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16/01/2017

Drama in Calais: Flüchtlinge sterben am Eurotunnel

Entwicklungspolitik

Drama in Calais: Flüchtlinge sterben am Eurotunnel

Blick auf den Eurotunnel bei Coquelles, nahe Calais. Foto: dpa

Die Situation am Eurotunnel zwischen Frankreich und Großbritannien spitzt sich zu: Immer mehr Flüchtlinge sterben bei waghalsigen Versuchen, die Grenze zu überqueren. London zieht erste Konsequenzen und steckt Millionen-Summen in einen drei Meter hohen Zaun.

Am Eurotunnel zwischen Frankreich und Großbritannien sterben immer mehr Flüchtlinge. Am Mittwoch wurde ein Sudanese nach französischen Polizeiangaben von einem Lastwagen überfahren. Nach Angaben französischer Medien ist er bereits der neunte Flüchtling, der seit Anfang Juni bei dem Versuch zu Tode kam, durch den Tunnel nach Großbritannien zu gelangen.

Nach Angaben der Behörden gab es allein in der Nacht zu Mittwoch 1.500 Versuche von Flüchtlingen, in den Tunnel vorzudringen. In der Nacht davor sollen Flüchtlinge sogar 2.000 Mal versucht haben, auf Lastwagen und Züge zu springen, die unter dem Ärmelkanal nach Großbritannien fahren. Auf der französischen Seite des Kanaltunnels hat Betreiber Eurotunnel in diesem Jahr 37.000 Fluchtversuche gezählt.

Auch in der Nacht zu Donnerstag haben zahlreiche Flüchtlinge versucht, von Frankreich nach Großbritannien zu gelangen. Etwa hundert bis 150 Flüchtlinge versuchten an der französischen Polizei und anderen Ordnungskräften vorbeizukommen. Die Flüchtlinge blockierten etwa eine Stunde lang einen der Eurotunnel-Ausgänge.

Die Betreiber des Tunnels unter dem Ärmelkanal teilten über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, dass es bei den Passagen vom englischen Folkestone aus etwa zwei Stunden Verspätung gebe. Seit Wochen versuchen immer wieder hunderte Flüchtlinge nachts zum Eurotunnel vorzudringen, um an Bord von Güterzügen nach Großbritannien zu gelangen.

Um die französische Stadt Calais gibt es etliche Lager, in denen sich Flüchtlinge versammeln, die den Weg nach Großbritannien wagen wollen. Der Fracht- und Personenverkehr durch den Kanaltunnel ist durch die Zwischenfälle erheblich beeinträchtigt.

Sowohl die britische als auch die französische Regierung äußerten sich am Mittwoch sehr besorgt über die Zuspitzung.

Frankreich kündigte die Entsendung von 120 zusätzlichen Polizisten an, warf aber dem Betreiber Eurotunnel vor, seine Sicherheitsmannschaft erheblich abgebaut zu haben. Die britische Regierung will mit einer Millionensumme die Errichtung eines drei Meter hohen Zauns um das Terminal bei Coquelles in Frankreich mitfinanzieren.

Bereits gestern hatte die britische Innenministerin Theresa May mit ihrem französischen Amtskollegen Bernard Cazeneuve über die Lage in Calais beraten, wo bis zu 5.000 Migranten gestrandet sein sollen. Sie verabredeten, dass der bestehende Zaun verstärkt und ausgebaut, mehr Videokameras installiert und mehr Hunde eingesetzt werden sollen.

Und beide Länder wollen, nach den Worten Mays, die Anreize für Migranten und Menschenschmuggler verringern: „Wir haben verabredet, dass wir zusammenarbeiten, um Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurückzuschicken, insbesondere nach Westafrika“, sagte sie. „Damit die Menschen dort sehen, dass es ihnen eben nicht möglich ist, einfach nach Europa zu kommen und hier zu bleiben.“

Deutscher Logistik-Verband warnt vor Situation am Eurotunnel

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) warnt eindringlich vor der Flüchtlingssituation auf der französischen Seite des Eurotunnels am Ärmelkanal. Lkw-Fahrer hätten dort „Angst um Leib und Leben“, sagte der stellvertretende BGL-Hauptgeschäftsführer, Adolf Zobel, der Nachrichtenagentur AFP. Fahrer deutscher Speditionen würden sich zunehmend weigern, Güter durch den Tunnel nach Großbritannien zu transportieren.

Die Situation vor dem Tunnel habe sich verschlimmert, sagte Zobel. Auch ein Appell an das Auswärtige Amt sowie an das Bundesverkehrsministerium habe bislang keine Wirkung gezeigt. Zwar habe die Bundesregierung auf ein Schreiben des Verbands geantwortet und erklärt, das Problem auf EU-Ebene zu besprechen – an der Situation vor Ort habe sich aber nichts geändert, betonte Zobel. Das Auswärtige Amt antwortete auf Nachfragen zunächst nicht.

Die dramatische Lage werde „auf dem Rücken der Logistik-Unternehmen“ ausgetragen, sagte Zobel weiter. Die Spediteure fühlten sich im Stich gelassen, weil die französische Polizei kaum etwas unternehme. Von den britischen Behörden werden Fahrer laut BGL wie Schlepper behandelt, wenn Flüchtlinge auf ihren Lkw gefunden werden. Die Fahrer müssten den Behörden nachweisen, alle Maßnahmen getroffen zu haben, um das Eindringen von Flüchtlingen zu verhindern.

Die Betreibergesellschaft Eurotunnel verstärkte zuletzt die Sicherheitsmaßnahmen in dem Gebiet um den Tunneleingang auf französischer Seite. Wegen der Mehrausgaben – und wegen Zugausfällen und Verspätungen infolge des Flüchtlingsansturms – hat das Unternehmen vergangene Woche von Frankreich und Großbritannien 9,7 Millionen Euro an Entschädigungen verlangt.