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25/08/2016

Äthiopien: Der Traum vom Tourismus zwischen Armut und Terror

Entwicklungspolitik

Äthiopien: Der Traum vom Tourismus zwischen Armut und Terror

Ein aufgrund der Dürreperiode ausgetrocknetes Flussbett im Norden Äthiopiens. 24. Februar 2016

[MattTempest/Flickr]

Äthiopien durchlebt die schlimmste Dürreperiode seit 50 Jahren. Etwa 18 Millionen Menschen sind von Nahrungsmittellieferungen abhängig. Hilfsorganisationen warnen, dass finanzielle- und materielle Hilfsmittel in zwei Monaten aufgebraucht sein werden. Trotzdem will sich das Land gerade jetzt als exklusives Reiseziel vermarkten. EurActiv Brüssel berichtet.

Anfang Februar taufte sich das Land mit dem neuen Slogan “Ursprung des Lebens”. So hofft Äthiopien – ein Land mit mehr als 100 Millionen Einwohnern – die Zahl westlicher Touristen mindestens zu verdreifachen. Dabei befindet sich der afrikanische Binnenstaat in einer der weltweit gefährlichsten Nachbarschaften – dem Horn von Afrika. Dennoch soll das neue  Tourismus-Konzept das Jahreseinkommen Äthiopiens bis 2020 auf etwa drei Milliarden Dollar steigern. Laut Weltbank kein besonders hoher Betrag für einen Staat, dessen durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen bei 550 US-Dollar im Jahr  liegt – oder bei knapp 46 US-Dollar im Monat.

Äthiopien verfügt über acht UNESCO-Welterbestätten, eine stabile Regierung und touristenfreundliche Exportprodukte wie Kaffee und Rifttalwein. Die Nation ist stolz darauf, der einzige nicht-kolonisierte Staat Afrikas zu sein.

Aber das Land leidet zur Zeit an einer katastrophalen Dürreperiode, die durch das Wetterphänomen El Niño hervorgerufen wurde. Dadurch wurden weitere 10,2 Millionen Menschen – vor allem Subsistenzbauern im Norden und Osten – von Nahrungsmittellieferungen abhängig. Zusammen mit den mehr als acht Millionen Subsistenzbauern, die ohnehin schon auf Hilfslieferungen angewiesen sind, machen sie fast 20 Prozent der Bevölkerung aus.

Obwohl Hilfsorganisation nur ungern das Wort Hunger in den Mund nehmen, warnen sie seit Dezember, dass die derzeitigen Hilfszusagen bis Ende April aufgebraucht sein werden. Die Folge: Millionen von Menschen könnten verhungern. “Es ist als würde man einer Katastrophe in Zeitlupe zusehen”, so Wolfgang Jarmann, Vorsitzender von Care International. Mehr als Hunderttausend Nutztiere sind aufgrund der Dürre bereits verendet. Ernteausfälle ließen eine fast fremde Landschaft zurück aus unfruchtbarem, trockenem rotem Stein und Staub, die sich im Norden und Osten des Landes über Hunderte Meilen erstreckt. Laut CARE sind schon jetzt 1,7 Millionen Kinder, Schwangere und stillende Mütter auf Hilfsnahrungsmittel angewiesen.

Die UN startete einen internationalen Aufruf, 1,4 Milliarden Dollar für Notfallhilfen in Äthiopien bereitzustellen. Nicht einmal die Hälfte davon haben die Geldgeber bisher zugesagt.

Die USA stellt zusätzliche 97 Millionen US-Dollar bereit, während die Regierung in Addis Abeba 380 Millionen Dollar verspricht. Letztere rief außerdem eine nationale Dürreresistenz- und Notfalleinheit ins Leben. Diese verfügt über ein Budget von etwa 230 Millionen äthiopischen Birr (ungefähr elf Millionen US-Dollar), mit dem man vermehrt Schulessen bereitstellen will, damit weniger Kinder die Schule abbrechen, weil sie stattdessen ihren Eltern in der Landwirtschaft helfen müssen, plündern oder betteln gehen.

Jetzt gesteht sich Äthiopien jedoch ein, dass es Hilfe braucht. Vizepremierminister Demeke Mekonnen bittet um “sofortige Unterstützung”. Die Folgen eines humanitären Desasters würden ihm zufolge nicht nur seinem Land schaden, sondern auch dem Frieden und der Stabilität in der gesamten Region.

Die EU stellte Äthiopien speziell für dem Umgang mit der El-Niño-Dürreperiode 42 Millionen Euro zur Verfügung. Christos Stylianides, Kommissar für humanitäre Hilfe verspricht dem Land nun weitere 24 Millionen Euro an Hilfsgeldern. “Die EU steht Äthiopien zur Seite. Wir bieten lebensrettende Soforthilfe”, erklärt eine Sprecherin der Generaldirektion Entwicklung und Zusammenarbeit (GD DEVCO). “Wir werden auch weiterhin unermüdlich arbeiten, damit die humanitäre Hilfe die schwächsten Menschen in Äthiopien erreicht.”

