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26/08/2016

Berlin-Memorandum: G7 muss “Hunger-Skandal” beenden

Entwicklungspolitik

Berlin-Memorandum: G7 muss “Hunger-Skandal” beenden

Kleinbauern – vor allem Frauen – sind der Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen den Welthunger, mahnt eine internationale Beratergruppe im Vorfeld der G7-Konferenz.

© Gates Foundation (CC BY-NC-ND 2.0)

Eine globale Allianz von NGOs, Wissenschaftlern und Unternehmern verlangt im Vorfeld des G7-Gipfels mit einem “Berliner Memorandum” einen Paradigmenwechsel in der Entwicklungspolitik: Die Industrieländer, allen voran Deutschland, müssten sich endlich auf Augenhöhe mit den Kleinbauern vor Ort begeben – nur so ließen sich Armut, Klimawandel und Kriege effektiv bekämpfen.

“Gebt Kleinbauern mehr Macht und so manche Kriege lösen sich in Luft auf” – so verkürzt lässt sich das “Berliner Memorandum” zusammenfassen, das Agrarexperten mehrerer Länder am Mittwoch auf einer Konferenz der Welthungerhilfe in Berlin veröffentlichten. Darin fordern die Autoren die G7-Staaten auf, mehr Geld und politisches Engagement in die Stärkung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft zu investieren.

Der Grund ist simpel: Kleinbauern verantworten 70 Prozent der Nahrungsmittelversorgung, zugleich leben rund 80 Prozent von ihnen unter der Armutsgrenze. Unter den mehr als 800 Millionen weltweit hungernden Menschen lebt der Großteil auf dem Land.

“Frauen sind die größten Opfer”

“Kleinbauern, besonders Frauen, sind die Verlierer der agro-industriellen Expansionspolitik der letzten Jahre, die mit dem steigenden Nahrungsmittelbedarf einher gegangen ist. Dabei sind Kleinbauern der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme auf der Welt”, sagt der äthiopische Agrarexperte Alemayehu Lalise, Co-Autor des Berliner Memorandums. Kleinbauern betrieben umweltschonendere Anbaumethoden als die industrielle Landwirtschaft. Zudem seien sie das Herzstück der ländlichen Gesellschaft – dort wo armutsbedingt die meisten sozialen Krisen entstünden, so Lalise.

Das Berliner Memorandum, geschrieben von Experten aus Deutschland, Indien, Äthiopien und Burkina Faso, kritisiert die entwicklungspolitische G7-Agenda der vergangenen Jahre. Die Industrieländer hätten zu häufig über die Köpfe der betroffenen Kleinbauern hinweg gehandelt, etliche Entwicklungsprojekte gingen bis heute an den Bedürfnissen der unter Armut leidenden Menschen vorbei.

Die Autoren fordern, die Landrechte von Kleinbauern zu respektieren, zu sichern und gegebenenfalls zu implementieren, damit sie künftig vor “Landgrabbing” multinationaler Konzerne geschützt sind. Zudem müssten die Bauern in Wertschöpfungsketten eingebunden werden, damit in ländlichen Gebieten Einkommen steigen und Jobs entstehen. Obendrein müsste Entwicklungspolitik noch stärker als bisher die ökologische Nachhaltigkeit achten.

“Dass noch heute mehr als 800 Millionen Menschen Hunger leiden ist ein Skandal”, sagt Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe. “Wir müssen diesem Skandal ein Ende setzen. Dann können wir auch zur Lösung anderer Probleme beitragen und etwa stabile Verhältnisse in kriegsgebeutelten Ländern schaffen.” Die Welthungerhilfe fordert Deutschland zudem auf, auf dem G7-Gipfel eine erhebliche Aufstockung der Entwicklungshilfegelder zu erreichen.

Der “faire Anteil” der G7-Länder – also die Summe, die die Industrieländer gemäß ihrer wirtschaftlichen Stärke in der Lage wären zu investieren, liegt laut Berechnungen der FAO und der Welthungerhilfe bei 31,3 Milliarden US-Dollar. Derzeit stellen die G7-Staaten jedoch nur ein Drittel dessen bereit.

