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09/12/2016

Afrikas „Grüne Mauer“: Mit Bäumen gegen Terrorismus und Migration?

Entwicklungspolitik

Afrikas „Grüne Mauer“: Mit Bäumen gegen Terrorismus und Migration?

Afrikas Grüne Mauer soll vorrangig aus einheimischen Bäumen wie zum Beispiel Akazien bestehen.

[Alexander Johmann CC BY-SA 2.0/Flickr]

Hunger, religiöser Extremismus, Terrorismus und die massive Migration nach Europa prägen zunehmend den afrikanischen Kontinent. Jetzt soll eine Mauer aus Bäumen all diesen Gefahren entgegenwirken.

Elf afrikanische Länder wollen gemeinsam die „Große Grüne Mauer“ errichten – einen Waldgürtel von 7.000 Kilometern Länge, der vom westafrikanischen Senegal bis hin zu den ostafrikanischen Küstengebieten von Dschibuti reichen soll. Ziel des Projekts ist es, die Ausbreitung der Sahara aufzuhalten, 50 Millionen Hektar Land wieder nutzbar machen und den CO2-Ausstoß zu verringern. Bis zur erhofften Fertigstellung im Jahr 2030 soll die neue Waldfläche etwa 250 Millionen Tonnen Kohlenstoff binden. 15 Prozent der Grünen Mauer seien bereits angelegt, bestätigt die Sahara and Sahel Great Green Wall Initiative.

Es ist ein Projekt, das schon jetzt die Herzen der Menschen erobert hat und die unterschiedlichsten Akteure für sich gewinnen konnte – darunter die Afrikanische Union, die das Vorhaben selbst ins Leben rief, internationale Organisationen, ganze Staaten, die Europäische Union und die Weltbank.

Die Grüne Mauer konzentriert sich vor allem auf die Sahel-Region, die sich vom Horn von Afrika bis zur Atlantikküste Mauretaniens erstreckt. Sie befindet sich zwischen der Sahara im Norden und den Regenwäldern im Süden. Die Sahel-Sahara-Region leidet besonders starkt unter dem explosionsartigen Bevölkerungsanstieg. Immer wieder gibt es Konflikte um die wenigen Ressourcen. Klimatische Veränderungen machen sich bemerkbar. Die schlimmste Form der Bodendegradierung schreitet immer weiter voran, ist inzwischen wegen Überweidung und intensiver Landwirtschaft in der Region allgegenwärtig geworden. Wenn man jetzt nichts unternehme, warnen Experten, werde sich die Situation noch weiter verschärfen.

Der Tschadsee, Lebensader für die mehr als 30 Millionen Einwohner in den vier Ländern der Sahel-Region, hat seit den 1960ern etwa 95 Prozent seines Wasserstands eingebüßt. Die regionale Bevölkerung wird sich Hochrechnungen zufolge bis 2050 verdreifachen und somit die Produktivität der schwindenden Landfläche zusätzlich auf die Probe stellen.

Ohne landwirtschaftlich nutzbare Böden oder die notwendigen Ressourcen werden sich die Bewohner der Region – vor allem Männer – entrechtet fühlen, meinen Experten. Dies schaffe einen Nährboden für neue gefährliche Phänomene wie den Terrorismus oder die massenhafte Migration. „Sehen Sie sich die Länder im Sahel-Gürtel von Nigeria bis Mali doch einmal an und achten Sie dabei auf das Muster, das sich hier gebildet hat“, betont Professor Juma Abdi vom Zentrum für Außenbeziehungen in Dar es Salaam, Tansania. „Es dreht sich alles darum, wer die begrenzten Ressourcen kontrolliert. Junge Menschen haben das Gefühl, nichts zu besitzen und suchen daher nach einer Möglichkeit, sich zu ermächtigen. Das erklärt den steigenden Einfluss des gewaltsamen Extremismus und Terrorismus in der Region, aber auch das Problem der massiven Auswanderung von Menschen, die ein besseres Leben in Europa suchen und dafür zunächst nach Nordafrika reisen.“

Ungebremst könnten solche Aufstandsbewegungen auf die ganze Welt übergreifen, warnt Dr. James Wahonye vom Institut für Diplomatie und internationale Studien der Universität Nairobi in Kenia. „Das Problem in der Sahel-Region darf nicht isoliert betrachtet werden. Wir leben in einem globalen Dorf und jedwede Bedrohung – vor allem einer solchen Tragweite – verdient die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich auf die ganze Welt auswirkt. Wir haben so etwas schon einmal erlebt“, erklärt er.

Afrikas Grüne Mauer scheint jedoch Baum für Baum einen positiven Einfluss zu haben. Im Senegal zum Beispiel, wo über vier Millionen Hektar Land der Degradation zum Opfer gefallen sind, wurden inzwischen mehr als 27.000 Hektar mit einheimischen Bäumen bepflanzt. Die meisten von ihnen sind Akaziengewächse, können also schwierigen klimatischen Bedingungen standhalten. Auch wirtschaftlich sind sie von Vorteil, denn sie produzieren Gummi arabicum, das für Lebensmittelzusatzstoffe und in Marmeladen verwendet wird. Darüber hinaus tragen die Bäume Früchte, um die sich mittlerweile ein neuer Markt gebildet hat.

Junge Menschen bekämen durch das Projekt Grüne Mauer eine neue Einnahmequelle geboten, die sie davon abhalte, Extremistengruppen beizutreten, ergänzt die Sahara and Sahel Great Green Wall Initiative.

Solche Erfolgsgeschichten häufen sich in den elf teilnehmenden Staaten immer weiter an. An der Grünen Mauer beteiligen sich Dschibuti, Eritrea, Äthiopien, der Sudan, der Tschad, der Niger, Nigeria, Mali, Burkina Faso, Mauretanien und der Senegal. Jedes dieser Länder hat seinen eigenen nationalen Plan entwickelt, wie man das Projekt umsetzen und gleichzeitig die Lokalbevölkerung miteinbeziehen kann.

Die Welt ist sich bewusst, welch bahnbrechendes Potenzial Afrikas Grüne Mauer in sich birgt. So erhält das Projekt nicht nur internationale Aufmerksamkeit, sondern vor allem auch Ressourcen. Im vergangenen Dezember sagten die Vertragsstaaten der Weltklimakonferenz in Paris (COP21) zu, vier Milliarden Dollar für das Vorhaben bereitzustellen.

„Es geht hier um ein wahres Weltwunder. Die Welt sieht, dass es sowohl wirtschaftlich, sozial als auch sicherheitspolitisch Sinn ergibt. Manchmal ist es viel günstiger, die Menschen mit lokalen Lösungen zu ermächtigen, als internationales Krisenmanagement zu betreiben“, meint Abdi. „Die Grüne Mauer Afrikas lehrt der Welt diese wichtige Lektion.“