Leganés greift den weltweit Schwächsten unter die Arme

Ein saharauisches Flüchtlingslager in Tindouf in Algerien

This article is part of our special report Städte und Regionen vereint für Klimaschutz und Entwicklung.

SPECIAL REPORT / Für die Einwohner der spanischen Gemeinde Leganés in der autonomen Region Madrid ist Solidarität mit den ärmsten Menschen der Welt etwas ganz Selbstverständliches geworden. EURACTIV Spanien berichtet.

Das spanische Leganés versucht, den neuen Nachhaltigkeitsentwicklungszielen (SDGs) gerecht zu werden – vor allem, wenn es darum geht, Entwicklungsländer im Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen. „Armut ist nicht selbstverständlich. Sie hat Wurzeln, gegen die man kämpfen kann“, sagte der sozialistische Bürgermeister der Stadt, Santiago Llorente, in einem Interview mit EURACTIV.

Leganés gehört zum Großraum Madrid (einer Satellitenstadt) und liegt etwa elf Kilometer südwestlich des Stadtzentrums. Mit seinen modernen Gebäuden und langen Alleen gehört Leganés zu den fünf am dichtest besiedelten Städten der autonomen Region Madrid (6,4 Millionen Einwohner).

Leganés ist Mitglied der Spanischen Föderation von Kommunen und Provinzen (FEMP), Partner von PLATFORMA, dem europäischen Netzwerk lokaler und regionaler Entwicklungsbehörden.

In erster Linie ist Leganés aber eine Stadt, die stolz auf ihre Bewohner sein kann. Denn diese haben in den letzten 25 Jahren im Rahmen einer dezentralisierten Koordinierung von Entwicklungszusammenarbeit ein hohes Maß an Solidarität mit Entwicklungsländern, vor allem in Lateinamerika und Afrika, bewiesen.

Dieser Ansatz (ähnlich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit ODA, jedoch nicht direkt unter der Leitung der spanischen Regierung) hat viele Vorteile, so Llorente. „Wir haben eine direkte, horizontale Beziehung zu den Städten aufgebaut, mit denen wir arbeiten. Wir glauben, dass diese Art von Beziehung dank der Vernetzung unserer Gemeinden unsere Rolle als wichtige Akteure bei der städtespezifischen Problemlösung anerkennt. So verbessern wir indirekt die Lebensstandards ihrer Einwohner.“

Entlang der zwei Leitlinien Transparenz und Good Governance

Mit diesem Modell der Entwicklungszusammenarbeit, so Llorente, möchte die Stadt Leganés sicherstellen, dass man die Prinzipien der Good Governance, Transparenz und Rechenschaftspflicht umsetzt und politische Zusagen einhält. Mindestens zwei der bedeutendsten Projekte, die Leganés bisher in Entwicklungsländern durchgeführt hat, haben direkten Bezug zum Klimawandel: Das Eine hilft bei der Versorgung der saharauischen Flüchtlingslager von Tindouf in Algerien mit Strom, indem es Solarzellenplatten für Küchen bereitstellt. Das Andere beschäftigt sich mit der nachhaltigen Handhabung fester Abfälle in der ecuadorianischen Stadt Macará.

Madrid (und andere spanischen Städte und Gemeinden) kämpfen mit dem Defizitabbau, was die Großzügigkeit des Landes zunehmend strapaziert. Zwischen 2010 und 2012, fiel das Budget für Entwicklungshilfe um ganze 67 Prozent. „Den ärmsten Menschen auf der Welt zu helfen, ist für die Bürger von Leganés ganz selbstverständlich geworden. Natürlich haben sich die Kürzungen des spanischen Entwicklungsbudgets stark auf viele unserer Entwicklungsmaßnahmen ausgewirkt“, erklärte Raúl Moreno, Beauftragter für internationale Entwicklungszusammenarbeit in Leganés.

Die spanische Regierung unter Premierminister Mariano Rajoy versprach jedoch, zum Vorkrisenniveau der Entwicklungszusammenarbeit zurückzukehren, sollte sich die Wirtschaft des Landes in diesem oder im nächsten Jahr verbessern.

Solarenergie: Eine günstige und saubere Lösung

Das Solarenergieprojekt für Küchen in Tindouf geht zurück auf das Jahr 2008. Damals sah man Strom als Luxusgut – in Flüchtlingslagern fast undenkbar. Seitdem hat sich die Situation, unter anderem dank der Solidarität der Einwohner von Leganés, spürbar verbessert.

„Im (algerischen) Auser müssen wir noch in zwei Bezirken Solarpaneele aufstellen. Für viele Haushalte bieten Photovoltaikplatten und Batterien durch ihre Energiespeicherkapazitäten die einzige Möglichkeit, zu kochen“, so Moreno.

