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29/09/2016

Importabhängig: Viele Entwicklungsländer riskieren Hunger

Entwicklungspolitik

Importabhängig: Viele Entwicklungsländer riskieren Hunger

Viele Entwicklungsländer produzieren nicht genug für den eigenen Bedarf und beim Import sind sie abhängig von wenigen Exportländern.

Ob durch Wetterextreme oder restriktive Ausfuhren von Exportländern: Weltweit sind 200 Millionen Menschen von Krisen durch einbrechende Nahrungsmittelimporte bedroht, zeigt eine Studie. Besonders Länder südlich der Sahara, die viel Reis einkaufen, wären stark betroffen.

Weizen, Reis und Mais sind die wichtigsten Grundnahrungsmittel weltweit, doch viele Entwicklungsländer produzieren nicht genug für den eigenen Bedarf. Oft sind die Staaten beim Import abhängig von wenigen Exportländern – mitunter nur einem einzigen – was große Risiken für die Ernährungssicherheit birgt, zeigen jetzt Forscher des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin.

Die MCC-Wissenschaftler berechneten, welche Folgen unterschiedlichen Regionen drohen,  falls wichtige Exporteure ihre Exporte zurückfahren oder sogar stoppen, beispielsweise nach einer Hitzewelle oder Dürre. Das Ergebnis: Besonders betroffen wären importabhängige Länder mit vielen Armen und vor allem einige westafrikanische Länder, die auf Reisimporte angewiesen sind.

Bei  Thailand als größtem Reislieferant liegt besondere Gefahr

Was das konkret heißt, zeigt Christopher Bren d‘Amour, Leitautor der MCC-Studie, an einem Beispiel: „Würde Thailand als größter Reislieferant weltweit seine Ausfuhr stoppen, bekämen das von Mauretanien bis Nigeria 136 Millionen Menschen zu spüren, die nach Definition der Weltbank als arm gelten“, sagt er. Bereits fünf Prozent weniger Reis auf dem Markt eines Entwicklungslands könnten den Preis dort bis zu 17 Prozent in die Höhe treiben. „Das ist dramatisch, wenn man weniger als zwei US-Dollar am Tag zum Leben hat“, so der Forscher.

Ein weiteres Risiko liegt der Untersuchung zufolge bei Importabhängigkeit von Mais aus den USA. Würde das Land die Lieferung stoppen,  wären 21 Millionen Menschen betroffen, vor allem in Mittelamerika und der Karibik. Besonders viele Länder Nordafrikas und im Mittleren Osten sind hingegen besonders anfällig für importbedingte Preissteigerungen von Weizen.

Dass es dazu kommen könnte, sei nicht unmöglich, sagt Bren d‘Amour. Wichtige Exportnationen wie Russland, Thailand und Vietnam würden häufig eine restriktive Ausfuhrpolitik bevorzugeb, um in schlechten Zeiten ihre inländischen Märkte zu stützen. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Beispiele, dass Wetterextreme zunehmen. Das wirkt sich meist negativ auf die Erträge aus.

Ernüchternd sind aber auch andere Berechnungen, die die MCC-Wissenschaftler aufgestellt haben: Würde der Export von Reis, Mais und Weizen weltweit nur um zehn Prozent zurückgehen, wären 55 Millionen Arme in 58 Ländern von Preissteigerungen betroffen. „Wenn eine Überflutung im Mekongdelta, Vietnam, die Reisproduktion zu Grunde richtet, kann sich der Slumbewohner in Lagos, Nigeria, das Grundnahrungsmittel Reis nicht mehr leisten“, warnt Felix Creutzig, Mitautor der Studie. So verstärke das Unwetterrisiko in einer Weltregion das Armutsrisiko einer anderen Weltregion.

Nahrungsmittelproduktion muss in kommenden Jahren extrem wachen

Dies ist mit Blick auf die aktuellen Berechnungen der OECD besonders  besorgniserregend: Denn der “Landwirtschaftsausblick 2014-2023” geht davon aus, dass die Nahrungsmittelproduktion wegen der veränderten Essgewohnheiten und der  wachsenden Weltbevölkerung im kommenden Jahrzehnt erheblich ausgeweitet werden muss. Vor allem Asien und Lateinamerika werden voraussichtlich die zusätzliche Nachfrage befriedigen. Insgesamt dürften sie mehr als drei Viertel der zusätzlichen landwirtschaftlichen Produktion der nächsten zehn Jahre stellen.

Die MCC-Wissenschaftler schlagen als Vorsorgemaßnahmen gegen Nahrungskrisen vor allem eine Stärkung der heimischen Landwirtschaft, wie es Nigeria versucht, vor. Auch mehr Handelspartner und eine Ausweitung der Nahrungsmittelpalette seien wichtig. Bewässerung und mehrere Ernten im Jahr durch den Anbau unterschiedlicher Pflanzen auf der gleichen Fläche könnten gerade in tropischen und subtropischen Gegenden höhere und vielfältigere Erträge ermöglichen. Entscheidend sei aber nicht zuletzt die Bekämpfung der Armut als Gegenmittel, „denn je mehr Geld die Menschen zum Leben haben, umso besser kann die Bevölkerung eines Landes Preissteigerungen nach kurzfristigen Nahrungsengpässen abfedern“, sagt Bren d‘Amour.

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