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04/12/2016

„Größte humanitäre Krise in der jüngeren Geschichte“

Entwicklungspolitik

„Größte humanitäre Krise in der jüngeren Geschichte“

Das Syrische-Flüchtlingscamp Arbat im kurdischen Nord-Irak.Foto: Cmacauley (CC BY-SA 3.0)

Im Schatten der Krim-Krise droht der Bürgerkrieg in Syrien in Vergessenheit zu geraten. Obwohl die Zahl der Notleidenden stetig zunimmt, fließt die finanzielle Unterstützung der Staaten immer zäher. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schlägt Alarm: Syrien braucht umgehend milliardenschwere Hilfe, sonst droht eine humanitäre Katastrophe ungeahnten Ausmaßes.

Am Samstag (15. März) jährt sich der Syrien-Konflikt bereits zum dritten Mal. Der Bürgerkrieg hat bislang über 140.000 Menschenleben gefordert, mehr als eine halbe Million Menschen wurden verletzt. Über 6 Millionen Menschen befinden sich innerhalb der Landesgrenzen auf der Flucht, rund 2,5 Millionen suchen im Ausland Schutz, die meisten von ihnen in Nachbarstaaten. Ein Ende der Gewalt ist nicht absehbar. Die humanitäre Situation der Menschen in Syrien und den Flüchtlingscamps ist dramatisch, der Zugang zu Nahrungsmitteln wird immer schwieriger, je länger der Krieg andauert. Und es sei sehr wahrscheinlich, dass sich die humanitäre Lage in Syrien auch 2014 weiter verschlechtern werde, sagt Muhannad Hadi, Nothilfe-Koordinator des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in Syrien.

Hadi, der sich Mitte der Woche mit deutschen Regierungsmitgliedern und Parlamentariern in Berlin traf, zeichnet vor Journalisten ein düsteres Bild: "Dies ist die größte humanitäre Krise in der jüngeren Geschichte." Seine Organisation sei mit 3000 Lastwagen im Einsatz und werde allein diesen Monat 4,25 Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Trotzdem wird dem WFP nach wie vor der Zugang zu einigen Gebieten verwehrt. Schätzungen darüber, wie viele Menschen von der Versorgung durch das WFP abgeschnitten sind, seien mit großer Vorsicht zu genießen, betont Hadi, doch gehe er von insgesamt über einer Million aus.

Der UNO-Sicherheitsrat verabschiedete am 22. Februar einstimmig eine Resolution, die alle Konfliktparteien dazu auffordert, den freien humanitären Zugang für alle UNO-Organisationen und deren Partner zu gewährleisten. Doch die Konfliktparteien kümmert das offenbar wenig. Hadi appelliert deshalb eindringlich an alle Konfliktparteien, endlich die Arbeit der Hilfsorganisationen nicht weiter zu behindern. Ob es was nützt, ist ungewiss, denn, so Hadi weiter: "Leider gibt es auch terroristische Organisationen, die in Syrien aktiv sind und uns den Zugang zu den Menschen verweigern."

Für Thomas Silberhorn (CSU) ist dies nicht hinnehmbar. "Das Aushungern der Bevölkerung als Waffe einzusetzen, stellt ein Kriegsverbrechen dar", so der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesentwicklungsministerium. Am Mittwoch (12. März) traf er sich mit Hadi und sicherte ihm die Unterstützung der Bundesregierung zu, den Druck auf die Konfliktparteien zu erhöhen.

Bald nur noch 1000 Kalorien pro Tag?

Das WFP versorgt auch Syrien-Flüchtlinge in den angrenzenden Ländern Türkei, Libanon, Irak und Jordanien. Bis Ende 2014 sollen rund 2,7 Millionen von ihnen von der Hilfe profitieren. Sie erhalten vom WFP Essens-Gutscheine, die sie in den lokalen Geschäften einlösen können. Auf diese Weise fließen rund 400 Millionen US-Dollar insbesondere in die schwach entwickelten Gebiete im Libanon und in Jordanien, in denen es besonders große Flüchtlingslager gibt. Es profitierten also nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die lokale Wirtschaft, rechnet Hadi vor.

Aber die Kosten für die großangelegte Hilfe sind gewaltig: Allein 2014, so Hadi, werde die Syrien-Krise 6 Milliarden US-Dollar verschlingen. 2 Milliarden davon sollen in die Nothilfe des WFP fließen. Das entspreche 40 Millionen US-Dollar pro Woche. Dennoch reiche die Nahrung nicht immer für alle. Das Schlimmste, erzählt Hadi, seien die Gesichtsausdrücke der Frauen, die nicht wüssten, ob sie für ihre Familien eines der Essenspakete ergattern könnten. Damit möglichst alle Menschen etwas abbekommen, kürzt das WFP die Lebensmittel-Rationen ab März um 20 Prozent auf gut 1500 Kilokalorien pro Kopf und Tag. Das ist nicht genug, selbst für gesunde Erwachsene. Und schießen die internationalen Geber nicht bald mehr Geld nach, müssten die Rationen im Mai möglicherweise sogar auf 50 Prozent reduziert werden, befürchtet Hadi. Bereits seien einige Syrer den Hungertod gestorben, wie viele es genau sind, könne er nicht sagen. Aber auch wer nicht umkomme, werde durch die Mangelernährung geschwächt. Besonders gefährdet seien die Jüngsten: Babys und Kleinkinder, die in den ersten 1.000 Tagen ihres Lebens nicht genügend zu essen bekommen, trügen lebenslange Schäden davon, warnt der Jordanier Hadi.

