EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

27/08/2016

Impfen gegen die Armut

Entwicklungspolitik

Impfen gegen die Armut

Von links: Marwin Meier (World Vision), Stefan Kaufmann (Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie), Christina Schrade (SEEK Development), Patrick Timmann (EurActiv), Walter Seidel (EU-Kommission), Marcus Koll (BMZ). Foto: Kristian Fetz

Impfungen retten jedes Jahr Millionen Menschenleben. Doch noch immer sind nicht alle Menschen geschützt. Auch dieses Jahr werden 1,5 Millionen Kinder an vermeidbaren Krankheiten sterben. Auf einem EurActiv-Workshop debattierten Experten über aktuelle Chancen und Herausforderungen für die gesundheitliche Entwicklung der ärmsten Länder.

“Jede Minute sterben auf der Welt zehn Leute an AIDS, Malaria und Tuberkulose”, sagt Stefan Kaufmann, Leiter des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin. Gegen diese Krankheiten gebe es nach wie vor keine wirksamen Impfstoffe. Der Tuberkulose-Experte spricht vom “perfekten Sturm” und warnt eindringlich vor dem “Duo Infernale” aus HIV und Tuberkulose, das für die meisten Todesfälle unter HIV-Infizierten verantwortlich ist.

Anlässlich des EurActiv-Workshops “Impfen gegen Armut”, der in Kooperation mit der Bill und Melinda Gates Stiftung am 25. Juni in Berlin stattfand, trafen sich Entwicklungs- und Gesundheitsexperten und sprachen über die herausragende Bedeutung von Gesundheits- und Impfkampagnen in Entwicklungsländern. Denn noch immer sterben jedes Jahr 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren an übertragbaren Krankheiten, obwohl sich die internationale Gemeinschaft im Rahmen der Millennium-Entwicklungsziele seit fast 15 Jahren dafür einsetzt, die Kindersterblichkeit um zwei Drittel zu reduzieren.

Dieses Ziel werde bei der gegenwärtigen Fortschrittsrate jedoch erst 2028 erreicht, prognostiziert Christina Schrade, Geschäftsführerin des entwicklungspolitischen Beratungsunternehmens SEEK Development. Das würde bedeuten, dass weitere 35 Millionen Kinder sterben müssten.

[[{“fid”:”51286″,”view_mode”:”default”,”fields”:{“format”:”default”},”type”:”media”,”attributes”:{“class”:”media-element file-default”}}]]

 

Ein Teufelskreis aus Krankheit und wirtschaftlichem Stillstand

“In den meisten Entwicklungsländern gibt es nach wie vor eine Dominanz von infektiösen Erkrankungen”, bestätigt Walter Seidel von der EU-Kommission. Der Bereichsleiter für Gesundheit bei EuropeAid skizziert einen Teufelskreis aus Durchfall-, Atemwegserkrankungen, Lungenentzündungen und Malaria, der zu Fehl- und Mangelernährung führt und so die Abwehrkräfte der Erkrankten weiter schwächt. Ein Problem, nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für ihre Heimatländer: Denn wer geschwächt ist, ist nicht leistungsfähig, und wer nicht arbeiten kann, der trägt nicht zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei.

Wie zentral gesunde Menschen für eine Volkswirtschaft sind, belegt etwa eine Studie aus Mexiko. Demnach bedingt allein der Faktor Gesundheit 30 Prozent des langfristigen Wirtschaftswachstums des Landes.

Eine besonders wirksame Maßnahme, um die Volksgesundheit zu verbessern, sind Impfungen. “Impfen rettet mehr Leben als der Weltfrieden, wenn wir ihn hätten”, zitiert Marwin Meier vom Hilfswerk World Vision Deutschland die Worte der Ökonomen des sogenannten Kopenhagener Konsens. “Der Investitionsfall für Gesundheit ist da”, ist Meier überzeugt. Auch Kaufmann stimmt dem zu: “Für jeden Euro, den wir für eine Impfung ausgeben, sparen wir letztendlich 20 Euro durch das Nichtauftreten von Krankheiten.”

Marcus Koll vom Gesundheitsreferat des Bundesentwicklungsministeriums teilt diese Einschätzung ebenfalls: Durch die Vermeidung von Folgeschäden ergebe sich ein hoher Return on Investment. Koll beruft sich auf eine Schätzung der globalen Impf-Allianz GAVI, wonach man in den letzten 15 Jahren 60 bis 80 Milliarden US-Dollar eingespart habe durch den Einsatz von lediglich 12 Milliarden US-Dollar.

