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29/09/2016

World Vision: Mangelnde humanitäre Hilfe steigert Hunger im Süd- und Ostafrika

Entwicklungspolitik

World Vision: Mangelnde humanitäre Hilfe steigert Hunger im Süd- und Ostafrika

Ein Kind, das an schwerer, akuter Unterernährung leidet, in einer Klinik von World Vision im Südsudan.

[WorldVision]

El Niño, Klimawandel, alte Lücken in der Entwicklungshilfe: Die humanitäre Hilfe kann mit den Bedürfnissen in den östlichen und südlichen Teilen Afrikas nicht Schritt halten, warnt der aktuelle Bericht von World Vision. Die Folge: Jetzt schon unterernährte Kinder müssen noch mehr hungern. EurActiv Brüssel berichtet.

Sheri Arnott ist Direktorin für Forschung, Politik und Strategie der Nahrungsmittelhilfe bei World Vision International.

Was ist die eigentliche Forderung des World-Vision-Berichts?

Der Bericht ruft zur Bewusstseinsbildung darüber auf, dass Entwicklungshilfelücken Einfluss auf tatsächliche Menschenleben haben. Er betont, dass es sich um reale Menschen, auch um schutzbedürftige Menschen handelt, deren Leben auf unterschiedliche Weise schwer beeinträchtigt wird, was andere Menschen vielleicht nur schwer nachvollziehen können. Es geht auch darum, dass die Gemeinschaft für humanitäre Hilfe nicht in der Lage ist, dem stetig wachsenden Bedarf gerecht zu werden.

Das ist also ein wichtiger Teil des Berichts. Ein anderer essentieller Aspekt besteht darin, den Hunger leidenden Menschen Gehör zu verschaffen.

Außerdem muss man sich dessen bewusst werden, dass wir mehr Geld benötigen, um diese Lücken zu schließen. Andererseits sollten wir auch Änderungen in der Übertragungsart von Fördermitteln erwägen und darüber nachdenken, die Programme langfristig widerstandsfähig zu machen – auf zweierlei Wegen.

Zum Beispiel müssen wir sicherstellen, dass Menschen die Fördermittel erhalten, bevor sie vollständig in eine Krise stürzen. Um der Unterernährung vorzubeugen, verkaufen sie ihr gesamtes Vermögen und verlieren dadurch ihre Nutztiere oder schicken die Kinder nicht mehr zur Schule. Das ist auch ein Teil des Problems: der Verlust des sozialen Netzwerkes. Je tiefer die Menschen fallen, umso schwieriger wird es für sie, wieder auf die Beine zu kommen.

Ich meine, in dem Bericht steht, dass wir vor der größten Finanzierungslücke der letzten zehn Jahre stehen. Ist das korrekt?

Jedes Jahr startet das UN-Büro zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) einen Appel über eine gewisse Summe an Geldern. Das Büro koordiniert die weltweite humanitäre Hilfe – einen bestimmten Dollar-Betrag.

Dort sagen sie, X ist in etwa die Anzahl der Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen, und ausgehend von unseren bestmöglichen Schätzungen sind das die voraussichtlichen Kosten.

Die gehen dann an die Regierungen und Geldgeber. Die EU-Kommission sieht sich die Zahlen an und sagt sich : „So sieht also der Förderbedarf aus. Wir werden hierzu einen Beitrag von X leisten.“

In einem Aufruf wird also eine Summe festgelegt und die Geldgeber machen entsprechende Zusagen zur Deckung des Bedarfs. Wenn wir also von einer Finanzierungslücke sprechen, dann geht es zunächst um den geschätzten Bedarf und die dafür notwendigen Mittel und dann schließlich darum, wie viele Mittel die Geldgeber tatsächlich zur Verfügung stellen.

Die resultierende Differenz ist dann die Finanzierungslücke. Eigentlich waren die Geldgeber relativ großzügig. Die Mittel der humanitären Hilfe sind konstant gestiegen – ebenso wie jedoch auch der Bedarf, also die benötigte Fördersumme in Dollar.

Wo genau wirken sich diese Engpässe besonders aus?

Das ist eine sehr schwierige Frage, da es eigentlich überall Folgen hat. Der Bericht erwähnt in diesem Zusammenhang Somalia, den Niger und die Demokratische Republik Kongo. Dort zeigten unsere Daten die schwerwiegendsten Konsequenzen für unsere Programme. Diese drei Länder müssen in Sachen Zusatzernährung starke Einschnitte verkraften wie zum Beispiel bei den Programmen für Schulessen.

Um das Ganze etwas genauer abzugrenzen – es bedeutet nicht, dass Krisen wie die in Syrien alle nötigen Finanzmittel erhalten. Selbst die größte Krise mit der höchsten medialen Aufmerksamkeit steht vor enormen Finanzierungslücken.

In den drei genannten Ländern macht jede noch so geringe Lücke einen großen Unterschied. Wie versuchen dann die Gelder umzuverteilen. Aber wenn man sich mal die tatsächlichen Bedarfssummen der einzelnen Länder anschaut, wird einem schnell klar, dass eigentlich jedes davon mit fehlenden Geldern zu kämpfen hat.

Der Bericht geht vor allem auf die Folgen für Kinder ein.

Wir haben herausgefunden, dass diese Länder – der Niger und die DRK – beim UN-Entwicklungsindex HDI (Human Development Index) den vorletzten und letzten Platz belegen. Das bedeutet, dass sie von 186 Ländern die schlechtesten Entwicklungsergebnisse erzielt haben. Aus Somalia gibt es nicht einmal genug Daten, um das Land in den Index aufzunehmen. Hier ist die Situation also noch schlimmer.

