Kritik an Palmöl-Raubbau in Indonesien wächst

Brandrodungen für Palmöl-Plantagen in Indonesien. [Rain Forest Action Network/Flickr]

Indonesien steht in Flammen – und Rufe nach einem Stopp der illegalen Palmöl-Produktion werden laut. Doch eine aktuelle Studie zeigt: Sogar auf zertifiziertes Palmöl können sich Verbraucher in Europa nicht verlassen.

Von Sumatra bis Papua-Neuguinea – die Waldbrände in Indonesien nehmen in diesem Jahr katastrophale Ausmaße an. Eine wesentliche Ursache laut einem Bericht der indonesischen Regierung von Mitte September sind Konzessionen der Palmölindustrie. In den vergangenen Jahren wurden riesige Regenwald-Flächen gerodet und in Monokultur-Plantagen umgewandelt. Das Pflanzenöl landet zu großen Teilen nach Deutschland – in jedes zweites Supermarkt-Produkt, in Kosmetika, Autoreifen und Biokraftstoffen.

Der Grüne Bundestagsabgeordnete Uwe Kekeritz will den „Irrsinn“ nun stoppen – fordert von der indonesischen Regierung ein härteres Durchgreifen gegen die illegale Brandrodungen multinationaler Konzerne und drängt die Bundesregierung dazu, Indonesien bei der Durchsetzung entsprechender Reformen zu unterstützen. Palmöl-Importe in die EU müssten an verbindliche Umwelt- und Sozialstandards gekoppelt werden. „Zudem braucht es eine Ausweitung der Kennzeichnungspflicht – etwa auf Kosmetikprodukte“, verlangt Kekeritz am Donnerstag.

Eine aktuelle Studie des Südwind-Instituts für Ökonomie und Ökumene erörtert die Auswirkungen des Palmöl-Anbaus, der fast ausschließlich in Indonesien und Malaysia stattfindet. „Zu den immensen ökologischen Problemen kommen soziale Missstände hinzu, wie illegale Landnahmen oder die prekäre soziale Situation, in der sich viele Beschäftigte im Palmölanbau befinden“, so Studienautorin Irene Knoke. „Teilweise gibt es massive Menschenrechtsverletzungen, etwa auch in dem vergleichsweise wohlhabenden Malaysia, wo in einigen Regionen Migranten unter sklavenartigen Bedingungen leben müssen.“

Seit 2015 muss in Nahrungsmitteln ausgewiesen werden, welches die Ursprungspflanze eines pflanzlichen Öles ist. Zahlreiche Unternehmen hätten daher ein Interesse daran, auf nachhaltiges Palmöl umzustellen, so die Studie.

Runder Tisch für Palmöl

Einen Mindeststandard für den Anbau von Palmöl bietet derzeit der Runde Tisch für Palmöl (RSPO). Nach RSPO-Angaben vom Sommer dieses Jahres kommen 27 der 38 Mitglieder aus der Industrie, darunter Henkel, Unilever und REWE. Sie haben sich verpflichtet, zu 100 Prozent als nachhaltig zertifiziertes Palmöl zu verwenden.

Um eine Zertifizierung zu erlangen, müssen die Produzenten mehr als 160 Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Doch noch lag der Anteil des zertifizierten Palmöls und Palmkernöls am Gesamtverbrauch Ende 2013 bei nur 28 Prozent. „Die deutschen Unternehmen müssen ihre Hausaufgaben machen“, fordert der Generalsekretär des Forums, Daniel May.

Eine Umfrage des WWF vom September ist jedoch optimistischer: Demnach deckten mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen mittlerweile ihren Palmölbedarf zumindest teilweise mit zertifizierter Ware. Und während bei der Palmöl-Scorecard 2013 nur 29 Unternehmen zu 100 Prozent zertifiziertes Palmöl nutzten, waren es im September immerhin bereits 62.

Der Anteil der zertifizierten Palmöl-Produkte ist im Nahrungsmittelbereich und bei den Reinigungs- und Körperpflegemitteln deutlich höher als in der Chemie, beim Tierfutter sowie in der Pharmaindustrie. Für die Nutzung im energetischen Bereich ist in der EU eine Zertifizierung vorgeschrieben.

Zertifizierung keine Garantie für Nachhaltigkeit

Die Südwind-Studie kritisiert jedoch, dass die Zertifizierung keine Garantie für einen nachhaltigen Anbau ist – dass soziale und ökologische Standards oft nicht ausreichend eingehalten werden.

In den letzten Jahren gelanten eine Vielzahl von Verstößen gegen die geforderten Kriterien an die Öffentlichkeit. Dabei sei es auch immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen gekommen, vor allem der Missachtung von Landrechten lokaler Bevölkerungsgruppen, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, Räumungen oder Inhaftierungen. „Insofern birgt die Zertifizierung auch ein Risiko, denn wirklich nachhaltig, wie durch die Zertifizierung suggeriert, ist die Produktion in vielen Fällen nicht“, erklärt Irene Knoke.

Auch die weitreichenden Kriterien des RSPO weisen Schwächen in der Umsetzung auf: So sei der Erhalt von Waldkorridoren zur Verbindung von Waldstücken und Artenschutz nicht als Kriterium verankert. Die Maßgabe, keinen Regenwald zu zerstören, sei ebenso lückenhaft – lasse sie doch die sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen unberührt: Wenn also der Palmöl-Anbau andere Kulturen verdränge, die dann wiederum auf bewaldete Flächen ausweichen müssen, sei dies weiterhin erlaubt, kritisiert die Studie.

Die Studienautoren fordern deshalb eine Verschärfung der Zertifizierungskriterien: Diese sollten verstärkt auch im weiteren Verlauf der Wertschöpfungskette, vor allem in den Mühlen auf den Plantagen, Anwendung finden. „Die Verschärfung der Kriterien, aber vor allem auch eine lückenlose Umsetzung sind notwendig, weil angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung mit sich verändernden Konsummustern das äußerst flächeneffiziente Palmöl kaum noch wegzudenken ist“, so Knoke.

Der Gesetzgeber solle sich aber die Option offen halten, soziale und ökologische Standards rechtsverbindlich zu machen, schlägt die Studie vor. Auf diese Weise könnten international operierende Unternehmen in die Pflicht genommen werden, ihrer gesamten Wertschöpfungskette einzuhalten. Verstöße würden so entsprechend auf internationaler Ebene gehandet.

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