EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

07/12/2016

El Niño stürzt Süd-Madagskar in die Hungersnot

Entwicklungspolitik

El Niño stürzt Süd-Madagskar in die Hungersnot

Im Süden Madagskars greift die Hungersnot um sich. Vor allem Kinder leiden häufig an Mangelernährung.

[Anton_Ivanov / Shutterstock.com]

Das Wetterphänomen El Niño hat das Dürreproblem im Süden Madagaskars weiter verschärft. In den ärmsten Gegenden der Region sind 80 Prozent der Bewohner von der Lebensmittelknappheit betroffen. EurActiv Frankreich berichtet.

In Tsihombe habe es im Januar das letzte Mal geregnet, erinnert sich Reho Ziry, während er eine Brücke über das mittlerweile ausdörrte Mananbovo-Flussbett überquert. Seitdem scheint erbarmungslos die Sonne. Die Böden hier in der Androy-Region im Süden Madagaskars sind trocken, ebenso die Wasserläufe, die einst die Maisfelder durchzogen. „Normalerweise hält die Regenzeit von November bis März an“, erklärt Reho Ziry. Die Region durchlebt derzeit die schlimmste Dürreperiode seit 35 Jahren. Schuld daran ist vor allem das Wetterphänomen El Niño, das mehrere Länder im Süden des Kontinents schwer getroffen hat.

Nahrungsmittelkrise

Die verlängerte Dürreperiode hat bereits bei einem Großteil der Bevölkerung zur Hungerkatastrophe geführt. Laut jüngsten Schätzungen vom Februar sind etwa 1,1 Millionen Einwohner der sieben ärmsten, besonders in Mitleidenschaft gezogenen Gebiete (Amboasary, Ambovombe, Tsihombe, Beloha, Ampanihy et Betioky) vom Hunger bedroht – also 80 Prozent der dort lebenden Landbevölkerung.

Als wäre dies nicht schon schlimm genug, leiden 665.000 Madagassen unter ernsthafter Lebensmittelknappheit. „Madagaskar rutscht still und leise immer weiter in eine humanitäre Krise“, betont Elke Wisch, Vertreterin für UNICEF Madagaskar. „Natürlich ist der Süden des Landes besonders stark von El Niño betroffen. Aber das Dürreproblem wird mit dem Ende des Wetterphänomens nicht einfach verschwinden. Die Trockenheit hier ist chronisch“, erklärt sie.

Saatgut und Kakteen

Durch den ausbleibenden Regen in der Region, in der normalerweise Mais und Maniok angebaut werden, häufen sich die Ernteausfälle.1B5B8896Die Bewohner sind jedoch von der Landwirtschaft abhängig. Vor allem in den entlegeneren Dörfern müssen immer mehr Menschen um die letzten Samenkörner kämpfen, welche sie aus Hunger essen, anstatt sie einzupflanzen. Gleiches gilt für die nährstoffarmen Früchte von Kakteen. „Es gibt zwei verschiedene Arten von Kaktusfeigen: die weiß-orange gefärbten sind essbar, die roten hingegen nicht. Sie verursachen Verdauungsprobleme und Durchfall“, erklärt Schwester Josiane, die in einem Waisenhaus in Tsihombe arbeitet.

Die schwere Nahrungsmittelknappheit hat seit Beginn des Jahres 2016 eine dramatische Wende vollzogen. „Im Januar haben wir gehört, dass im Ort Ampary mehrere Menschen verhungert sind“, so Schwester Josiane.

Seitdem leitet die „Schwesternschaft der Nächstenliebe“ ein Programm für Suppenküchen in den verschiedenen Dörfern. So wollen sie der beginnenden Hungersnot Einhalt gebieten. In Ampary versorgen sie täglich bereits 1250 Kinder und ältere Menschen mit Nahrung. Insgesamt profitieren bereits 5.000 Madagassen von der Notversorgung.

1B5B9524

Weiterverkauf

Doch das Unterfangen ist nicht einfach. „Am Anfang haben wir noch ungekochte Lebensmittel in den Dörfern verteilt“, so Schwester Immaculada. Seit 1976 ist die 81-jährige Spanierin in einem Sozialzentrum von Tsihombe tätig. Sie weiß, dass die Ernährungshilfe oft mit Schwierigkeiten verbunden ist. „Das Problem mit den rohen Lebensmitteln war, dass sich auch nichtbedürftige Menschen bedient haben, um die Produkte auf dem Markt weiterzuverkaufen. Jetzt bekommt man bei uns nur noch gekochte Nahrung. Den einfachen Menschen ist es inzwischen nicht mehr peinlich, sich bei uns etwas zu Essen abzuholen“, unterstreicht sie.

Auch Hilfsprogramme für unterernährte Kinder stoßen immer wieder auf das Problem des Weiterverkaufs. „Wenn ein Kind stark unterernährt ist, schickt man es ins Krankenhaus, wo es mit Plumpy’nut [einer energiereichen Paste aus Erdnussbutter] versorgt wird“, so Schwester Immaculada. Mithilfe dieser therapeutischen Notnahrung erholen sich die Kinder meist innerhalb weniger Wochen und können dann zurück nachhause geschickt werden. „Wir müssen die Eltern jedoch immer bitten, die Kinder für die Versorgung hierher zu bringen. Denn ansonsten landen zahlreiche Päckchen auf dem Markt.“

Mangel- und Unterernährung

Trotz all dieser Hilfen verschärft sich das Problem der Unterernährung immer weiter. Vor allem Kinder sind betroffen. 

1B5B9576„Keiner hat Madagaskar mehr im Blick“, kritisiert Wisch. „Kinder leiden zunehmend unter Mangelernährung. Die Situation ist alarmierend und besonders ausgeprägt im Süden Madagaskars.“ Im Februar litten mehr als sieben Prozent der Kinder in dem Gebiet unter akuter Mangelernährung. In manchen Dörfern liegt der Anteil sogar bei über 15 Prozent.

Im Ernährungszentrum von Ambovombe werden gerade 56 schwer erkrankte Kinder unter fünf Jahren gepflegt. Auch dort behandelt man die schlimmsten Fälle mit Plumpy’nut. Die Betreuung ist gut eingespielt. Jede Woche wiegen die Verantwortlichen des Zentrums die Kinder und messen ihren Armumfang – eine Routineuntersuchung, die es erlaubt, den Grad der Mangelernährung und die notwendige Menge an Plumpy’nut zu bestimmen.
1B5B8585

Seit einer Woche wird hier Lahipinay behandelt. Er ist drei Jahre und sieben Monate alt. „Er hat 200 Gramm zugelegt, ist aber immer noch schwer unterernährt“, betont eine Krankenschwester, während sie dem Kind sein erstes Plumpy’nut-Päckchen hinhält. „Wir überprüfen auch, ob sie schon allein essen können. Wenn das nicht der Fall ist, müssen wir sie ins Krankenhaus schicken.“ Lahipinay und seine Mutter, Kazy Ambahiny, dürfen eine Box mit Erdnusspaste-Päckchen mit nachhause nehmen.

Im Zentrum ist man realistisch. „Wir haben auch seinen kleinen, zweijährigen Bruder im Programm. Es ist ein klassischer Fall von akuter Mangelernährung: eine Frau mit vielen Kindern, wahrscheinlich von unterschiedlichen Vätern“, meint die Krankenschwester.

1B5B8806

Plumpy’nut wird häufig zum Grundnahrungsmittel für die ganze Familie, so auch für Kazy Ambahiny, die inzwischen zum neunten Mal schwanger ist und die Päckchen unter ihren Kindern aufteilt.