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30/09/2016

Das Leben in Slums als Chance?

Entwicklungspolitik

Das Leben in Slums als Chance?

Der Blick über den Slam von Ndirande

Foto: Ralf Bodelier

Heute leben eine Milliarde Menschen in Slums. Im Jahr 2050 wird nach Schätzungen der Weltbank jeder Dritte in einem dieser Herde für Armut und Epidemien wie Cholera oder Ebola leben. Doch dort, wo man es am wenigsten erwartet, mitten in diesen Slam-Vierteln von Mega-Städten wie Malawi oder Senegal, gibt es Optimismus und Widerstand gegen die Armut.

Morris Michael und Ng’oma Matchaya sind Bettler. Sie leben im Manyowe Slum, im Südwesten der Metropole Blantyre, der zweitgrößten Stadt im afrikanischen Land Malawi. Morris (27) ist gelähmt und sitzt in einem Rollstuhl. Ng’oma (29) schiebt ihn. Die beiden Männer gehören zu den 828 Millionen Menschen, die weltweit in einem der 200.000 Slums leben. Davon leben laut Weltbank rund 61 Prozent aller Slumbewohner in Asien, 26 Prozent in Afrika und 13 Prozent in Lateinamerika. Tendenz: steigend.

Die Europäische Union (EU) und ihre Mitgliedstaaten erbringen rund 60 Prozent der weltweiten Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit, um dem entgegen zu wirken. Das sind Jeden Monat über eine Milliarde Euro. Geld, das auch bei Morris und Ng’oma in Form von Schul- oder Straßenprojekten ankommt.

Der niederländische Journalist, Schriftsteller und Philosoph Ralf Bodelier hat viele Slums weltweit besucht. Er hat auch Morris und Ng’oma getroffen und ihr Leben in Blantyre dokumentiert.

„In praktisch jedem Slum ist die Luft schmutziger als auf dem Lande oder im Stadtzentrum. In afrikanischen Slums sind doppelt so viele Menschen mit HIV infiziert als in den Dörfern. Die Kriminalitätsrate ist hoch. Die Polizei ist häufig korrupt. In den Armenvierteln verbreiten sich Epidemien wie Cholera und Ebola rasend schnell“, so Bodelier.

Doch Bodelier ging es mit seinem Dokumentarfilm nicht darum, einen „weiteren“ Film über die Armut und die Probleme in den Slums zu drehen. Mithilfe des European Journalism Centre in Maastricht dokumentierte er gemeinsam mit afrikanischen Kollegen in 13 Folgen, warum Menschen im Slum leben wollen und was sie dort hält.  Die wesentliche Aussage  des Web-Dokumentarfilms „Slums. Engines behind the Development Goals“ lautet: „Slums machen ihre Einwohner nicht arm. Menschen kommen in den Slum, weil sie arm sind. Und weil sie hoffen, dass sie ihre Armut im Slum abschütteln können.“

Laut UN Habitat suchen drei Millionen Menschen weltweit ein besseres Leben in den Slums der Großstädte. Im Web-Dokumentarfilm erzählen Ng’oma und Morris  der Journalistin Salome Disi und dem Kameramann Ernest Phiri von den zahlreichen Möglichkeiten, die der Slum ihnen bietet.

Für die beiden Freunde, die sich 2009 durch einen Schicksalsschlag kennen lernten, bezeichnen den Umzug in die Slums von Blantyre als einen beträchtlichen Schritt nach vorne.
„Leben im Manyowe-Viertel mag schwer sein, die Existenz in den Dörfern von Malawi ist wesentlich schwieriger. Wer in einem Dorf lebt, wird in die Existenz eines Kleinbauern gezwungen. Selbst dann, wenn man viel lieber Schweißer, Lehrer oder Arzt geworden wäre. Und der Dorfbewohner, der kein Landwirt sein kann, weil er, wie Morris Michael, bis zum Hals gelähmt ist, ist ausschließlich auf das Wohlwollen anderer angewiesen“, so Bodelier. Hinter dieser Einschätzung steckt weder Zynismus noch eine westliche „Slum-Romantik“, sondern deckt sich mit den neuesten Analysen von UN Habitat.

Wirtschaftlich gesehen, tragen Slums demnach zur lokalen wirtschaftlichen Entwicklung bei. Sie verbessern die Mobilität von Städten und entwickeln eine außerordentliche wirtschaftliche Produktivität und bringen sowohl physische und sozioökonomische Struktur in die Städte. Aus diesem Grund sollten laut UN die Städte die Wohnbedingungen in den Slums weiter verbessern. Um dies zu erreichen, kann die Einbeziehung der Bevölkerung vor Ort ein leistungsfähiges Instrument sein, um Gemeinden mit niedrigem Einkommen zu mobilisieren,  ihre Forderungen an die Regierungen für ihre Stadtteile zu planen, zu steuern und am Ende durchzusetzen.  Vorausgesetzt, die Bevölkerung der Slums wird sinnvoll in alle Maßnahmen eingebunden, kann das wirklich ihr tägliches Leben verbessern.