poliovirus im sanitären Minenfeld Madagaskars ein Comeback feiert, ist für die meisten Experten jedoch keine große Überraschung. Die jüngsten Erkrankungsfälle wurden durch die Reaktivierung der Polioviren im Impfstoff ausgelöst. Da es in einigen Regionen des Landes gängig ist, sich auf der Straße zu erleichtern, konnte sich der reaktivierte Virus relativ rasch verbreiten. „Polio wird durch das Wasser übertragen“, erklärt Elke Wisch, UNICEF-Vertreterin in Madagaskar. „Die Trinkwasserqualität hier im Land ist katastrophal, weil die meisten Menschen auf offener Straße defäkieren.“

„Die Menschen weigern sich, in ihrem Haushalt Toiletten anzuschaffen. Dadurch verschmutzen sie das Wasser. Das ist einer der Gründe, weshalb Polio wieder auf dem Vormarsch ist“, so der madagassische Gesundheitsminister Mamy Lalatiana Andriamanarivo. Selbst wenn mancherorts Latrinen eingerichtet werden, ändert das oft nichts an den Gewohnheiten der Menschen. „Sie nutzen sie eher um ihre Ersparnisse oder Lebensmittel darin aufzubewahren.“

Ein weiterer Grund für das Wiederaufflammen des Poliovirus ist die niedrige Impfrate in manchen Teilen des Landes. „Etwa die Hälfte der madagassischen Kinder ist nicht geimpft“, so Ndiaye. Schuld daran sind mehrere Faktoren: das schwache nationale Gesundheitssystem, die Abschottung gewisser Regionen und der Widerstand einzelner Gemeinden. „Wir verstehen nicht, warum manche Frauen ihre Kinder nicht im Rahmen unserer Kampagne impfen lassen wollen. Hier besteht Aufklärungsbedarf“, so die WHO-Vertreterin.

 

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