EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

23/07/2016

Impfungen: Stärkste Waffe im Kampf gegen vermeidbare Krankheiten

Entwicklungspolitik

Impfungen: Stärkste Waffe im Kampf gegen vermeidbare Krankheiten

Foto: Julien Harneis (CC BY-SA 2.0)

Seit 2000 wurden 440 Millionen Kinder gegen vemeidbare Krankheiten geimpft und damit rund sechs Millionen Todesfälle verhindert. Aber immer noch sind 22,6 Millionen Kinder nicht geimpft und 1,5 Millionen Kinder, die jünger als fünf Jahre alt sind, sterben jährlich an vermeidbaren Krankheiten. Was kann dagegen getan werden? Um die Situation weiter zu verbessern, müssten die Preise für Impfungen gesenkt werden.

Hintergrund

Jedes Jahr verhindern Impfungen den Tod von 2.5 Millionen Menschen durch tödliche Krankheiten wie Diphterie, Masern, Keuchhusten, Lungenentzündung, Röteln und Polio. Es ist eine der kostengünstigsten Strategien, um auch verstreut und entlegen wohnende Menschen zu erreichen. In den letzten drei Jahren bekamen rund 83 Prozent aller Kinder weltweit die standardisierte Diphterie-Tetanus-Keuchhusten-Impfung (DTP3). 2012 waren das rund 110.6 Millionen Kinder.

Bei der Bekämpfung weiterer Krankheiten wurden große Fortschritte erzielt. Die Pockenkrankheit wurde ausgerottet. Außerdem haben 84 Prozent der Kinder weltweit die notwendige Dosierung (dreimal) der Polioimpfung bekommen. Indien hat kürzlich erklärt, dass die sehr ansteckende und tödliche Krankheit besiegt worden sei.

Der Fortschritt bei den Impfungen stagniert allerdings. In Syrien oder im Gaza-Streifen ist die Krankheit zurückgekehrt. In Ländern wie Afghanistan, Nigeria und Pakistan bleibt Polio eine Krankheit epidemischen Ausmaßes.

Der Zugang zu vielen anderen wichtigen Impfstoffen ist lückenhaft und abhängig davon, ob man sich die Medizin leisten kann. 2012 wurde ein Impfstoff gegen schwere Durchfallerkrankungen entwickelt, die jährlich rund 760.000 Kinder unter 5 Jahren töten. Der Impfschutz erreicht nur 11 Prozent der global Betroffenen. Weltweit sind nur 45 Prozent gegen Haemophilus Influenzae Typ B (Hib), ein Erreger, der Hirnhaut- und Lungenentzündungen verursacht, geschützt. In 36 von 48 Risikogebieten und Ländern für Gelbfieber sind gerade einmal 37 Prozent der Bevölkerung dagegen geschützt. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt mehrere Faktoren, die einer Ausweitung des Impfschutzes gegen vermeidbare Krankheiten im globalen Süden im Wege stehen. Zum einen werden begrenzte Ressourcen/finanzielle Möglichkeiten angeführt, aber auch unklare Prioritäten in der Gesundheitspolitik, schlechtes Management der Gesundheitssysteme und unzureichendes Monitoring. Mehr als die Hälfte der weltweit 22,6 Millionen Kinder, die keine DTP3-Impfung bekommen haben, lebt in drei Ländern: Indien, Indonesien und Nigeria.

Folglich bekommt eines von fünf Kindern nicht den Impfschutz, den es benötigt. Unicef drückt es so aus: “Jedes fünfte, nicht erreichte Kind ist Killerkrankheiten schutzlos ausgeliefert.“

Probleme

Impfstoffpreise

Eine 2010 veröffentlichte Studie von Oxfam und Ärzte ohne Grenzen kommt zu dem Schluss, dass die Macht der fünf größten Pharma-Konzerne, GSK, Merck, Novartis, Sanofi und Wyeth/Pfizer, eines der größten Hindernisse für eine erfolgreiche Impfkampagne ist. Sie sollen Patente horten und über einen längeren Zeitraum verhindern, dass generische Impfstoffe auf den Markt kommen. Dadurch hemmen sie die Entwicklung aufstrebender Anbieter, die aufgrund mangelnder technischer Kapazitäten die komplizierten Impfstoffe nicht rekonstruieren können.