2014 fehlen 99 Prozent der notwendigen Mittel

Trotzdem halten sich die UNO-Organisationen mit direkten Forderungen etwa gegenüber Europa zurück. Auf Anfrage von EurActiv.de heißt es diplomatisch, das WFP finanziere sich ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen von Regierungen, Unternehmen und Privatpersonen. Man sei in ständigem Kontakt mit den Geberländern. Kaum konkreter auch die Auskunft von Stefan Telöken, Sprecher bei der UNO-Flüchtlingshilfe UNHCR: "Die EU ist im Bereich der humanitären Hilfe eine der größten Geber für die humanitäre Hilfe vor Ort. Wir hoffen, dass dieses starke Engagement fortgesetzt wird, wobei der Bedarf in diesem Bereich angesichts der weiter steigenden Zahl der Flüchtlinge, Binnenvertriebenen und notleidenden Zivilbevölkerung  weiter zunehmen wird."

Wieviel Geld hat die EU bisher für Syrien gespendet? 2013 habe Brüssel das WFP weltweit mit 336,6 Millionen US-Dollar unterstützt, informiert die Organisation. Weit mehr, nämlich rund 1,14 Milliarden US-Dollar, erhielt das WFP von den EU-Mitgliedsstaaten. Von diesen Geldern hat das WFP 362 Millionen US-Dollar in die Syrien-Hilfe (auch in den Nachbarländern) gesteckt. Damit haben EU und Mitgliedsstaaten rund 30 Prozent der Syrien-Nothilfe des WFP finanziert, teilt die Organisation mit.

Prekär sieht bis jetzt die finanzielle Ausstattung für 2014 aus: Bisher hätten einige EU-Mitgliedsstaaten insgesamt 24,3 Millionen US-Dollar gespendet, das entspricht laut WFP ledig einem Prozent der benötigten Mittel. Was die Zusagen für dieses Jahr angeht, hält sich der Leiter des WFP-Büros in Berlin, Ralf Südhoff, bedeckt. Die Versprechen der weltweiten Geber bewegten sich in der Größenordnung von circa 300 Millionen US-Dollar. 

Die Bundesrepublik unterstützte 2013 das WFP mit einem Beitrag von umgerechnet 250 Millionen US-Dollar. Die Zusagen der Bundesregierung für die humanitäre Hilfe in Syrien belaufen sich laut Auskunft des Auswärtigen Amtes im laufenden Jahr auf gut 110 Millionen US-Dollar. Seit 2012 hat sich Deutschland die Unterstützung in der Syrien-Krise rund 670 Millionen US-Dollar kosten lassen, knapp 350 Millionen davon für die humanitäre Hilfe.

"Die Menschen können nicht warten"

Angesichts der völlig unzureichenden Mittel für 2014 mahnt Syrien-Nothilfekoordinator Muhannad Hadi zur Eile: "Es ist sehr wichtig, dass die Spenden kommen und dass sie bald kommen. Wenn wir heute Geld bekommen, dauert es sechs Wochen, um es für die Menschen in Homs in Nahrung zu übersetzen." Geld, welches das WFP im März erhalte, komme den Notleidenden womöglich erst im Mai zugute, gibt Hadi zu bedenken. "Die Menschen können nicht warten."

Der Krieg in Syrien hat in der öffentlichen Aufmerksamkeit in den letzten Wochen Konkurrenz bekommen: Die Krise in der Ukraine und auf der Krim. "Die Befürchtung ist da, dass die Spannungen innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft mit Blick auf die Ukraine auch die Suche nach einer Lösung des Syrien-Konfliktes noch viel schwieriger macht als sie es ohnehin schon ist – schlimmstenfalls sogar unmöglich", schätzt Stefan Telöken die politischen Konsequenzen ein. Bezüglich der Bereitschaft der Geber, finanzielle Hilfe für Syrien zu leisten, schließt auch Hadi negative Auswirkungen durch die Krim-Krise nicht aus. Aber er gibt sich zweckoptimistisch: "Es gibt ein Gefühl der Verantwortung unter den Gebern, die Menschen in Syrien zu unterstützen. Das haben wir in den vergangenen zwei Jahren gesehen und ich bin sicher, dass das auch so bleibt." Und dann gebe es ja noch die Golf-Staaten, die großzügig spendeten: Allein Kuwait habe letztes Jahr 300 Millionen US-Dollar gezahlt, dieses Jahr sollen es sogar 500 Millionen US-Dollar werden. Auch Saudi-Arabien könnte bald substantielle Hilfe sprechen, so Hadis Hoffnung.

Patrick Timmann

Links

Vereinte Nationen: Unanimously approved, Security Council resolution demands aid access in Syria (22. Februar 2014)

Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen
: Fakten zur Syrien-Hilfe

EurActiv Brüssel: ‚Forgotten‘ Syria in urgent need of humanitarian aid (18. März 2014)