EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

27/08/2016

Flüchtlinge in Griechenland: Eine “unheimliche” humanitäre Krise

Entwicklungspolitik

Flüchtlinge in Griechenland: Eine “unheimliche” humanitäre Krise

Die Schlauchboote der Schlepper zur Überquerung des Mittelmeeres.

[Ann Wuyts / Flickr]

Die Beschlüsse des letzten EU-Gipfels werden bislang weitgehend missachtet. Die Folge: Die Flüchtlingskrise auf den griechischen Inseln nimmt nie dagewesene Ausmaße an. EurActiv Griechenland berichtet.

Athen warnt, dass sich die Anzahl von Flüchtlingen und Migranten auf griechischem Boden im kommenden Monat auf 70.000 Personen verdreifachen könnte. Grund dafür ist die Deckelung der erlaubten Grenzübergänge in der Balkanregion, die Tausende Menschen im Land festhält.

Griechenland habe schwere Tagen vor sich bis zum nächsten EU-Türkei-Gipfel am 7. März, betont der Migrationsminister Ioannis Mouzalas in einem Interview mit EurActiv. “Griechenland steht vor einer immensen Herausforderung. Mehrere Zehntausend Flüchtlinge und illegale Einwanderer werden vorerst in unserem Land bleiben. Das wird uns große Schwierigkeiten bereiten. […] Wir möchten diesen Menschen angemessene Bedingungen bieten. Wir wollen sie mit der Würde behandeln, die unser Volk ausmacht.” Sein Land habe keine Zeit, sich vorzubereiten, da viele EU-Staaten die Übereinkünfte des letzten Gipfels einfach ignorierten und Griechenland durch ihre Grenzschließungen isolierten.

Eine unheimliche Situation

Auf dem Inselkomplex Dodekanes im Südosten der Ägäis hat die Situation inzwischen “unheimliche” Ausmaße angenommen, wie Euractiv erfuhr.

Leros, eine Insel mit 7000 Einwohnern, empfängt je nach Wetterlage zwischen 300 und 500 Flüchtlinge am Tag. Die meisten von ihnen beginnen ihre Reise in der Stadt Didim an der türkischen Ägäisküste und kommen über die Nachbarinsel Farmakonisi. “Schlepper setzen sie in Boote Richtung Farmakonisi […]. Dann werden sie von englischen und finnischen Frontex-Schiffen identifiziert und zur Insel Leros gebracht”, erklärt eine anonyme Quelle im Gespräch mit EurActiv. “In der Regel tragen die Schlepper Waffen. Die meisten sind Türken oder türkische Kurden.”

Was die Zusammensetzung der Flüchtlinge angeht, stammt der Großteil aus Syrien. Viele kommen aber auch aus Palästina, dem Irak oder Afghanistan. Die Einwohner von Leros wundern sich, warum letztere, die nicht als Asylsuchende gelten, sich gerade jetzt auf den Weg nach Europa machen.

EurActivs anonyme Quelle beschreibt darüber hinaus “unheimliche” Details des Alltagslebens auf der Insel. “Weil es nicht genug große Leichenhallen gibt, bewahrt man viele verstorbene Flüchtlinge inzwischen in Tiefkühltruhen auf. Was soll man denn tun, wenn es in einer Woche so viele Leichen gibt? Wir versuchen, die Situation in den Griff zu kriegen, aber es fehlt uns einfach an Ausstattung. […] Die Unterstützung aus dem Europäischen Gemeinschaftsmechanismus für den Katastrophenschutz lässt stark zu wünschen übrig.”

2001 führte man den Europäischen Gemeinschaftsmechanismus für den Katastrophenschutz ein, um die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Zivischutzbehörden Europas zu fördern. Sein Beitrag zur Lösung der Flüchtlingskrise ist jedoch enttäuschend gering. So beantragte Athen beispielsweise 26 Rettungswagen – bisher ohne Ergebnis.

Hotspot Leros

Letzte Woche ging der Hotspot auf Leros in Betrieb. Frontex-Beamte folgen hier zwei wichtigen Verfahren: der Überprüfung und Auswertung. Bei der Überprüfung identifizieren sie die Staatsangehörigkeit des Flüchtlings, machen Fotos und nehmen Fingerabdrücke, die in der EU-Fingerabdruckdatenbank Eurodac registriert werden. Die Mehrzahl der Flüchtlinge hat keine Dokumente oder Ausweise bei sich. Aus informierten Kreisen heißt es, es gebe Dokumente, in denen links die vom Flüchtling angegebene Nationalität vermerkt wird und rechts die vom Frontex-Beamten vermutete Staatsangehörigkeit, die sich aus einem kurzen Gespräch ergeben soll.

Bei der Auswertung führen Frontex-Beamte Einzelgespräche mit den Flüchtlingen beziehungsweise Einwanderern durch, ohne das andere Personen anwesend sind. In diesen Gesprächen versuchen die Frontex-Mitarbeiter etwas über den Charakter oder die frühere Lebensweise der Migranten herauszufinden. Dabei halten sie auch nach Informationen zu Schleppern und Menschenhändlern Ausschau.

Wirtschaftliche Katastrophe

Die Flüchtlingsströme schaden dem Tourismus der griechischen Inseln in der Ägäis nur allzu deutlich. So sind die Buchungszahlen der Insel Lesbos um 90 Prozent eingebrochen; auf Chios gab es einen Rückgang um 60 Prozent und auf Samos um 40 Prozent, schreibt die griechische Tageszeitung  Kathimerini. Die kommende Urlaubssaison wird laut Einschätzungen griechischer Hotelbesitzer in Chios die schlechteste seit 40 Jahren werden.

Weitere Informationen