Die 2000 gegründete “Globale Allianz für Impfungen und Immunisierungen“ (Gavi) hat große Anstrengungen unternommen, Millionen von Kindern zu immunisieren. Sie konnten Einigungen mit den großen Pharmakonzernen über Rabatte und Preisstaffelungen für einige neuere Impfstoffe, zum Beispiel gegen Hib und Hepatitis B, erzielen. Diese Bemühungen gehen Kritikern nicht weit genug. Sie sagen, dass die Preise immer noch zu hoch sind, um alle Kinder behandeln zu können. Außerdem werden alternative Anbieter davon abgehalten,  preiswerte generische Versionen zu vermarkten, die den Erregerstämmen in den Ländern angepasst sind.

Die Impfstoffforschung und –entwicklung wird ebenfalls von großen multinationalen Konzernen gesteuert. Sie sind vor allem an Dingen wie Marktzugang, Marktvorteilen und an Renditen interessiert. Der umfassende Impfschutz von bisher nicht geimpften Kindern scheint zweitrangig zu sein. Deshalb haben WHO und PATH die Initiative “Produktentwicklungspartnerschaft“ (PdP) entwickelt, um Investitionen in Forschung und Entwicklung für Entwicklungsländer interessant zu machen. Diese Partnerschaft sieht unter anderem vor, die Rechtevergabe zur Lizensierung von Impfstoffen zu niedrigen Preisen durchzuführen. Im Gegenzug soll ein Wissenstransfer für klinische Studien stattfinden. Ein erfolgreiches Beispiel dieser Politik ist das Meningitis-Impfstoffprojekt in Afrika und Indien. Erfolge sind allerdings wahrscheinlicher, wenn bereits bestehende Impfstoffe angepasst werden und nicht neue Arten entwickelt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt an dieser öffentlich-privaten Partnerschaft ist, dass sie sich auf die Länder konzentriert, die von der Weltbank als Länder mit niedrigen Einkommen eingestuft werden. Länder mit mittlerem Einkommen wie Ghana, Indien oder Pakistan, in denen zwei Drittel aller Armen leben, werden von diesem Programm nicht berücksichtigt. Doch gerade in diesen Ländern muss abgewogen werden, ob eine zusätzliche Impfkampagne vor dem Hintergrund von entstehenden Defiziten bei der Finanzierung des Gesundheitssystems sinnvoll ist. Diese könnte nämlich auch Auswirkungen auf die Belastbarkeit der Infrastruktur für die Bekämpfung von tödlichen Krankheiten haben.

Einige Länder werden bald nicht mehr zu der Gruppe der Länder mit niedrigem Einkommen gehören. Aber genau diese Zugehörigkeit berechtigt sie zur Teilnahme an der “Produktentwicklungspartnerschaft“ und den damit verbundenen Rabatten für Impfstoffe. Diese Gruppe möchte aber sicherstellen, dass ihr der verbilligte Zugang zu Impfstoffen weiterhin gewährt wird und sie ihre Impfbilanz aufrechterhalten kann. Gavi wird in Kürze eine Überprüfung ihrer Politik bekanntgeben. Momentan wird diskutiert, ob ein Hepathitis B- Impfungsprogramm in China gestartet werden soll. Ein Drittel aller nicht geimpften Kinder leben in China und Indien. Auch in Krisenzeiten können Hilfsorganisationen nicht angemessen reagieren, weil sie keinen Zugang zu neueren Impfstoffen auf dem Preisniveau von Gavi haben.

Technische und strukturelle Probleme für Impfkampagnen

Verwaltungsprobleme können in vielerlei Hinsicht ein großes Problem für Impfkampagnen bedeuten. Für eine Impfung per Spritze braucht man ausgebildete Fachkräfte. Doch genau daran mangelt es in vielen Entwicklungsländern. Es entsteht Müll, der fachgerecht entsorgt werden muss. Impfungen müssen oft in mehreren aufeinanderfolgenden Gaben verabreicht werden. Deshalb müssen die Impfstoffe gekühlt gelagert werden. Dies ist nur in Gebieten möglich, in denen der Strom nicht ständig ausfällt. Ein weiteres Problem ist, dass die Krankenhäuser, in denen die Impfungen vorgenommen werden, oft weit weg von der betroffenen Bevölkerung sind.