GAVI, die Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung, ist eine öffentlich-private Partnerschaft mit Sitz in Genf. Ihr Ziel ist es, durch Zugang zu Impfungen Kinderleben in den ärmsten Ländern zu retten und Gesundheit der Menschen insgesamt zu verbessern. Seit 2000 hat GAVI rund 440 Millionen Kinder immunisiert und damit 6 Millionen Todesfälle verhindert.

Tuberkulose: “Unsere Medikamente sind stumpf geworden”

Die Erfolge der Impfkampagnen können sich sehen lassen, gleichzeitig warnen die Experten aber vor zu viel Euphorie. Denn so einfach und wirkungsvoll das Mittel der Impfung ist, so gewaltig sind die zukünftigen Herausforderungen.

Zum Teil liege das am mangelnden Problembewusstsein, gerade auch in Deutschland, so Kaufmann. Die Tuberkulose beispielsweise spiele heute in den Köpfen der Deutschen keine Rolle mehr. Vor 130 Jahren sei das noch ganz anders gewesen. Damals war TB noch für jeden dritten Todesfall verantwortlich. Der hohe Leidensdruck führte aber zu großen Anstrengungen zur Verbesserung von Diagnostik und Behandlung der Krankheit, man entwickelte einen Impfstoff, Antibiotika wurden entdeckt. Die Tuberkulosefälle wurden in der Folge immer weniger, bis die Krankheit nahezu besiegt schien. “Das Buch der Tuberkulose, so dachte man, wurde geschlossen, doch leider war das völlig falsch”, resümiert Kaufmann.

Während die Tuberkulose in Vergessenheit geriet und die Medikamente und Impfstoffe nicht weiterentwickelt wurden, trieb die Krankheit in Entwicklungsländern weiter ihr Unwesen. Gleichzeitig entwickelten sich die Krankheitserreger weiter. “Mikroben sind Lebewesen”, die sich laufend verändern und anpassen, erinnert Kaufmann. Das Ergebnis: “Unsere Medikamente sind stumpf geworden, Resistenzen nehmen Überhand.” Heute gebe es keinen Impfstoff gegen die häufigste Form der Tuberkulose, die Lungentuberkulose.

Kaufmann fordert die Politik deshalb auf, mehr Geld in die Erforschung neuer Impfstoffe zu investieren. Das Geld könnte auch via GAVI die Impfstoffentwicklung fördern, denn die Impfallianz steigert die weltweite Nachfrage nach Impfdosen enorm und bietet den Herstellern damit einen Anreiz, neue Impfstoffe zu entwickeln.

2015: Das deutsche GAVI-Jahr

Anfang 2015 wird Deutschland Gastgeber der sogenannten Wiederauffüllungskonferenz von GAVI sein. Ziel ist es, zusätzliche 7,5 Milliarden US-Dollar zu mobilisieren, um in den nächsten fünf Jahren weitere 300 Millionen Kinder durchzuimpfen. Wenn dies gelingt, könnten dadurch weitere 5-6 Millionen Leben gerettet werden, hofft Christina Schrade.

Laut Seidel gibt die EU bereits jährlich 25 Millionen Euro für Impfungen aus. Die Finanzierung sei in der Haushaltsperiode bis 2020 gesichert. Auch Deutschland unterstützt GAVI mit 30 Millionen pro Jahr. Zu wenig, findet Marwin Meier: “Deutschland ist ein großer Hinterherschlepper” und bleibe weit hinter den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurück. “Das Geld reicht nicht aus. 100 Millionen wäre der faire Beitrag Deutschlands zur Finanzierung von GAVI.”

Es ist unwahrscheinlich, dass Deutschland den NGO-Forderungen vollumfänglich nachkommen wird. Trotzdem soll der Beitrag für GAVI bereits in diesem Jahr auf 38 Millionen Euro angehoben werden, sagt Koll. Auch werde dieser Beitrag in den nächsten Jahren voraussichtlich weiter steigen. Die deutschen Steuergelder seien bei GAVI gut investiert, ist Koll überzeugt. Darüber hinaus werde sich Deutschland als Gastgeber der Wiederauffüllungskonferenz bei den anderen Gebern dafür einsetzen, dass die Finanzierungsziele bis 2020 erreicht werden.