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26/09/2016

Geben und Nehmen: Das neue Fischereiabkommen zwischen der EU und Mauretanien

Entwicklungspolitik

Geben und Nehmen: Das neue Fischereiabkommen zwischen der EU und Mauretanien

Ein europäischer Fischdampfer kann bis zu 250 Tonnen Meerestiere pro Tag fangen. Für eine solche Menge bräuchten 56 traditionelle westafrikanische Boote ein ganzes Jahr.

[Shutterstock]

Die EU hat im Mai ihr vierjähriges Fischerei-Abkommen mit Mauretanien erneuert, das mehr als 100 EU-Schiffen Zugang zu mauretanischen Gewässern gestattet. Im Gegenzug unterstützt die EU lokale Fischergemeinden

Die Erneuerung dieser Vereinbarung soll die steigende Binnennachfrage nach Fischerei-produkten in Europa decken, der die EU allein bei weitem nicht mehr nachkommen kann. So steigen die Werte der Extra-EU-Importe seit 2009 durchschnittlich 6 Prozent pro Jahr. Allein 2014 importierte die  EU Fisch- und Meeresprodukte im Wert von rund 21 Milliarden Euro – also wertmäßig viermal mehr als Fleisch. Tendenz steigend.

Paradigmenwechsel in der europäischen Fischereipolitik

Einer der Grundlagen für den zweifelhaften Ruf der Europäer, jahrzehntelang vor der Küste Afrikas die Bestände zu fast 90 Prozent überfischt zu haben, ist das  partnerschaftliche Abkommen über nachhaltige Fischerei (SFPA) von 1987, das EU-Schiffen im Rahmen ihrer internationalen Fischfang-Aktivitäten den Zugang zu Fischereigebieten in Entwicklungsländern ermöglicht.

Doch das erneuerte Abkommen mit Mauretanien soll unter einem neuen ganz neuen Stern stehen, denn die Anfang 2014 in Kraft getretene „Gemeinsame Fischereipolitik“ der EU hat sich radikal der nachhaltigen Fischerei verpflichtet. Und das soll auch sich auch in den Fischerei-Handelsbeziehungen widerspiegeln.

Das bi-laterale Abkommen zwischen der EU und Mauretanien sieht vor, dass die Fischerboote der EU im Jahr bis zu 281.500 Tonnen Garnelen, Thunfische, Grund- und Tiefseefische fangen. Im Gegenzug zahlt die EU für ihre Fänge und verpflichtet sich, jedes Jahr etwa 59,13 Millionen Euro in die Partnerschaft zu investieren.

fishery treaties

Von dieser Summe sind 4,13 Millionen dafür vorgesehen, Fischergemeinden in Westafrika in den Bereichen Nachhaltigkeit, Beschäftigung und Bekämpfung illegaler, unregulierter Fischerei zu unterstützen.

Einzigartig ist das Abkommen jedoch auch, weil es im Gegensatz zu vielen anderen vergleichbaren Deals nicht nur Thunfisch, sondern eine wirkliche Vielfalt an Beständen umfasst. Die zum Fang ermächtigten Schiffe kommen aus Italien, Portugal, Spanien, Griechenland, Deutschland, Irland, Frankreich und Lettland.

Dem EU-Parlament zufolge ist dieses Abkommen ein Vorbild in Sachen Transparenz und Umsetzung. In Mauretanien gibt es eine Initiative für mehr Transparenz im Fischereisektor (FiTI), die auf Offenlegung und Teilhabe setzt. Dank ihr werden keine heimlichen Fischereiverträge mehr vergeben, was der Überfischung entgegenwirkt. Die Initiative bemühte sich dabei sehr, auch Unternehmen und die Zivilgesellschaft für ein verantwortungsbewusstes Fischereimanagement zu mobilisieren. Sämtliche Akteure der Fischereiindustrie loben sie als Meilenstein im Kampf gegen die Überfischung. Aufgebrauchte Beständen verursachen westafrikanischen Ländern jährlich bis zu 1,1 Milliarden Euro an Kosten.

Ausbeutung afrikanischer Fischbestände

Dennoch üben Forscher  und Umweltschützer  zunehmend Kritik an dem Abkommen. Sie werfen der EU vor, die europäischen Überfischungsprobleme nun auch in afrikanische Gewässer zu exportieren und dort die Fischbestände auszubeuten. Angesichts dieser Vorwürfe versuche die EU ihr Gesicht zu wahren, indem sie beispielsweise die sogenannten Fischereipartnerschaftsabkommen (FPA) einführte. Anders als bei rein kommerziellen Deals beinhalten die FPAs neue Mechanismen, die die Fischerorte bei der Entscheidungsfindung mit einbinden.

Abgesehen davon habe sich die Situation jedoch kaum geändert, so die Kritiker. Obwohl Mauretanien in den letzten 25 mehr als eine Milliarde Euro für die EU-Fischereirechte einstrich, lässt sich kaum festmachen, dass das Geld in irgendeiner Weise den lokalen Fischergemeinden zugutekam oder die Fischereiindustrie des Landes gestärkt hätte. Fischdampfer sind schon fast überholt und selbst das Wachstum auf dem Markt für handwerkliche Flotten geht nicht auf Regierungsbeteiligung zurück.

Die Umweltorganisation Greenpeace gehört zu den größten Kritikern der EU Fischfangaktivitäten in afrikanischen Gewässern. Ihr zufolge sei die EU-Präsenz vor Ort nicht nachhaltig und hindere Afrika daran, einen eigenen robusten Fischereisektor aufzubauen. „Die Auswirkungen auf lokale Gemeinden sind enorm. Da es immer weniger Fische gibt, sind viele Fischer gezwungen, weiter hinaus zu fahren, was sehr gefährlich ist. Andere geben einfach auf und ziehen weg. Die Fischdampfer demolieren traditionelle Fanggeräte, deren Ersatz sich die Einwohner nicht leisten können. Auch wenn die Abkommen offiziell mit den Regierungen geschlossen werden, müssen die Lokalgemeinden und die afrikanischen Gewässer die Zeche zahlen“, heißt es in einem Greenpeace-Bericht mit dem Titel „The Price of Plunder. How European taxpayers are subsidising factory trawlers to strip fish from West Africa’s waters“. (Der Preis der Beute: Wie europäische Steuerzahler Fischdampfer finanzieren, die die Fischbestände westafrikanischer Gewässer plündern). „Wenn der Fischgang als Haupteinnahmequelle und Lebensgrundlage dient, ist es durchaus wichtig, wie viel wir aus den afrikanischen Gewässern stehlen. Außerdem steigt die Kollisionsgefahr mit Fischdampfern. So manch westafrikanischer Fischer musste bereits mit seinem Leben bezahlen“, so der Bericht.

Afrikanische Fischerleute haben nicht mehr als ihre mittelalterlichen Boote, um mit EU-Industrieschiffen zu konkurrieren. Ein europäischer Fischdampfer kann bis zu 250 Tonnen Meerestiere pro Tag fangen. Für eine solche Menge bräuchten 56 traditionelle Boote ein ganzes Jahr.

Hinzu käme laut Bericht, dass die Präsenz von Hochseedampfern vor Westafrika etwa 1.500 Schildkröten und 60.000 Haie gefährde.