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28/09/2016

„Land-Grabbing“ in Sambia: Unternehmen profitieren auf Kosten der Ärmsten

Entwicklungspolitik

„Land-Grabbing“ in Sambia: Unternehmen profitieren auf Kosten der Ärmsten

In Sambia leben 85 Prozent der Menschen von der Landwirtschaft. Foto: Florence Devouard (CC BY-SA 2.0)

Kooperationen von Öffentlichen und Privaten gelten als große Chance in der Entwicklungszusammenarbeit. Doch eine aktuelle Studie zu Agrarinvestitionen in Sambia kratzt nun am Lack dieses Erfolgsmodells: Viele Unternehmen seien lediglich am schnellen Profit orientiert, während die große Mehrheit der örtlichen Kleinbauern in Armut versinkt.

Die Landwirtschaft in Sambia boomt: Zwischen 2000 und 2011 explodierte das Volumen der Agrarinvestitionen von 8 Millionen auf 482 Millionen US-Dollar. Die Wirtschaft des im südlichen Afrika gelegenen Landes beeindruckte in der letzten Dekade mit Wachstumszahlen von jährlich mehr als 5,7 Prozent. Die Zuwachsraten des Landwirtschaftssektors, in dem 85 Prozent der Menschen in Sambia ihren Lebensunterhalt verdienen, lagen in den letzten vier Jahren zwischen 6,6 und 8 Prozent. EU-Entwicklungskommissar Andris Piebalgs attestiert dem Land „enorme Fortschritte“ insbesondere in den Bereichen Bergbau und Landwirtschaft.

Die Expansion des Agribusiness in Sambia wird getrieben durch sogenannte Public Private Partnerships (PPPs), also durch Kooperationen öffentlicher und privater Geber und Investoren. Die Idee dahinter ist einfach: Durch die Zusammenarbeit entfaltet sich eine Hebelwirkung. Sowohl Private als auch Öffentliche profitieren vom Know-How des Partners. Gleichzeitig ermutigt die Absicherung durch die öffentliche Hand die Privaten, größere Summen zu investieren. Die grundsätzliche Profitorientierung der Projekte sorgt überdies für eine möglichst kosteneffiziente Umsetzung.

Viele dieser privaten wie öffentlichen Geber stammen aus Europa. Auf institutioneller Ebene sind dies etwa der Europäische Investitionsfond, die Europäische Investitionsbank oder das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Auf Privater Seite tummeln sich Unternehmen wie die Investmentfirma Amathon Agri mit Sitz in Berlin oder der Industriedienstleister Ferrostaal mit Sitz in Essen.

Doch der Landwirtschaftsboom hat auch seine Schattenseiten, wie eine aktuelle Studie der Menschenrechtsorganisation für Ernährung FIAN belegt. Sambia gehört demnach weltweit zu den Ländern mit den größten Ungleichgewichten bei der Wohlstandsverteilung – und diese nehme weiter zu. Auch die Experten des „Committee on World Food Security“ (CFS) kommen in ihrem jüngsten Bericht zu dem Schluss, dass Sambias landwirtschaftlicher Sektor große Umwälzungen erfahre, die „oft gegen die Interessen der KleinbäuerInnen sind“. Schuld daran sei eine kleine aber einflussreiche Gruppe von Agribusiness-Unternehmen und Finanzinvestoren, von denen viele auch aus Europa kommen. Sie setzten die Kleinbauern einem steigenden Wettbewerb um Land und Produktion aus.

Das Resultat dieses „Land-Grabbings“ seien Landknappheit und Hunger als zwei der zentralen Probleme Sambias. Laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) leiden heute über 6 von rund 13,5 Millionen Sambiern an Hunger, gegenüber 4,4 Millionen im Jahr 2000. Die Weltbank bestätigt: „Sambias Wirtschaftswachstum hat zu keiner signifikanten Verringerung der Armut beigetragen.“

Armut und Landwirtschaft sind in Sambia eng gekoppelt, so die FIAN-Studie, denn die Landwirtschaft bildet die Existenzgrundlage für 85 Prozent der Bevölkerung. Der Zugang zu Land und Wasser seien daher wichtig für die Ernährungssicherheit der Menschen. Doch die ärmsten 25 Prozent der sambischen Haushalte besitzen durchschnittlich nur 0,6 Hektar Land. Das reiche kaum aus, um eine Familie zu ernähren oder den Lebensunterhalt zu bestreiten, konstatiert die Studie.

Viele Investoren suchen nur den Profit

„Rendite für den Investor ist das zentrale Handlungsmotiv“, schreiben die Autoren. Die Finanzinvestoren suchten mehr und mehr die direkte Kontrolle über die Landwirtschaft, zum Beispiel über Mehrheitsbeteiligungen. Mit der Folge, dass sie und nicht etwa die Bauern über den Anbau das Sagen hätten. Und obwohl auch die privaten Investoren der Entwicklungsprojekte stets „langfristige positive Entwicklungsaspekte“ vorgeben, wollten viele von ihnen nach einer Konsolidierung oder „erfolgreichen“ Expansion die finanziellen Gewinne abschöpfen und sich zurückziehen. Die Projekte sind zwar oft an Bedingungen und Versprechen wie der Schaffung von Arbeitsplätzen geknüpft, doch bliebe davon nach dem Rückzug der ursprünglichen Vertragspartner oft nicht viel übrig.

„Obwohl 1.639 Arbeitsplätze versprochen wurden, beschäftigt Chayton [eine Investmentfirma mit Sitz in Mauritius] heute 390 Arbeiter, mehr als die Hälfte davon über Gelegenheitsjobs. Da bestehende Farmen übernommen wurden, können die dort schon existierenden Arbeitsplätze kaum als durch die Kapitalspritze neu geschaffene Arbeitsplätze dargestellt werden. Vielmehr war die Übernahme der bestehenden Großfarmen von einem Verlust an Arbeitsplätzen begleitet“, so FIAN.

Die Studie zitiert einen Kleinbauer, der seinem Frust Luft macht: „Ich glaube, dass sich die Regierung nur um die Leute, die aus anderen Ländern kommen, kümmert und die einheimischen Sambier auf Kosten der Investoren leiden lässt. […] Land zu erwerben ist für einen Sambier schwieriger als für einen Ausländer.“

Die Studienautoren stellen deshalb die Sinnhaftigkeit von Finanzinvestitionen zur Unterstützung von Kleinbauern grundsätzlich in Frage. Solche Investitionen liefen Gefahr, die Durchsetzung des Menschenrechts auf Nahrung zu verhindern oder zu untergraben. Denn für die Investoren sei die städtische Mittelschicht die Verbraucherzielgruppe, bei der sich die meisten Profite erzielen ließen und nicht die Armen in den ländlichen Regionen, die keine relevante Zielgruppe seien. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten müssten deshalb explizit „die armen, gefährdeten und marginalisierten Gruppen priorisieren“ und entsprechende regulative Mechanismen einführen, fordert FIAN. Auch die Botschaften der EU-Staaten vor Ort sowie die EU-Delegation sollten eine Schlüsselrolle spielen: Sie könnten die Folgen der getätigten Investitionen überwachen und publik machen, zum Beispiel durch die Schaffung eines formellen Überwachungsmechanismus.