Müller: “Welt ohne Hunger schon heute möglich”

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller unterstützte die Forderungen des Berliner Memorandums. “Wir sind auf der Sonnenseite”, sagte Müller. Die Regierungschefs der reichen Staaten müssten ein Zeichen der Verantwortung setzen. “Eine Welt ohne Hunger ist schon heute möglich.”

Müller betonte, dass durch die Stärkung von Kleinbauern und eine bessere Verteilung und Lagerung der Ernte Millionen Menschen ernährt werden könnten. “Hunger ist nicht Schicksal, sondern er ist das Ergebnis von menschlichen Versäumnissen”, sagte der CSU-Politiker. Das Recht auf Nahrung werde jeden Tag vernachlässigt.

Der CSU-Minister kündigte an, dass die Bundesregierung auf dem G7-Gipfel im bayerischen Schloss Elmau entwicklungspolitische Akzente setzen wird. “Eine Welt ohne Hunger bis 2030 ist möglich. Dazu wollen wir alle G7-Staaten verpflichten und ein Monitoring-System einrichten”, kündigte Müller an.

FIAN: Bundesregierung fördert Agrarkonzerne statt Kleinbauern

Die Menschenrechts-NGO FIAN hält das Berliner Memorandum für lückenhaft. “Ein wesentlicher Aspekt unterschlägt das Memorandum: Im Kampf gegen den Welthunger üben die Industrieländer zunehmenden den Schulterschluss mit mächtigen Agrarkonzernen. Die Regierungen öffnen den Saatgutunternehmen wie Bayer und Monsanto die Tür zu neuen Absatzmärkten, statt den ärmsten der Armen zu helfen”, so FIAN-Referentin Gertrud Falk im Gespräch mit EurActiv.de.

Besonders besorgniserregend ist laut Falk die “Neuen Allianz für Ernährungssicherung”, die auf dem G8-Gipfel 2012 verkündet wurde und an der sich auch die Bundesregierung beteiligt. Ihr Ziel ist es, bis 2022 insgesamt 50 Millionen Menschen in Sub-Sahara-Afrika aus der Armut zu befreien.

Kern der Allianz sind Kooperationsabkommen, in denen sich bislang zehn afrikanische Länder zu zeitlich gebundenen Reformmaßnahmen verpflichten, die Investitionsbedingungen zugunsten privater, kommerzieller Investitionen in die Landwirtschaft zu verbessern.

“Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass die Neue Allianz den Hunger in den Ländern verstärken wird, statt ihn einzudämmen”, sagt Falk. Etwa in Mozambique: In einem Letter of Intent habe sich die dortige Regierung verpflichtet, die kostenlose Vergabe von Saatgut einzustellen. Dadurch würden die Kleinbauern in die gefährliche Abhängigkeit von Saatgut multinationaler Agrarkonzerne gebracht, so Falk

Hintergrund

Rund 840 Millionen Menschen leiden weltweit chronisch Hunger. Um die wachsende Bevölkerung nachhaltig zu ernähren, fordern die Vereinten Nationen, Bauernverbände und zahlreiche NGOs seit Jahren eine zweite Grüne Revolution. Kleinbauern in Entwicklungsländern sollen wieder mehr Macht gewinnen – besonders Frauen.

Die deutsche Welthungerhilfe hat daher eine Beratergruppe mit Fachleuten aus A?thiopien, Burkina Faso, Indien, Lateinamerika und Deutschland zusammengestellt, die Politikempfehlungen an die Deutsche G7- Pra?sidentschaft erarbeitet hat, wie Deutschland und die anderen G7 Nationen ihre Bestrebungen in der globalen Erna?hrungssicherung ausrichten sollten. Das "Berliner Memorandum" wurde am Mittwoch in Berlin vorgestellt und diskutiert.

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