Afrika – Partnerschaft auf Augenhöhe oder Neokolonialismus?

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) steht auf dem Washingtonplatz in Berlin beim ersten Deutschen Entwicklungstag gemeinsam mit Botschaftern aus verschiedenen Ländern auf der Bühne. Foto: dpa

Ein Plakat des Bundesentwicklungsministeriums im Vorfeld des Ersten Deutschen Entwicklungstages sorgte auch bei der Abschlussveranstaltung für Aufregung. Entwicklungsminister Dirk Niebel wehrte sich.

Strömender Regen, eisiger Wind und am Abend das Champions-League-Finale: Es waren nicht die besten Voraussetzungen für den Deutschen Entwicklungstag am Samstag (25. Mai) in Berlin. So kamen dann auch weit weniger als die von den Veranstaltern erwarteten 10.000 Menschen auf den Washingtonplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof. Nach dem „kommunalen Part“, bei dem über 70 Akteure ihr Engagement präsentierten, fand am Nachmittag die Abschlussveranstaltung auf der „Zukunftsbühne“ statt. Hier gab es sogleich Kritik von Marianne Ballé Moudoumbou vom Afrika-Rat, einem Netzwerk und Interessenszusammenschluss von Organisationen, Vereinen und Initiativen der afrikanischen Diaspora in Berlin und Brandenburg. Das „eigentliche Ereignis“ des Tages sei das 50. Jubiläum der afrikanischen Einheit. Der Entwicklungstag lenke den Fokus hiervon ab. Man hätte eigentlich die Aufmerksamkeit auf die Opferbereitschaft von tausenden von Menschen lenken wollen, die ihr Leben für die afrikanische Einheit gegeben haben. „Würde ein anderer Staat oder Gemeinde ein fünzigjähriges Jubiläum feiern, würde niemand auf die Idee kommen, das anders zu nennen als es eigentlich heißen sollte.“ Findet der geforderte Dialog auf Augenhöhe und eine Beteiligung also nicht statt? Hans-Jürgen Beerfeltz, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): „Wir haben eine Situation, in der wir uns vom Begriff Entwicklungshilfe in Zusammenhang mit Afrika verabschieden müssen.“ Es gehe nicht darum, ein historisches Bild Afrikas zu kultivieren und zu verewigen, sondern Afrika als modernen Chancenkontikent zu zeigen. Das habe auch zur Folge, dass man eine andere Heransgehensweise braucht, die „stark auf die Integration setzt und auf das was immer so gerne ‚Augenhöhe‘ genannt wird.“ Beerfeltz weist auf die Beteiligung fast aller afrikanischen Botschaften hin, da auch diese darunter zu leiden hätten, dass „gerade in Deutschland ein unglaublich schräges und falsches Bild kultiviert wird“. Marianne Ballé Moudoumbou kommt auf die Plakatkampagne des BMZ zu sprechen, die im Vorfeld der Veranstaltung für einigen Unmut gesorgt hatte und ihr zufolge „zu einem Gegensatz beigetragen“ habe. Unter dem Titel „The Big Five“ war der afrikanische Kontinent zu sehen auf dem fünf Tiere platziert waren – und keine Menschen. Afrika werde als „wilder Kontinent“ und Afrikaner nicht als Akteure, sondern als passive Objekte dargestellt, heißt es in einer Pressemitteilung des Afrika-Rates. Die Bezeichnung „Big Five“ stamme von der Großwildjagd zu Kolonialzeiten. So würden „neokoloniale Vorstellungen von Entwicklung und Zusammenarbeit wieder bekräftigt, die bedauerlicherweise beim BMZ offensichtlich noch herrschen“. Wenn es um die Darstellung Afrikas geht, greife man auf „koloniale rassistische Klischees zurück“. Lawrence Oduro-Sarpong von der NGO AfricAvenir International sagte: „Die Bundesregierung reduziert einen Kontinent mit über 1 Milliarde Menschen auf einen Nationalpark für wilde Tiere.“ Zwar gebe es nun eine „Weiterentwicklung“ des Plakats auf die Beerfeltz hinweist (zu sehen sind nun keine Tiere, sondern ein weibliches Gesicht), die Aufregung um das „Big Five“-Plakat ist jedoch noch nicht verflogen: Als Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel seine Begrüßungsrede halten will, kommt es zu Pfiffen, Zwischenrufen und Rücktrittsforderungen. „Wenn manche hier der Ansicht sind, die Bewerbung dieses Events hätte neokolonialstische Züge, dann sollten sie sich die Plakate mal genauer angucken“, sagt Niebel. „Viele Menschen in Deutschland haben von Afrika eine Vorstellung, die etwas mit Tieren zu tun hat. Sie haben aber kaum eine Vorstellung von den großen politischen Herausforderungen, die unser Nachbarkontinent zu bewältigen hat. Wenn sie sich das Plakat ansehen und die Tiere sehen, dann werden sie sehen, dass die Herausforderungen benannt werden. Fünf wichtige Herausforderungen wie die Stärkung der Menschenrechte, der Schutz der Artenvielfalt, eine faire und vernünftige Rohstoffpolitik, Armutsbekämpfung und bessere Bildung.“ Eine Million entwicklungspolitische Engagierte haben eine Stimme die trägt, so Niebel. „Und wir wollen, dass von diesen Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft möglichst jeder noch einen weiteren Menschen motivieren kann, sich für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zu engagieren. Das ist ein guter Weg, um das Themenfeld rauszuholen aus der linken Ecke, die hier steht“, sagt Niebel und verweist auf die Demonstranten im Publikum. Die Beteiligung von 59 Botschaften, davon 33 aus Afrika, spreche eine andere Sprache als die Störer vermitteln wollten. Den „Störern“ wirft Niebel indessen Parteipolitik vor: „Was mich ärgert ist, dass versucht wird, die Arbeit und Leistungen der anderen in ein Licht zu rücken, wo sie weniger darstellen können, wie gut sie kooperieren. Der Mitte der Gesellschaft, die was bewegen will, will man ihre Aufgabe ein Stück weit kaputt reden, um das parteipolitisch auszunutzen.“ Würde er das selbst niemals machen? „Ich würde das selbstverständlich machen – wenn ich im Wahlkampf wäre und Generalsekretär wäre.“ Aber hier ginge es darum, dass man diesen „historischen Tag“, an dem sich die Staaten des Nachbarkontinents einen Rahmen geschaffen haben, bei dem sie auf Augenhöhe mit der EU und anderen interagieren können, so feiert wie man ihn feiern sollte: parteiübergreifend und über Ideologien hinweg. „Als etwas Positives, das dazu beiträgt, die Welt ein Stück weit besser zu machen.“ dto

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