Anders als das kommunistische Derg-Regime von 1974 bis 1991, das am großen Hungerleiden von 1984-85 seine Ohnmacht demonstrierte, gelingt es der derzeitigen, starken Regierung in Addis Abeba seit nunmehr zehn Jahren, die Wirtschaft anzukurbeln und ein zehnprozentiges BIP-Wachstum einzufahren.

Tourismus vs. Dürreperiode

Dass die äthiopische Regierung die internationale Gemeinschaft um zusätzliche Mittel für das Krisenmanagement in der Dürreperiode bittet, ghält sie nicht davon ab, ihre Anstrengungen im Tourismus voranzutreiben.

Lalibela ist ein Ort, an dem mehrere aus dem Fels geschlagene orthodoxe Kirchen des zwölften Jahrhunderts stehen – die Hauptattraktion der staatlichen Tourismusinitiativen. Außerhalb der Stadt leben die Einwohner von Notfallnahrungsmittelrationen, während Touristen bei 33 Grad Hitze in langen Schlangen vor den Kirchen anstehen.

Dach einer christlich-orthodoxen Kirche in Lalibela.    [MattTempest/Flickr]

Wie in Kalifornien

Als EurActiv den Leiter der staatlichen Tourismusbehörde nach der Dürre und der Not der Menschen befragte, betonte dieser, die Regierung habe durch ihre Reaktion gezeigt, dass sie ihr Volk beschütze. Die derzeitige Situation verglich er mit der derzeitigen Dürreperiode in Kalifornien.

Äthiopien habe nicht nur eine Geschichte, betont Solomon Tadele, Vorsitzender der Ethiopian Tourism Organisation, und bezieht sich damit auf die Hungerkatastrophe von 1984. “Es gibt da etwas, das die Leute noch nicht bemerkt haben. Die Dürreperiode ist zwar die schlimmste seit 50 Jahren, aber unsere Regierung hat hervorragende Arbeit geleistet, indem sie die richtige Menge an Saatgut zurückgehalten hat, ohne den Menschen dadurch zu schaden. […] Es gab dieses Jahr keine Toten wie 74 und 84. Wir haben eine gute Infrastruktur, um von der Dürre geplagte Gebiete zu erreichen. Keine großen Auswirkungen, was menschliche Todesfälle angeht – nur ein paar Nutztiere sind gestorben. […] Ich bin mir sicher, die Menschen wissen auch, dass in Kalifornien eine Dürreperiode herrscht. Das hält sie aber nicht davon ab, dorthin zu reisen.”

Mit Blick auf die Sorgen der NGOs, dass die Hilfslieferungen ohne zusätzliche Finanzspritze bald aufgebraucht seien, fügt Tadesse hinzu: “Die Zahlen könnten stimmen oder aber nur einfache Hochrechnungen bleiben.” Kein Tourist würde seiner Ansicht nach den Urlaub absagen, nur weil die westlichen Medien Bilder der Dürreperiode zeigten. “Es geht darum, von innen heraus stark zu sein.”

Äthiopien lockt derzeit mehr ungefähr 750.000 Touristen ins Land. Die Kampagne “Ursprung des Lebens” konzentriert sich auf die UNESCO-Welterbestätten, die Wildtiere im Sämen-Nationalpark und Lucy, das 3,2 Millionen Jahre alte Skelett, ausgestellt im äthiopischen Nationalmuseum in Addis Abeba. Darüber hinaus genießen die Touristen äthiopischen Kaffee, Wein aus der Rafttal-Region und die einheimische Küche mit Injera (Fladenbrot) und geschmortem Fleisch.

Galada-Paviane im Sämen-Nationalpark.   [MattTempest/Flickr]

Das Land hofft, seine Besucherzahlen in diesem Jahr auf eine Millionen zu steigern. Bis 2020 sollen es jährlich drei Millionen Touristen werden – vor allem über groß organisierte Reisen mit Touristengruppen aus Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, den USA und Japan.
Eines lässt sich nicht leugnen: Die Touristen tragen zum Einkommen des Landes bei , indem sie ihre Speisen, Getränke, Führungen, Souvenirs, Unterkünfte und den Transport bezahlen. Tourismus muss auch kein Entweder/Oder sein – kein Nullsummenspiel mit der humanitären Notfallhilfe. Der Zeitpunkt scheint Außenstehenden nur etwas unglücklich gewählt.

Tourismus Tür an Tür mit Terroristen und gescheiterten Staaten

Das größte Hindernis für die Steigerung der Touristenzahlen sei die “unzureichende Infrastruktur und die schlechte Nachbarschaft”, gesteht ein Beamter der Tourismuszweiges im privaten Gespräch. Als Binnenstaat grenzt Äthiopien an Somalia (Bürgerkrieg), Dschibuti (große Militärstützpunkte der USA und Frankreich), den Südsudan (Bürgerkrieg), den Suden (Präsident wegen Kriesverbrechen gesucht) und Kenia (mehrere Terroranschläge der Al-Shabaab). Jenseits des Golfs von Aden liegt Jemen (Bürgerkrieg).