Humanitäre Helfer aus Leganés setzen sich in Tindouf jedoch auch für andere Bereiche ein: „Vor Kurzem haben wir uns um das Gesundheitswesen gekümmert. So haben wir eine Hauptversorgungseinheit, bestehend aus einem Kinderarzt, einem Allgemeinarzt sowie einer weiblichen und einer männlichen Krankenpflege, eingerichtet.“ Die Teams versuchten nun, ernsthafte chronische Erkrankungen, die auch Kinder betreffen, zu bekämpfen. Hierzu zählten zum Beispiel Asthma „und auch eine Gastroenteritis-Epidemie, die kürzlich in der Region ausbrach. Sie ist Folge von Überschwemmungen, die für viele gesundheitliche Probleme gesorgt haben. Unser nächstes Team wird im kommenden Januar in die Region reisen“, sagte Moreno.

Das Leitmotiv des Projekts sei die vernünftige Nutzung der zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen in einem schwierigen Umfeld, so Santiago Llorente. Vor allem habe man die lokalen Bewohner entlasten wollen. „Die Funktionsweise eines Solarpaneels ist ganz einfach und macht den Menschen das Leben um Einiges leichter“, betonte der Bürgermeister Leganés‘.

Verbesserter Umgang mit Feststoffabfällen in Ecuador und Nicaragua

Moreno und sein Team standen schon vielen Schwierigkeiten gegenüber. Eine besonders große Herausforderung war der Umgang mit festen Abfällen. „Lange Zeit hat man sich kaum um die Abfallwirtschaft gekümmert. Das verursachte zahlreiche, manchmal sogar sehr ernste Probleme, wie die Verschmutzung von Flüssen in der ecuadorianischen Provinz Macará oder die Verseuchung des Bodens“ sagte Moreno.

Die Stadt Leganés arbeitet aktiv mit dem Klimabereich der Stadtverwaltung Macarás zusammen, um einen umfassenden Managementplan für Feststoffabfall in der Provinz zu entwickeln und umzusetzen. So will man der derzeit schwierigen Lage die Stirn bieten. Diese Art des Arbeitens im Rahmen der spanischen dezentralisierten Kooperation sei laut Moreno zweifellos nicht nur am effizientesten, sondern auch am nächsten an den Empfängern. Das Projekt zielt unter anderem darauf ab, den schwächsten Menschen sauberes Trinkwasser zu bieten, sämtliche Feststoffabfälle zu sammeln und somit Gesundheitsrisiken in entlegenen oder armen urbanen Gegenden zu minimieren. Auf diese Weise schafft man grundlegende Sanitär- und Infrastrukturen.

In den Flüchtlingslagern von Tindouf trug die Stadt Leganés finanziell zu einem EU-Förderprojekt bei, in dessen Rahmen man ein Abfallsammelsystem einrichtete. „Bis vor Kurzem hat man tote Tiere, alte Batterien und anderen Abfall zermahlen. Das ist jedoch sehr gefährlich“, betonte Moreno.

Viele Jahre lang finanzierte die Stadt Legarés außerdem ein Projekt der NGO Friends of the Earth in Somoto, Nicaragua. Ziel war es, Kinder durch verschiedene Projekte zu den Themen Abfallreorganisation und Recycling von den Deponien freizuhalten. Vor der Umsetzung dieser Programme „durchsuchten zahlreiche Kinder den Müll nach Essbarem oder Gegenständen, die sich verkaufen ließen – nur um zu überleben“, erklärte Moreno.

Die Rolle der dezentralisierten Entwicklungszusammenarbeit

Die Annahme der Strategie für die Nachhaltigkeitsentwicklungsziele bei der UN-Generalversammlung im vergangenen September schaffte ein neues internationales Umfeld für die Entwicklungszusammenarbeit. In diesem spielt auch der Ansatz der dezentralisierten Entwicklungszusammenarbeit eine wichtige Rolle. Dies gilt vor allem für stark dezentralisierte Ländern wie Spanien (manche Experten sprechen von einem Quasi-Föderalstaat) mit 16 autonomen Gemeinschaften und „Lokalregierungen“ beziehungsweise Verwaltungsapparaten.

„Seit vielen Jahren verfügt die Stadt Leganés über ein gesondertes Budget für die Entwicklungszusammenarbeit. In Spanien ist die aus Steuergeldern finanzierte dezentralisierte Entwicklungszusammenarbeit jedoch nicht vereinheitlicht oder standardisiert, sondern in den einzelnen Regionen und Gemeinden unterschiedlich“, so Moreno.