Fairtrade-Kleidung: Große Modekonzerne treten Textil-Bündnis bei

Näher wie hier im Slum Dharavi in der Finanzmetropole Mumbai will die deutsche Modeindustrie künftig besser schützen. Foto: dpa

Etappensieg für Bundesentwicklungsminister Gerd Müller im Kampf gegen Ausbeutung und Sklaverei in der Bekleidungsindustrie: Die drei wichtigsten Verbände der Branche sowie zahlreiche große Modeunternehmen wie KiK, Aldi und H&M sind dem Textilbündnis beigetreten. Mahnende Worte kommen jedoch von den Grünen: Das Bündnis drohe zur Klatsch-Runde zu verkommen.

Das Textilbündnis von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller hat 31 neue Mitstreiter. Neben den drei großen Verbänden aus der Textilbranche haben zahlreiche einschlägige Unternehmen am Dienstag ihren Beitritt zum Textilbündnis erklärt – darunter bekannte Namen wie H&M, C&A, KiK, Schöffel, Otto, Tchibo, ALDI, REWE oder LIDL. Die Zahl der Mitglieder steigt damit auf über 100.

„Das ist ein starkes Zeichen auch in Richtung des G7-Gipfels am Wochenende in Elmau“, sagte Müller am Dienstag in Berlin. Deutschland sei damit Vorreiter für die internationalen Bemühungen auf dem Weg zu fairen Standards in den globalen Lieferketten. „Mit Textil machen wir hier in Deutschland einen Anfang. Gemeinsam mit allen Beteiligten wird es gelingen, zu fairen, sozialen und ökologischen Standards in der Textilproduktion zu kommen – vom Baumwollfeld bis zum Bügel.“

Bereits im vergangenen Herbst gründete der Entwicklungsminister das Textilbündnis. Darin sollen Unternehmen und NGOs Maßnahmen erarbeiten, um alle selbst beauftragten Produktionsstätten der ersten Zuliefer-Stufen in die Pflicht zu nehmen, ökologische und soziale Mindeststandards zu achten. Langfristig sollen die Regeln für die gesamte Wertschöpfungskette gelten. Müller selbst versprach, für mehr Aufklärung bei den Verbraucher zu sorgen. Das Versprechen hat er gehalten und eine Sozialsiegel-App lanciert.

Doch die großen Unternehmen waren bis vor Kurzem noch skeptisch. Sie lehnten eine Beteiligung am Bündnis ab, unter anderem weil sie verpflichtende Lieferstandards fürchteten. Einzelne Unternehmen hatten zudem die Sorge gehabt, durch einen Beitritt Wettbewerbsnachteile gegenüber Konkurrenten zu erleiden. Müllers Pläne hielten sie für „nicht realisierbar“, vollständige Transparenz entlang der gesamten Lieferkette kaum möglich.

Modifizierter Aktionsplan hat Unternehmen gelockt

Diese Sorgen scheinen sich mittlerweile verflüchtigt zu haben. Ein wesentlicher Grund: Die Partner des Textilbündnis hatten den Aktionsplan zuvor in einigen Punkten präzisiert. Dies betrifft besonders die Art und Weise, wie Bündnismitglieder verbindliche Ziele verfolgen und erreichen müssen und wie die Fortschritte dabei transparent überprüft werden. So soll nunmehr „die kontinuierliche Zielverfolgung […] in einem regelma?ßigen Review-Prozess durch unabha?ngige Dritte gewa?hrleistet“ werden.

Außerdem wurde eine „Mittelstandsklausel“ eingebaut. Demnach sind sich die Bu?ndnismitglieder einig, dass „die Ziele nicht von allen Partnern auf gleichem Niveau und zum selben Zeitpunkt erfu?llt werden ko?nnen.“ Dadurch soll auch auch kleinen und mittleren Unternehmen die Mitgliedschaft im Bu?ndnis ermöglicht werden.

Zudem verpflichtet sich das Textilbündnis, „den Anschluss an europäische und internationale Initiativen und Institutionen zu verfolgen, um über nationale Grenzen hinweg für „gleiche Wettbewerbsbedingungen und einen breiten Bündnisbeitritt“ zu sorgen.

Der Handelsverbandes Deutschland (HDE) zeigt sich zufrieden: „Wir haben mit dem Textilbündnis einen ambitionierten Aktionsplan erarbeitet, der nun einen breiten Beitritt der Wirtschaft ermöglicht“, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Die Ziele des Aktionsplans dienten als Handlungsrahmen für die künftige Arbeit. Die Ergebnisse sollen nach den Angaben durch eine unabhängige Stelle geprüft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Firmen fordern internationale Regeln

Einig sei man sich in dem Bündnis, dass Unternehmen auch in Lieferla?ndern keine Aufgaben des Staates oder der Tarifpartner wahrnehmen ko?nnten. „Wir dürfen uns in der Wirtschaft dem Thema nicht verweigern, aber wir können die Probleme nicht alleine lösen“, erklärte der HDE-Chef. An die Nichtregierungsorganisationen appellierte er, sich noch stärker einzubringen und ihre Rolle neu zu definieren: „Sie dürfen sich nicht auf die Kontrolle der Betriebe und Unternehmen beschränken, sondern sie müssen sich aktiv an der Durchsetzung von Verbesserungen vor Ort beteiligen.“

Die Unterzeichner sehen das Textilbu?ndnis jedoch als Anfang eines internationalen Prozesses. „Eine konsequent internationale Ausrichtung des Textilbu?ndnisses ermo?glicht nunmehr auch abgestimmte Initiativen der Staatengemeinschaft“, so Genth.

Kekeritz: „Worten müssen Taten folgen“

Der Grüne Entwicklungs-Experte im Bundestag, Uwe Kekeritz, begrüßte die Beitrittswelle. Jedoch fürchtet er, dass das Textilbündnis zum „Verhandlungs-Bündnis“ mutiert. Die Initiative müsse rasch konkrete Maßnahmen zur besseren Überwachung der textilen Lieferkette umsetzen. Auch warnte Kekeritz vor einer „inhaltlichen Verwässerung“. Die erhöhte Breitenwirkung des Bündnisses sei erfreulich, dürfe aber nicht auf Kosten hoher Standards erreicht werden.

„Es ist beispielsweise bedauerlich, dass das Bündnis in Bezug auf toxische Inhaltsstoffe weiter aufgeweicht wurde“, erklärte Kekeritz. „Das Bündnis darf sich nicht zu einer staatlich geförderten Plattform für Unternehmensinteressen werden, sondern muss dazu beitragen, Umwelt- und Sozialstandards in den Produktionsländern zu etablieren.“

Weitere Informationen

Liste der Mitglieder des Textilbündnisses unter www.textilbündnis.de