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30/09/2016

Brexit: Hoffnung und Sorge in Kenia

Entwicklungspolitik

Brexit: Hoffnung und Sorge in Kenia

Die Vorsitzende des Kenya Flower Councils, Jane Ngige.

Foto: Kenya Flower Council

Ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens hätte auch in Kenia Auswirkungen. Zentralbank und Industrie sind sich jedoch uneinig, ob das Referendum Grund zur Sorge ist oder nicht.

Kenia hat genug Währungsreserven und Fonds um ein mögliches Ausscheiden Großbritanniens aus der EU zu überstehen. Zu diesem Ergebnis kommt die Central Bank of Kenya.

Obwohl Kenias Wirtschaft eng mit der Weltwirtschaft verbunden sei, komme ein Großteil des Einkommens von afrikanischen und regionalen Partnern, meint Dr. Patrick Njoroge, der Gouverneur der Zentralbank. Dennoch würde Kenia „etwas spüren“, sollte die Brexit-Kampagne eine Mehrheit erreichen.

„Der Brexit würde sich vor allem indirekt auf uns auswirken, da unsere Nachbarn schwächer sind und uns etwas ausbremsen würden. Eventuell spüren wir eine Schockwelle, aber im Großen und Ganzen befinden wir uns in einer komfortablen Position“, meint der Gouverneur.

Zum jetzigen Zeitpunkt betragen Kenias Währungsreserven 7,6 Milliarden US-Dollar, womit der Einfuhrbedarf von Gütern über fünf Monate gedeckt ist. Außerdem hat das Land Zugriff auf einen zweijährigen Beistandskredit des IWF in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar. Der im März gewährte Kredit stünde im Falle eins unvorhersehbaren wirtschaftlichen Shocks zur Verfügung.

“Wenn man sich den Devisenmarkt anschaut, sieht man, dass er ziemlich stabil ist und es daher keinen Grund zur Sorge gibt”, fügt Dr. Njoroge hinzu.

Dennoch sind kenianische Industrieunternehmen besorgt über einen EU-Austritt Großbritanniens und die langfristigen Auswirkungen auf Handels- und Außenbeziehungen zwischen den beiden Ländern.

Für die Hortikultur, eine der führenden Exportindustrien des ostafrikanischen Landes, wäre der Brexit ein Albtraum. Kenia exportiert überwiegend Frischerzeugnisse und Blumen nach Europa. Das Vereinigte Königreich und die Niederlanden stellen hierbei die größten Absatzmärkte da. Im ersten Quartal dieses Jahres verdiente Kenia 224 Millionen US-Dollar in den beiden Ländern – dies entspricht 18.3 Prozent der Gesamtausfuhren Kenias.

Die Geschäftsführerin des Kenya Flower Council, Jane Ngige, erwartet einen Rückgang der Verkaufszahlen, sollte Großbritannien die EU verlassen. Dies auszugleichen brauche Zeit, da  erneute bilaterale Verhandlungen  nötig sein, um neue Märkte zu erschließen. Kenia würde monatlich 40 Millionen US-Dollar verlieren, sollte das Partnerschaftsabkommen mit der EU nicht unterzeichnet werden. Das zum Oktober auslaufende Abkommen gewährt kenianischen Produkten zollfreien Zugang zum EU-Markt. Ein Brexit würde neue Handelsvereinbarungen mit der EU und Großbritannien nach sich ziehen, was kenianische Exporteure verunsichert.

“Sollte sich das Brexit-Lager widererwartend durchsetzen, würde das Totengeläut für kenianische Produkte einsetzen, die Großbritannien passieren. Im Gegensatz zur momentan kontingentfreien Situation wären die Produkte zu teuer und nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagt Finanzanalyst Julius Ooko.

Abgesehen von Handelseinbußen erwarten die Experten einen dauerhaften Druck auf den Wechselkurs sowie eine Kapitalabwanderung wegen der nervösen Weltmärkte. Letzteres hätte negative Auswirkungen auf die Börse in Nairobi, an der viele ausländische Investoren aktiv sind. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres betrug der Anteil von ausländischen Investitionen an der kenianischen Börse 12 Millionen US-Dollar.

„Man muss auch die Folgen für unser gesamtwirtschaftliches Umfeld berücksichtigen. Ein Erstarken des Dollars im Vergleich zum Schilling würde sich nachteilig auf die Lebenskosten auswirken, da Kenia in erster Linie ein Importland ist. Die Zentralbank wäre gezwungen zahlreiche Maßnahmen zu ergreifen, darunter auch eine Erhöhung des Zinssatzes“, meint Ooko.

Obwohl Kenias Industrie und Zentralbank die Auswirkungen des Brexits auf die kenianische Wirtschaft unterschiedlich einschätzen, sind sich beide einig, dass Kenia auf Störfälle vorbereitet sein muss, da Großbritannien ein zentraler Partner für Handel und Entwicklung ist.