The mysterious Obelisk tombs of Axum - a UNESCO World Heritage Site.

Die mysteriösen Obeliskengräber von Axum – UNESCO-Welterbestätte.  [MattTempest/Flickr]

Ethiopian Airlines verfügt über eine moderne Flugzeugflotte, gut geschultes Personal und eine sehr hohe Sicherheitsbilanz. Dennoch können die Sicherheitskontrollen am Flughafen sehr chaotisch sein. “Für mich liegt Ethiopian Airlines in Sachen Sicherheit fast auf derselben Höhe wie Lufthansa. Die Flughäfen sind da ein anderes Thema”, erfährt EurActiv von einem pensionierten Piloten europäischer Abstammung, der jedoch in Äthiopien aufgewachsen ist. “Es wäre kinderleicht, eine Bombe an Bord eines dieser Flugzeuge zu schmuggeln. Aber warum der Stress, wenn man sich auch einfach mit einer Maschinenpistole an die Startbahn stellen und auf das mit Treibstoff gefüllte Flugzeug schießen kann. Das geht hoch wie ein Feuerwerk.”

EurActiv befragte den Vorstandsvorsitzenden der Flugzeuggesellschaft, Esayas Woldemariam Hailu, nach der Bedrohung des Tourismus durch den IS und die Al-Shabaab. Er vermied es, direkt zu antworten und erzählte stattdessen eine Anekdote über einen Fremden, der in ein äthiopisches Dorf kommt und einen Jungen nach dem Wohnort eines anderen Dorfbewohners fragt. “In anderen Dörfern würde der Junge einfach auf das Haus zeigen. In Äthiopien aber fragt der Junge erst ‘Wer bist du?’ und ‘Was machst du hier?’”, so Hailu. “Sicherheit ist für uns etwas ganz Essenzielles. Wir haben sie im Blut.”

Diese Sicherheit kommt jedoch zu einem hohen Preis. “Die Regierung blockiert sogar nur leicht kritische Webseiten oder Blogs. Auch die meisten Seiten der Opposition sind gesperrt. Medienkanäle  schränken ihre Kritik an der Regierung immer weiter ein, um weiterhin im Land arbeiten zu können”, kritisiert Human Rights Watch. “Äthiopien ist einer der größten Empfänger von Hilfsgeldern in Afrika. 2014 erhielt es fast vier Milliarden Euro, die etwa 45 Prozent des gesamten Staatshaushalts ausmachten. Die Geldgeber halten sich mit ihrer Kritik an der Menschenrechtslage in Äthiopien zurück. Sie haben kaum etwas unternommen, um Anschuldigungen in dieser Hinsicht nachzugehen.”

Doch auch wenn sich die Hilfsorganisationen weiterhin in Schweigen hüllen, hält das Menschenrechts-NGOs und das EU-Parlament nicht davon ab, die Stimme zu erheben. Im Januar verwiesen EU-Abgeordnete mit Missbilligung auf offizielle Verlautbarungen der äthiopischen regierung , Sicherheitskräfte hätten “nur” Dutzende” Demonstranten getötet, als Addis Abeba zum Wohle der wirtschaftlichen Expansion der Stadt Angehörige der Oromia-Volksgruppe zwangsumsiedeln wollte. Laut Human Rights Watch und anderen Quellen seien dabei mindestens 140 Menschen getötet und viele weitere von ihnen gefoltert worden. Darüber hinaus verurteilte das EU-Parlament die Drangsalierung lokaler Journalisten, die Einflussnahme auf die Medien und die freie Auslegung der Antiterror-Gesetzgebung, um politische Gegner, Andersdenkende und Menschenrechtsaktivisten zu unterdrücken.

Nichts überstürzen

Äthiopien sieht sich selbst gern als “Löwe Afrikas”. Das Land baut derzeit eine Hochgeschwindigkeitsverbindung für Züge nach Dschibuti und ersetzt somit die französische Schienenstrecke von 1894. Außerdem wurden bereits zwei neue Tramlinien in Addis Abeba fertiggestellt und es gibt Pläne für einen neuen internationalen Flughafen, 100 Kilometer südlich der Hauptstadt mit Zuganschluss und Anbindung an eine sechsspurige Autobahn.
Der umstrittene Grad Renaissance Damm, das größte Wasserkraftprojekt in Afrika, soll ebenfalls bis 2018 fertig sein und als verlässlicher Stromerzeuger dienen. Äthiopien verspricht sich sogar, Energieexporteur zu werden.

Regierungsvertreter weisen die Kritik an ihrer Menschenrechtslage, den Sicherheitsmaßnahmen oder der mangelnden Dürrevorsorge mit dem Argument zurück, man sei schließlich besser als der Rest Afrikas.

Äthiopien möchte jedoch innerhalb der nächsten zehn Jahre zur einem Land mittleren Einkommens werden. Vorsicht ist geboten, denn wie das äthiopische Skelett Lucy lehrt: Lerne erst zu laufen, bevor du zu rennen beginnst.

Verzierung eines christlich-orthodoxen Klosters, Tanasee.   [MattTempest/Flickr]