Die Benutzung oraler Impfstoffe ist ein Grund für den Erfolg von Poliokampagnen. Gesundheitsexperten sind gerade auf der Suche nach alternativen Impfmöglichkeiten. Ein Beispiel sind Mikronadeln, Inhalatoren oder Pflaster, die wie Rauchentwöhnungsprodukte funktionieren. Ein Maserimpfstoff, der auf diesem Prinzip basiert, wird gerade entwickelt. Bis zur Marktreife wird noch einige Zeit vergehen. Noch länger wird es dauern, bis das Produkt für Gavi lizenziert wird.

Darüber hinaus gibt es noch andere strukturelle Probleme für Impfkampagnen. Beispielsweise kann es an Möglichkeiten mangeln, um den Fortschritt bei Impfungen zu verfolgen. Fragile lokale Gesundheitssysteme sind nicht immer in der Lage, solche Kampagnen zu unterstützen und abschließend zu evaluieren. Es mangelt oft an grundlegender Infrastruktur, zum Beispiel Straßen zu Zielgebieten, Transportlastern für die Impfstoffe und entsprechenden Lagerräumen. Außerdem mangelt es oft an Elektrizität für Kühlschränke und Beleuchtung.

Die örtliche Sicherheit wird oft durch Kriminalität, militärische Konflikte und institutionelle Korruption eingeschränkt. Die entsprechenden Behörden nehmen sich dieser Probleme nicht immer an und Kampagnen, die die Probleme beleuchten, sind entweder unterfinanziert oder gar nicht vorhanden. Informationen über die Zielgruppe gibt es oft nicht - aufgrund unzureichender Erhebungsformen bei Volkzählungen, unklarer geographischer Abgrenzung, mangelhafter Verwaltung oder kultureller Faktoren.

Die Studien zeigen große Unterschiede bei der Immunisierung innerhalb ausgewählter Länder. Insbesondere der gesellschaftliche Status, der Wohnort, und, in geringerem Maße, das Geschlecht spielen dabei eine Rolle. In Pakistan sind 90 Prozent der obersten Einkommensschichten durch DTP- Impfprogramme abgedeckt. Dagegen sind nur 30 Prozent der Ärmsten der pakistanischen Bevölkerung geimpft. 62 Prozent aller Kinder aus Nigerias städtischer Bevölkerung sind gegen DTP-Krankheiten geimpft, aber nur ein Viertel in den ländlichen Gebieten. 76 Prozent aller Jungen erhalten eine standardisierte Impfung in Aserbaidschan, aber nur 65 Prozent aller Mädchen. Auch kulturelle Barrieren können zum Problem für Impfkampagnen werden. Mangelnde Nachfrage könnte eine der größten Hürden sein, die es zu überwinden gilt.

Post-2015-Entwicklungsagenda

Es gilt als gesichert, dass ein weltweites Ziel für allgemeine Gesundheitsversorgung ein Millenniumsziel für die Zeit nach 2015 sein sollte. Für dieses Ziel wäre eine große Ausweitung der Impfanstrengungen notwendig, um Kinder überall auf der Welt vor tödlichen Krankheiten zu schützen. Skeptiker bezweifeln, dass sich diese hochgesteckten Ziele tatsächlich umsetzen lassen. Einige Millenniumsziele im Bereich Gesundheit, die im nächsten Jahr erreicht werden sollen, scheinen noch weit weg zu sein. Die Müttersterblichkeit soll auf drei Viertel des Niveaus von 1990 fallen. Dennoch stirbt jede Minute eine werdende Mutter in Indien. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen berichtet, dass die Anstrengungen verdoppelt werden müssten, damit die Kindersterblichkeit tatsächlich zwei Drittel unter das Niveau von 1990 sinkt.

Die Millenniumsziele sind sehr wichtig für die Themensetzung in der Gesundheitspolitik und weil sie die Finanzierung beeinflussen. Die WHO fordert, dass sie als Vertrag festgehalten werden sollten. Darin sollten die angestrebten Ziele der Entwicklungsländer mit den benötigten Beiträgen der entwickelten Welt verbunden werden. Gesundheit sollte als Menschenrecht betrachtet werden. Dabei sollte man sich insbesondere auf konkrete Ziele und Indikatoren für Gesundheitsgleichheit, nicht übertragbare Krankheiten und Gesundheitssysteme konzentrieren.