Wir dachten, die ärmsten Staaten hätten die schlechtesten Entwicklungsergebnisse und bräuchten die Hilfsgelder am ehesten – nur das diese dort eben nicht ankämen.

Zur Zeit ist es unsere Priorität, Leben zu retten. Zum Beispiel gibt es viele Menschen in Flüchtlingslagern, die dringend Nahrung brauchen, um überhaupt zu überleben. Ein gewisser Anteil der Mittel geht also an solche Hilfsarbeit. Man denke dabei an Syrien oder die Flüchtlingslager in Kenia. Diese Arbeit hat bei der humanitären Finanzierung Vorrang – zu Recht.

Das geht natürlich zulasten eines anderen Teils der Arbeit, bei dem man Menschen dabei hilft, wieder auf die Beine zu kommen und die langfristigen Folgen humanitärer Krisen abzuschwächen. Kommen wir zurück zur Zusatzernährung, die sich ganz speziell an Kinder richtet. Sie verhindert, dass diese an SAM (schwerer, akuter Unterernährung) erkranken, einer Krankheit, die ihre Sterbewahrscheinlichkeit verneunfacht. Den Ursachen hierfür können wir eigentlich vorbeugen.

Wir wissen, dass Kinder vor allem in ihren ersten zwei Lebensjahren besonders stark betroffen sind. Das hat bleibende Folgen. Es gibt Programme gegen bleibende Schäden aufgrund von Unterernährung und die Folgen mangelnder Bildung. Wenn ein Kind in einem Land lebt, das sich seit fünf oder zehn Jahren in einer Krise befindet (Somalia steckt in gewisser Weise seit 40 Jahren in einer Krise), und keinen Zugang zu Bildung hat, sind seine langfristigen Perspektiven sogar noch schlechter.

Was ich sagen will ist, dass wir die Ressourcen umverteilen. Vorrang haben lebensrettende Maßnahmen. Dadurch steht weniger Budget dafür zur Verfügung, den Menschen zu einem eigenständigen Leben zu verhelfen. Das hat tiefgreifende und schwerwiegende Folgen.

Der Bericht nimmt mehrfach Bezug auf El Niño in den östlichen und südlichen Teilen Afrikas. Das zeigt doch, dass der Klimawandel diese Probleme bereits jetzt schon verschärft, oder?

Das ist ein gutes Argument. Wir versuchen, darauf aufmerksam zu machen, dass die am stärksten von El Niño betroffenen Länder, die mit ernsthaften Hunger- und Ernährungsproblemen sind. Wir wissen auch, dass diese Klimaphänomene einen enormen Einfluss auf das Leben der Menschen haben, auch wenn wir die Personen oder Folgen nicht exakt benennen können. Das lässt sich momentan im Süden Afrikas und in Äthiopien deutlich beobachten. Die Auswirkungen klimabedingter Ereignisse wie El Niño und die Folgen des Klimawandels allgemein werden schon bestehenden Schwachstellen noch weiter zusetzen.

Wir sind uns bewusst, dass Investitionen in Katastrophenschutz ein sehr relevantes Thema sind. Ich glaube, ich habe einmal gehört, dass ein Dollar in den Katastrophenschutz sieben Dollar absichert. Warum investieren wir also nicht frühzeitig, um dieses Problem anzugehen? So können wir nicht nur Menschenleben und Lebensgrundlagen retten; es wäre auch langfristig kosteneffizienter.

Sie haben den Bericht im EU-Parlament lanciert. Eines ist mir aber noch nicht ganz klar: An wen genau richtet sich die Forderung, mehr Hilfsgelder bereitzustellen?

Der Bericht soll verschiedene Zielleserschaften erreichen. Das können die Geldgeber wie zum Beispiel die kanadische Regierung oder die EU sein. Letztere stellt weltweit riesige Summen zur Verfügung. Die EU ist einer der Hauptakteure und immer sehr großzügig gewesen. Vor Kurzem hat die EU noch mehr Gelder für die El-Niño-Hilfe gegeben. Wir bitten vor allem die EU-weiten humanitären Geber um höhere Fördersummen – das muss man allerdings immer im Zusammenhang mit den Interventionsarten und dem Interventionsbedarf sehen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle des Teufels Advokaten spielen: Warum sollte die EU finanziell Ländern helfen, die sich in einem schrecklichen Zustand befinden und unter chaotischen, korrupten, inkompetenten Regierungen leiden, die Bürgerkriege führen? Ein europäischer Steuerzahler könnte sagen, dass wir mit der Eurokrise und den Flüchtlingen doch genug eigene Probleme haben.

Im europäischen Kontext würde ich diesbezüglich sagen – ohne zu reaktionär wirken zu wollen – die Syrienkrise vor Europas Haustür ist teilweise darauf zurückzuführen, dass wir keine langfristigen Lösungen in der Region haben finden können. Weder politische Lösungen, noch zur Sicherung der Lebensgrundlage.

Außerdem gibt es jetzt weltweit mehr Flüchtlinge denn je. Was die europäische Öffentlichkeit angeht, sind die von uns errichteten Grenzen, unabhängig von den moralischen und menschlichen Aspekten, eher künstlich. Als würde man denken: Ein Problem dort drüben, ist kein Problem hier. Die Syrienkrise zeigt jedoch, wie sich solche Probleme ausbreiten können, über Grenzen hinweg. Es liegt also auch in unserem Interesse, die Krise einzudämmen. Andererseits, müssen wir diesen Aspekt ja gar nicht weiter hervorheben. Was zählt, ist die menschenrechtliche Perspektive und dass wir als verantwortungsbewusste Weltbürger handeln.

Weitere Informationen

Vollständiger Bericht [PDF-Download]: "World Vision - Where There Is No Food Assistance"