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19/01/2017

Afrikas Zweifel am deutschen Marshall-Plan

Entwicklungspolitik

Afrikas Zweifel am deutschen Marshall-Plan

Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller setzt mit dem deutschen Marshall-Plan auf Afrikas Jugend.

[Thomas Trutschel/photothek]

Der neue Marshall-Plan der Bundesrepublik stößt bei den Afrikanern auf geteilte Meinungen. Während ihn die einen als einzigartiges Konzept gegen Afrikas Entwicklungs- und Wirtschaftsprobleme zelebrieren, hinterfragen die anderen Deutschlands eigentliche Absichten.

Berlins Idee ist keine neue. Sie spiegelt den ursprünglichen Marshall-Plan wieder, den die USA nach dem Zweiten Weltkrieg initiierten, um Europas Wirtschaftsmotor mit einer Finanzspritze von 100 Milliarden US-Dollar wieder zum Laufen zu bringen. In den folgenden vier Umsetzungsjahren verzeichnete der Kontinent die steilste Wachstumskurve in der europäischen Geschichte. Die industrielle Produktion kletterte auf 35 Prozent.

Jetzt will die Bundesrepublik einen solchen Plan auch auf Afrika übertragen. Auf diese Weise plant sie, günstige Bedingungen und Chancen für die afrikanische Jugend zu schaffen, um diese vom Bleiben zu überzeugen. Junge Afrikaner sollen in Zukunft auch in ihrer Heimat gute Arbeit finden können, anstatt sich auf die Suche nach einem Job in Europa, insbesondere in Deutschland zu machen. Doch Kritiker sehen darin angesichts der aktuellen europäischen „Willkommenskultur“ eher den deutlichen Versuch, den Zuwachs an Asylsuchenden einzudämmen.

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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, dessen Plan auf den vier Säulen Bildung, Jugend, Wirtschaftswachstum und Rechtsstaatlichkeit steht, rief bereits die Industriestaaten dazu auf, das Vorhaben zu unterstützen.
Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge überquerten dieses Jahr bereits 160.000 Afrikaner das Mittelmeer. 4.220 kamen dabei ums Leben. Die Zeit sei reif für ein neues Afrika-Modell, weg von der Entwicklungszusammenarbeit, so Müller. Nur so könne man der Flüchtlingskrise des 21. Jahrhunderts Herr werden, die andernfalls Millionen weitere Afrikaner nach Europa treiben werde.

Aus eigenem Interesse

Doch die Kritik an Müllers Marshall-Plan ist groß in Afrika. Er sei ein typisches Beispiel dafür, dass man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen könne. Es ergebe keinen Sinn, Afrikas aktuelle Lage mit der Nachkriegssituation Osteuropas gleichzusetzen, meint Jacob Kahenya, ein kenianischer Politikwissenschaftler. „Die Situation und Umstände des Marshall-Plans von 1948 waren damals ganz anders als heute, nun da Deutschland einen ähnlichen Plan einführen will“, erklärt er. „Das Afrika des 21. Jahrhunderts braucht einen ernsthaften und facettenreichen Ansatz, um seine Probleme anzugehen, die zum Teil hausgemachte Lösungen erfordern. Dieser Marshall-Plan wäre ein kompletter Flop.“

Dr. Naseeb Mapunda, Diplomatieexperte in Dar es Salaam in Tansania, ist ähnlicher Ansicht. Berlin wolle lediglich den Flüchtlingsstrom einschränken, betont er. Zu diesem Zweck diktiere die Bundesrepublik nun Hauptinvestitionsbereiche, die womöglich gar nicht mit Afrikas Prioritäten im Einklang stehen. „Wir müssen uns eingestehen, dass Deutschland aus eigenen Interessen heraus handelt. Hätte es einen solchen Plan vorgeschlagen, wenn es nicht selbst mit der Flüchtlingskrise zu kämpfen hätte?“, fragt Mapunda. „Ein Marshall-Plan soll das Wirtschaftswachstum eines Landes oder einer Region ankurbeln, indem er alle Wirtschaftszweige ins Visier nimmt. Mit Deutschland besteht jedoch die Möglichkeit, dass man uns vorschreiben wird, wohin das Geld zu fließen hat und das werden definitiv Bereiche sein, die die Migration aus Afrika heraus einschränken werden. Womöglich haben afrikanische Regierungen jedoch ganz andere Prioritäten. Das zerstört den Geist des Plans.“

Zudem, fügt Kahenya hinzu, habe jedes afrikanische Land seine eigenen Herausforderungen und Prioritäten. Der Plan könnte ihm zufolge auf starken Gegenwind treffen, wenn er Afrikas Probleme allzu stark verallgemeinert. „Man kann nicht einfach eine Lösung für die Probleme 54 verschiedener afrikanischer Länder festlegen. Jedes einzelne Problem erfordert einen eigenen Ansatz und genau daran scheitert der aktuelle Marshall-Plan“, warnt der Politikwissenschaftler. „Darüber hinaus besteht die Frage, wie man die Ressourcen zu verteilen gedenkt. Unterschlagung ist in Afrika oft noch gang und gebe. Daher brauchen wir ein anderes Ausführungsmodell, das solchem Diebstahl entgegenwirkt.“

Vom Empfänger zum Partner?

Befürworter hingegen schwärmen, auf diesen Plan habe Afrika lange gewartet. Mit seinem Schwerpunkt im Bereich Beschäftigung fördere man nicht nur die Jugend, sondern stelle auch ein gutes Beispiel für andere wichtige Wirtschaftsaktivitäten dar, wie einen verstärkten, ausgeglicheneren Handel oder verbesserte Beziehungen nach Europa.

„Hierbei handelt es sich um ein einzigartiges, ganz anderes Modell, das unsere Art des Wirtschaftens komplett verändern wird“, unterstreicht Mathias Okwemo, ein Ökonom der University of Nairobi School of Business. „Afrikaner werden nicht länger nur Empfänger, sondern Partner mit Vetorecht sein. So gibt man ihnen die Möglichkeit, stärker am internationalen Handel teilzunehmen und gleichzeitig den Wandel auf ihrem Kontinent an vorderster Front mitzugestalten. Die Jugend zu ermutigen, eigenständige Unternehmer zu werden, ist der raffinierteste Aspekt des Plans.“

Der Marshall-Plan soll die afrikanisch-deutschen Beziehungen neu definieren: weg von der Entwicklungszusammenarbeit und hin zur hausgemachten wirtschaftlichen Emanzipation. Ob sich die Afrikaner mit diesem Vorhaben anfreunden können, bleibt abzuwarten. Ob sie eine Wahl haben, auch.

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