Die Gavi-Allianz setzt sich dafür ein, das "vollständig geimpfte Kind“-Konzept in jeden Rahmenvertrag für die Entwicklungsziele nach 2015 zu integrieren. Eine Impfkampagne gilt als Behelfsindikator für die Qualität eines Gesundheitssystems. Laut WHO ist es auch ein Indikator dafür, ob es Gesundheitsleistungen für alle gibt und eine Benchmark für das Recht auf eine lebensrettende Operation. Die Millenniumsziele sollten sich deshalb auf Kinder konzentrieren, die nur teilweise oder überhaupt nicht von Impfungen erreicht werden. Eine 90 prozentige Abdeckung von allen grundlegenden Impfungen sollte das Ziel sein. Die Indikatoren könnten dann durch Umfragen in Haushalten auf einer “Pro-Kind-Basis“ gemessen werden.

Einige Gesundheitsexperten sagen, dass ein allgemeines Gesundheitskonzept nicht einfach definiert werden kann. Es wird nicht darauf eingegangen, welche spezifischen Gesundheitsleistungen abgedeckt sein sollen. Momentan erfassen nicht alle Regierungen, welche Leistungen im Gesundheitswesen erbracht werden und welche finanziellen Absicherungen es gibt. Das macht eine Untersuchung schwierig, da keine vergleichenden Indikatoren vorhanden sind.

Finanzierungsschwierigkeiten

Kritiker der Millenniumsziele fragen sich, wie eine umfassende Gesundheitsversorgung erreicht werden kann, wenn gleichzeitig der Anteil der öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA) am Bruttonationaleinkommen der entwickelten Länder fällt. Bei der letztjährigen Prüfung der Entwicklungsausgaben hat die EU-Kommission festgestellt, dass die Mitgliedsstaaten keine Fortschritte bei der Erfüllung der vorgegebenen Millenniumsziele gemacht haben. Diese sehen Ausgaben von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe vor.

Einige EU-Staaten prüfen die Möglichkeit einer Einbindung der Privatwirtschaft in den Bereich der öffentliche Entwicklungshilfe. Private Investitionen sollen dann dem Land angerechnet werden, von dem sie ausgingen. Konzerne wie Philips investieren massiv in die Gesundheitsversorgung Afrikas. Diese Projekte könnten die Entwicklungshilfe auf die geforderten 0,7 Prozent hieven. Doch zusätzliche Finanzhilfen wird das nicht mit sich bringen. Es stellt sich die Frage, woher die zusätzlichen Finanzmittel kommen sollen, die eine allgemeine Gesundheitsversorgung Realität werden lassen.

Hilfsausgaben sind in der EU weit verbreitet. Doch einige rechtsextreme Gruppierungen fordern in ihren Europawahlkampagnen zunehmend, dass das für Entwicklungshilfe bestimmte Geld zu Hause ausgegeben werden sollte. Gleichzeitig will die Gavi-Allianz im Mai ein Gutachten vorlegen, das die finanziellen Mittel aufzeigt, die dem “globalen Süden“ zur Verfügung gestellt werden müssen um Krankheiten zu besiegen, die durch Impfung verhindert werden könnten.

Die Weltgesundheitsorganisation sagt, dass die weltweiten Immunisierungsprogramme “zusammenbrechen“, wenn Gavi die benötigten Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt werden. Die Impfprogramme müssten für mindestens fünf Jahre dauerhaft durch Entwicklungshilfe unterstützt werden. Die Kommission betont, dass die EU der größte Geber bleibt und dass die Gesamtausgaben für Entwicklungshilfe gleichbleibend sind. Außerdem stellt sie fest, dass die Gelder für Impfschutzsprogramme im Dezember 2013 erst wieder aufgestockt wurden. Gavi hingegen erwartet eine weitere Aufstockung. Finanzielle Engpässe seien momentan das Hauptproblem. Diese seien natürlich auf die Sparmaßnahmen in EU Ländern und deren finanzielle Folgen zurückzuführen. Die Kommission erwartet keine Änderungen im Mehrjährigen Finanzrahmen (2014-2020) für die Zeit nach den Europawahlen.

