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25/09/2016

Globaler Kraftakt: Impfallianz GAVI sammelt 7,5 Milliarden Dollar für Kinder-Impfungen

Entwicklungspolitik

Globaler Kraftakt: Impfallianz GAVI sammelt 7,5 Milliarden Dollar für Kinder-Impfungen

Auf der GAVI-Geberkonferenz in Berlin: Die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg (v.l.), Jakaya Kikwete, Präsident von Tansania, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ibrahim Boubacar Keita, Präsident von Mali, und Entwicklungsminister Gerd Müller. © dpa

In den kommenden fünf Jahren will die internationale Impfallianz GAVI rund 300 Millionen Kinder weltweit gegen Krankheiten impfen. Allein die Bundesregierung verspricht dafür 600 Millionen Euro. Hilfsorganisationen wie Oxfam und Ärzte ohne Grenzen warnen indes: Ein zu großer Teil des Geldes landet in den Taschen großer Pharmakonzerne.

Die globale Impfallianz GAVI hat ihr Ziel erreicht: Auf der Geberkonferenz in Berlin haben Staaten, Stiftungen, Unternehmen und private Spender rund 6,6 Milliarden Euro (7,5 Milliarden US-Dollar) zugesagt, um bis 2020 rund 300 Millionen Kinder in Entwicklungsländern zu impfen. Schirmherrin der Konferenz war Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie stellte der Allianz 600 Millionen Euro in Aussicht – fast 200 Millionen Euro mehr, als zuvor angekündigt.

Die Erhöhung ist Merkel zufolge auch wegen der anhaltenden Ebola-Krise notwendig. „Wir müssen mehr investieren in Prävention und Forschung“, bekräftigte die Bundeskanzlerin.

„Wir hatten uns als Weltgemeinschaft vorgenommen, die Kindersterblichkeit bis zu diesem Jahr um zwei Drittel zu senken. Geschafft haben wir gerade mal die Halbierung. Das ist ein Skandal“, sagte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. „Wir sind es den Kindern dieser Welt schuldig, hier kräftig nachzuarbeiten. Impfprogramme sind auf diesem Weg nicht das einzige, aber eines der wirksamsten Instrumente.“

Neben Deutschland stellen auch andere Länder hohe Geldbeträge in Aussicht: Die USA verspricht eine Milliarde Dollar, die britische Regierung und die Gates-Stiftung je 1,5 Milliarden Dollar. EU-Entwicklungskommissar Neven Mimica will die EU mit 200 Millionen Euro beteiligen, auch China kündigt fünf Millionen Dollar an.  

Mit Hilfe der im Jahr 2000 auf Initiative von Microsoft-Gründer Bill Gates gegründeten Impfallianz GAVI konnten bislang fast eine halbe Milliarde Kinder weltweit geimpft werden. Doch weiterhin sterben Jahr für Jahr 6,3 Millionen Kinder – die Hälfte von ihnen an Krankheiten, die leicht behandelbar oder sogar vermeidbar wären.

Durch GAVI erhalten derzeit die 73 ärmsten Ländern der Welt Impfstoffe zu Preisen, die fünf mal niedriger sind als in Industrieländern. Die Allianz von Regierungen, Pharmaunternehmen, Stiftungen und NGOs finanziert beispielsweise Impfstoffe gegen Diphterie, Keuchhusten, Tetanus, Hepatitis B, Pneumokokken, Masern und Polio. Kritiker monieren jedoch, dass knapp ein Viertel der 73 Länder bald „zu reich“ werden, um weiterhin die vergünstigten Konditionen zu genießen – das wäre fatal für rund 22 Millionen Kinder, die noch immer keinen Impfschutz haben.

NGOs bezeichneten die GAVI-Geberkonferenz dennoch als „vollen Erfolg“. Die über 7,5 Milliarden US-Dollar seien ein großer Vertrauensbeweis für GAVI. „Nun kann die Allianz weiterhin messbare, kostengünstige Ergebnisse liefern und sicherstellen, dass mehr Kinder Zugang zu den Impfstoffen bekommen, die sie benötigen – egal, wo sie leben“, so Michael Elliott, Präsident und Geschäftsführer der Kampagnenorganisation ONE.

Die sonst so kritischen begrüßten besonders das Engagement der Bundesregierung: Deutschland übertreffe erstmals den seiner Wirtschaftskraft entsprechenden Anteil, erklärten die Organisationen ONE, Plan International, Save the Children, Stiftung Weltbevölkerung und World Vision.

„Starkes Signal für G7“

„Die Bundesregierung zeigt klar, dass sie Verantwortung für eine bessere Kindergesundheit weltweit übernimmt“, sagte Christoph Waffenschmidt, Vorstandsvorsitzender der Kinderhilfsorganisation World Vision Deutschland. „Der Impfgipfel ist ein erfolgreicher Auftakt in ein Jahr, in dem Deutschland den G7-Vorsitz hat.“

Gegenüber EurActiv.de bekräftigte Waffenschmidt jedoch, dass bei der Bekämpfung der Kindersterblichkeit weiterhin viel zu tun sei. Denn allein mit Impfungen werde man diesem Problem nicht Herr. So müssten die Menschen in Entwicklungsländern unter anderem einen besseren Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten. „Die Bundesregierung muss als G7-Gastgeberin dafür sorgen, dass die Entwicklungsagenda kein Randthema bleibt.“

Ärzte ohne Grenzen: „Impfhersteller verlangen zu hohe Preise“

Ärzte ohne Grenzen und Oxfam begrüßten die GAVI-Zusagen, forderten jedoch Reformen der Impfallianz. Auf GAVI, einer öffentlich-private Partnerschaft, hätten Impfstoffhersteller zu starken Einfluss. Sie würden seit Jahren zu hohe Preise für ihre Medikamente verlangen würden.

„Um möglichst viele Kinder weltweit zu schützen, müssen die in Berlin zugesagten Beiträge effizient eingesetzt werden. Derzeit haben aber Firmen durch die Intransparenz auf dem Impfstoffmarkt die Möglichkeit, überteuerte Preise zu verlangen. Auch deshalb können nach wie vor nicht alle Kinder geimpft werden“, erklärt Philipp Frisch von Ärzte ohne Grenzen.

„Wir fordern die Schirmherrin der Konferenz Angela Merkel daher auf, zusammen mit den anderen Geberländern Druck auf die Pharmaunternehmen auszuüben, die Preise deutlich zu senken. Anstatt die von den Unternehmen verlangten Preise hinzunehmen, müssen als erster Schritt unabhängige Untersuchungen über die tatsächlichen Produktionskosten durchgeführt werden“, so Frisch.

Reformen an dem System von GAVI verlangte auch Jörn Kaliniski von Oxfam Deutschland. „Insbesondere fordern wir eine Stärkung von Gesundheitssystemen in Ländern, die von GAVI Unterstützung erhalten, sowie weniger Einfluss der Pharmaindustrie in den Entscheidungsgremien der Impfallianz.“

Hintergrund

2015 ist Zieljahr für die Umsetzung der Millennium-Entwicklungsziele (MDGs). Das Ziel 4, die Reduzierung der Kindersterblichkeit, konnte jedoch nur teilweise erreicht werden. 1990 starben fast 12,6 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Die Zahl konnte die Weltgemeinschaft inzwischen nahezug halbieren. Das Entwicklungsziel wird bei der derzeitigen Fortschrittsrate jedoch erst 2028 erreicht.