Positionen

Dagfinn Høybråten, Vorstandsvorsitzender der Gavi Allianz sagte gegenüber EurActiv, dass seine Gruppe die Einführung neuer Impfstoffe gegen Pneumokokken-Erkrankungen und Durchfallerkrankungen “massiv“ vorantreiben will. Gavi, eine öffentlich-private Partnerschaft, konzentriert sich auf Länder wie Nigeria oder Indien, oder auch Somalia und Afghanistan. Weniger Geld von den Geberländern sei jedoch ein “großes Problem“ für ihre Arbeit.  Høybråten sagte: “Sparmaßnahmen, Budgetprozesse und die finanziellen Folgen der Wirtschaftskrise sind große Herausforderungen für uns. Im Frühjahr werden wir noch einmal um substantielle Unterstützung für die nächsten fünf Jahre bitten, damit wir diese weltweite und sehr vielversprechende Gesundheitskampagne fortsetzen können. Das wird nicht einfach, wenn man sich die derzeitige wirtschaftliche Lage vieler Geberländer ansieht. Aber wir glauben, dass wir eine der besten Alternativen im Bereich Entwicklung sind: sehr geringe Kosten stehen sehr wirkungsvollen Eingriffen gegenüber, die das Leben vieler Kinder und ganzer Bevölkerungsgruppen retten. "

Eine noch größere Herausforderung seien die Auswirkungen des dynamischen Entwicklungsmodells von Gavi. Der Vorstandsvorsitzende sagte: “Wenn es Wirtschaftswachstum in den südlichen Ländern gibt – und wir sind froh, dass das der Fall ist – werden diese Länder [die Programme] mitfinanzieren müssen, da sie irgendwann nicht mehr zur Gruppe der Länder mit niedrigem Einkommen gehören. Wir werden sie nicht für immer unterstützen. Wir helfen den Ländern dabei, ihre eigenen Möglichkeiten zu verbessen und genug Geld zu verdienen, um ein eigenes grundlegendes Gesundheitssystem aufzubauen, damit einige Länder die Gruppe der Länder mit niedrigem Einkommen verlassen können. Das ist gut, weil es die Dynamik des Modells zeigt. Gleichzeitig müssen wir jedoch sicherstellen, dass diese Länder Zugang zu fairen Preisen [für Impfstoffe] haben und auf andere Weise unterstützt werden, damit die höhere Impfschutzrate, die wir erreicht haben, erhalten bleibt.“ Es würden große Anstrengungen unternommen, um einen wirtschaftlichen und wirksamen Impfstoff gegen Malaria zu finden, betonte Høybråten. Gavi “ist bereit“, einen solchen Impfstoff in seine Programme aufzunehmen, sagte er. Dies würde bald geschehen. “In fünf Jahren werden wir eine komplett andere Situation haben. Hoffentlich können wir in unserem nächsten Fünfjahresplan für Gavi Entscheidungen treffen, die eine wirtschaftliche  Einführung eines Malariaimpfstoffs ermöglichen.“

Allgemeiner gefasst sagte er: “Der Markt für Impfstoffe hat sehr wenige Spieler und der Wettbewerb nimmt zu, was die Preise in den Keller treibt. Unser Markteinstieg als weltweit größter Käufer von Impfstoffen hat langfristige, vorhersehbare Rahmenbedingungen für Investitionen in neue Impfstoffe, deren Produktion sowie den Aufbau neuer Industrien in Ländern mit niedrigem Einkommen geschaffen. Das gibt uns die Möglichkeit, den Markt zu beeinflussen und sicherzustellen, dass wir niedrigere Preise bekommen.“

Høybråten sagte außerdem, dass es “entscheidend” wäre, Millenniumsziele zu Gesundheitsthemen zu haben. ”Ich hätte gerne einige ansprechende Ziele, die das Recht auf eine grundlegende Gesundheitsversorgung für alle garantieren. Wir konzentrieren uns auf jedes Kind – aber es ist für alle Personen. Ein Indikator könnte das vollständig immunisierte Kind sein – das die Impfstoffe bekommt, die für alle erhältlich sind. Die allgemeine Impfung aller Kinder ist unser oberstes Ziel. Das ist sicherlich sehr ehrgeizig, aber wenn ich zurückblicke auf das, was im letzten Jahrzehnt erreicht wurde, wissen wir jetzt, wie wir es durch öffentlich-private Bemühungen schaffen können und indem wir mit der Industrie, den Zivilgesellschaften und den UN-Organisationen zusammenarbeiten.“  

Veronique Lorenzo, Chefin der Abteilung Gesundheit und Bildung des Generaldirektorats Entwicklungszusammenarbeit der Europäischen Kommission, sagte, dass "für uns ein übergreifendes Ziel zur Förderung der allgemeinen Gesundheitsversorgung Sinn macht. Das bedeutet nicht alles für jeden vom ersten Tag an. Es ist ein langer Weg und jedes Land muss entscheiden, welche Teile der Bevölkerung, für was und für wieviel Geld abgedeckt wird. Aber es ist sicherlich der vielversprechendste Weg für einen verbesserten Zugang für die ärmsten Teile der Bevölkerung.“ Kinder- und Müttersterblichkeit könnten als Indikatoren und Unterziele fungieren, genau wie die infektionsbedingten Krankheiten. Ihrer Meinung nach war es zu früh, um diese Details zu besprechen.

Gegenüber EurActiv sagte sie, dass Gavi die Agenda für weltweite Immunisierung bestimmt. “Wir kommen sehr gut mit der Immunisierung voran und Gavi war sehr erfolgreich. Es ist eine sehr erfolgreiche Organisation geworden, die in den ersten zehn Jahren 120 Millionen Menschen erfasst hat und diese Zahl in den nächsten fünf Jahren beibehalten wird, also hatten sie große Erfolge bei den Gebern. Das Problem ist, dass man mehr als die Finanzierung und das Produkt braucht. Die Impfstoffe sind ein wichtiger Baustein. Um aber diese Bemühungen nachhaltig aufrechtzuerhalten, muss man ein Gesundheitssystem aufbauen und das ist es, was wir machen, wenn wir nicht die Immunisierungsprogramme unterstützen: der Aufbau einer Lieferkette, Lieferservice, Managementinformationssystem und die Ausbildung von Fachkräften.“

Ein weiteres Thema, auf das sie hinwies, ist, dass Impfschutzbemühungen möglicherweise Ressourcen aus anderen wichtigen Bereichen abziehen könnten. "Bill Gates [ein zentraler Gavi-Geldgeber] ist nur an der Polioausrottung interessiert und die Bekämpfung aller Krankheiten ist eine andere Größenordnung", sagte sie. "Sie unterliegt einer anderen Logik wie die systematische Immunisierung." Impfschutzkampagnen seien ein "Teilbereich der Gesundheit" und wenn Geld dafür gesammelt würde, könnte das "zum Schaden anderer Teilgruppen sein. Impfschutz ist sicherlich ein Teilbereich, der es geschafft hat, immer Geld zu sammeln und ich denke nicht, dass sich dies ändern wird."

"Einige zivilgesellschaftliche Gruppen würden sagen, dass Gavi mehr tun könnte, dass es immer mit denselben Anbietern verhandelt und dass es sehr nahe an den Pharmakonzernen ist, was Interpretationsspielraum lässt“, fügte sie hinzu. Die größte Diskussion gab es ihrer Meinung nach über die Ausgrenzung der Länder mit mittlerem Einkommen und vielen Armen von den Impfprogrammen. "Gavi hat eine Obergrenze für die Unterstützung der Länder mit niedrigem Einkommen. Aber wie können wir für diese Länder den Übergang gestalten ohne die Menschen dabei zu verlieren?"

Die Ausbreitung resistenter Malariastämme war eine Sorge der Kommission, obwohl diese im Moment nur in den Grenzregionen von Thailand, Myanmar und Kambodscha anzutreffen sind. Lorenzo sagte, dass seit zwanzig Jahren über einen Impfstoff gegen Malaria gesprochen wird, wollte sich aber nicht dazu äußern, wie wahrscheinlich die Entwicklung eines Impfstoffs ist.

Dr. Jean-Marie Okwo-Bele, Direktor des weltweiten Impfschutzprogramms der Weltgesundheitsorganisation, sagte, dass die in Kürze veröffentlichten WHO-Statistiken bestätigen, dass der Impfschutz fast überall stagniert. Weltweit liegt er bei 83 Prozent. "Wenn wir den Impfschutz von Kindern in Betracht ziehen, ist das nicht gut genug, denn es zeigt, dass es große Diskrepanzen innerhalb der Länder gibt. So wird es noch schwieriger, unsere Ziele im Bereich der Krankheitskontrolle und Krankheitsbeseitigung zu erreichen. Wenn das Potenzial der vorhandenen Impfmittel ausgeschöpft werden soll, muss sich die Weltgemeinschaft die Höhe der Mittel für Impfschutz genau anschauen. Unter den weltweiten öffentlichen Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit und für die Reduzierung der Sterblichkeit sind Impfungen ebenso wichtig wie der Zugang zu [sauberem] Wasser. Durch Impfungen allein können 2,5 Millionen Todesfälle verhindert werden.“

Die wichtigsten Fragestellungen der WHO für die politischen Diskussionen zum Thema Impfschutz waren deshalb laut Okwo-Bele: “Wie können wir diejenigen erreichen, die derzeit keinen Zugang zu Impfstoffen haben und wie schaffen wir es, dass Länder die nötigen Mittel haben, um auf dem Markt befindliche Impfstoffe zu bekommen, die dem Großteil der Bevölkerung helfen?“

Dieser allgemeine Zugang sollte ein Grundprinzip für alle Interventionen im Bereich Gesundheit sein und nicht nur Teil der Millenniumsziele. Okwo-Bele sagte außerdem: “Manchmal schauen wir auf die Möglichkeiten der Impfstoffproduktion und sehen, dass genug für alle da ist. Wir messen die Leistung von Impfungen für die ganze Bevölkerung und nicht für Teilgruppen. In beinahe allen Entwicklungsländern ist der Zugang zu Impfstoffen zum Zeitpunkt der Impfung gegeben. Diese Punkte sollten bei den allgemeinen Erfassungszielen berücksichtigt werden.“  

Drei bis fünf Hersteller würden für die langfristige Gewährleistung einer ausreichenden Menge erschwinglicher Impfstoffe genügen. "Ich würde die Gebergemeinschaft dazu auffordern, zu schauen, wie Gavi darüber hinaus unterstützt werden kann und an anderen Mechanismen zu arbeiten, zum Beispiel an der Errichtung eines Fonds zur Zugänglichkeit von Impfstoffen für mehr Menschen", sagte er.

Von größter Bedeutung sei, dass "wir auf allen Niveaus Verantwortlichkeiten schaffen. Man muss wissen, was man für sein Geld bekommt und man muss quantifizieren können, in welchem Maße man die gewünschten Ergebnisse bekommt, denn Impfstrategien sind bekannt. Die Mittel dafür sind mehr oder weniger vorhanden – natürlich finde ich, dass wir mehr bekommen sollten – doch der eigentliche Flaschenhals ist es, sicherzustellen, dass die Gesundheitsbehörden in den Zielländern in der Lage sind, die benötigten Impfstoffe zu liefern und andere Maßnahmen durchzuführen. Die Ausweitung des Gesundheitswesens ist nicht einfach – deshalb sprechen wir von allgemeiner Erfassung – und man muss den Impfschutz Gebiet für Gebiet vorantreiben, damit alle den Strom, die Kapazitäten, die Rohstoffe und die Infrastruktur für eine zuverlässige Lieferung der Impfstoffe haben", sagte Okwo-Bele. Außerdem sollte in Ländern wie dem Tschad mehr geleistet werden.

Finanzierungsengpässe würden den Erfolg der Impfschutzbemühungen gefährden. "Sobald Mittel von Gavi abgezogen werden, wird das Programm zusammenbrechen", sagte er. "Die Mehrheit der von Gavi unterstützten Länder hängt leider von genau dieser Hilfe ab." Teilweise habe das damit zu tun, dass die Regierungen noch dabei sind, zusätzliche Mittel für Impfkampagnen bereitzustellen. Außerdem sagte er: "Manchmal stellen die Länder keine Mittel dafür bereit und verlassen sich auf die Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (ODA). Mindestens für die nächsten fünf Jahre muss Entwicklungshilfe für Impfungen aufgewendet werden und die Beiträge jedes Landes für die Impfprogramme müssen schrittweise angehoben werden. Das Zuzahlungssystem funktioniert."

Ein Sprecher des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) teilte gegenüber EurActiv Deutschland schriftlich mit: "Der Impfschutz ist eines der besten Investitionen in künftige Generationen mit Auswirkungen, die weit über die Gesundheit des einzelnen Kindes hinausgehen. Es wird nun für die Partnerländer und internationale Gebergemeinschaft wichtig, für eine ausreichende Finanzierung zu sorgen, um gemeinsam die erzielten Fortschritte zu konsolidieren und auszuweiten. Indem danach gestrebt wird, jedes Kind überall zu erreichen, fördern Impfschutz-Programme Gesundheit und sozio-ökonomische Gerechtigkeit innerhalb und zwischen Ländern. Investitionen in Impfstoffe sind essenziell, um das Ziel der Eliminierung extremer Armut zu erreichen, sowie zum Erreichen der Millenniumsentwicklungsziele."

Obwohl der aktuelle MDG-Rahmen im nächsten Jahr endet, könne dennoch noch "eine Menge" erreicht werden, heißt es vom BMZ mit Verweis auf den Kampf darum, die Kindersterblichkeit zu reduzieren. "Eine dramatische Veränderung fegt über die Dritte Welt. Neue Impfstoffe gegen die schlimmsten Formen der zwei größten Verursacher von Kindersterblichkeit, die Lungenentzündung und Durchfall, werden rasch in die Regelprogramme zum Impfschutz eingeführt. Deutschland unterstützt die Einführung dieser lebesrettenden Impfstoffe im aktuellen MDG-Rahmen, im Einklang mit der Agenda der Gavi."

Die Zahl der Kinder, die drei Dosen des Impfstoffs DTP3 erhalten, sei das stellvertretende Maß für die Stärke von Routineprogrammen zum Imfpschutz gewesen, seit die WHO das Erweiterte Impfprogramm (Expanded Programme on Immunization - EPI) im Jahr 1974 gestartet hat. "Seitdem hat sich die weltweite DTP3-Abdeckug verbessert und erreicht nun vier von fünf Kindern weltweit. Jedoch wurden neue lebensrettende Impfstoffe im letzten Jahrzehnt entwickelt und den ärmsten Ländern der Welt zur Verfügung gestellt. Aber nur 5 Prozent der Kinder in der Welt haben alle diese Impfstoffe erhalten. Daher kam die Idee auf, über DTP3 als Standard-Messwert für den Erfolg eines Routine-Impfschutzprogramms hinauszugehen und einen neuen und ehrgeizigen Indikator einzuführen: ein vollständig immunisiertes Kind."

Damit das geschehe, erfordere es "eine gleichmäßige Versorgung mit geeigneten Impfstoffen zu einem erschwinglichen Preis, ein robustes Gesundheitssystem mit solidem Monitoring und Evaluierungssystem sowie ausgebildetes Gesundheitspersonal und eine starke politische Führung, um sicherzustellen, dass Menschen weltweit weiterhin in der Lage sind, diese lebensrettenden Impfstoffe zu verlangen und Zugang zu ihnen haben." Deutschland hat die internationalen Bemühungen hierzu unterstützt, indem das Engagement für Gavi von 10 Millionen auf 30 Millionen Euro zwischen den Jahren 2011 und 2012 erhöht wurde.

"Von schlecht ausgebildeten Gesundheitsfachkräften und schlecht ausgestatteten Krankenhäusern bis zu dem Mangel an Daten, um Fortschritte zu beobachten und fehlenden Kühlschränken zur Lagerung von Impfstoffen, stellen schwache Gesundheitssystem eine kritische Barriere dar, um den Zugang zum Impfschutz zu erhöhen", erklärt das BMZ. Deutsche Hilfe ziele so auf programmatische und finanzielle Unterstützung ab, um Gesundheitssystem zu stärken. "Das deutsche Engagement für Gavi spielt bei diesen Bemühungen eine zentrale Rolle. Vor Gavi stagnierte die Abdeckung, Entwicklungsländer kämpften darum, Impfkampagnen aufrecht zu erhalten, Hersteller investierten nicht in die Lieferung von Impfstoffen in die ärmsten Teile der Welt. Mit Gavi erreichen Impfstoffe nun immer mehr Kinder und schützen immer mehr Leben. Zum 30. November 2013 hat die Allianz 863 Millionen US-Dollar für Länder zur Stärkung der Gesundheitssysteme eingesetzt."

Zeitstrahl

19. Mai 2014: Beginn der Weltgesundheitsversammlung der WHO in Genf
Mai 2014: Voraussichtliche Gavi-Veröffentlichung zur Einschätzung des Finanzierungsbedarfs für die nächste Periode
2015: Auslaufen der Millenniumsentwicklungsziele, Verabschiedung der Nachfolge-Agenda
2015: Deadline für die Erreichung des 0,7-Prozent-Ziels
2015: Treffen des Beratungsausschusses für das Malaria-Programm und der WHO-Expertenberatungsgruppe, frühstmögliche Lizenzierung einer neuen Malaria-Impfung
2016: Nächste Runde der Gavi-Impfungen
2018: Planmäßige Ausrottung der Kinderlähmung, Auslaufen des "Strategic Endgame Plan"
2019: Geplante Lizenzierung einer neuen Malaria-Impfung
2025: Erklärte Deadlline des von UNICEF und der WHO getragenen Globalen Aktionsplans gegen Lungenentzündung und Durchfallerkrankungen (GAPPD) um Kindstode durch diese vermeidbaren Krankheiten zu verhindern