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30/07/2016

Weltbank: Migration führt zu Win-win-Situation für die Welt

Entwicklungspolitik

Weltbank: Migration führt zu Win-win-Situation für die Welt

Philip Schellekens, Autor des Globalen Monitoring-Berichts 2015/2016 der Weltbank. [Georgi Gotev]

Mittel- und langfristig profitiert die Welt von mehr Migration. Dies erklärte Philip Schellekens von der Weltbank EurActiv in einem exklusiven Interview am Tag der Veröffentlichung des Globalen Monitoring-Berichts 2015/2016.

Philip Schellekens ist Chefökonom der Weltbankgruppe.

Die Weltbank veröffentlichte am 6. November ihren Globalen Monitoring-Bericht 2015/2016 unter dem Titel “Development Goals and Era of Demographic Change” (Entwicklungsziele und die Ära des demografischen Wandels). Sie sind Ko-Autor. Können Sie uns erklärten, wie ein solcher Bericht verfasst wird? Auf welche Quellen stützt man sich? Gibt es politische Vorschriften? Gibt Ihnen jemand eine gewisse Perspektive vor?

Der Globale Monitoring-Bericht ist ein partnerschaftliches Projekt des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank unter Beteiligung der OECD und multilateraler Entwicklungsbanken. Das Thema kam in der Forschungsabteilung auf, weil es in den letzten 30 Jahren keinen Weltbankbericht zum demografischen Wandel gegeben hat. In diesem Zeitraum haben sich die demografischen Trends dramatisch verändert. Noch vor einigen Jahrzehnten lag die durchschnittliche Wachstumsrate der Weltbevölkerung bei zwei Prozent. Jetzt beträgt die sie nur noch ein Prozent und 2050 wird sie bei 0,5 Prozent liegen. Die Weltbevölkerung altert in Rekordgeschwindigkeit. 2012 erreichte der Bevölkerungsanteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter mit 66 Prozent seinen Höchststand. Seitdem ist die Entwicklung rückläufig und die Gesamtzahl der Kinder weltweit pendelt sich bei etwa zwei Milliarden ein.

Der demografische Wandel ist also dramatisch. Die heutigen Trends unterscheiden sich sehr stark von denen vor 30 Jahren. Doch auch unsere Art über Demografie nachzudenken hat sich verändert. In der Vergangenheit sorgte man sich über Bevölkerungsexplosionen. Jetzt haben sich die Entwicklungen geändert, ebenso wie die entsprechenden Theorien. Daher sieht man Demografie heutzutage als Entwicklungsmotor. Mit den richtigen Maßnahmen kann sie nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen mit sich bringen. Auch die Welt selbst hat sich durch die zunehmende Globalisierung sehr stark verändert. Der demografische Wandel wird mit mehreren anderen globalen Faktoren interagieren: den liberaleren Kapitalflüssen, den stark globalisierten Handelsströmen und der erhöhten Zahl von Wanderarbeitern. Auf der Arbeitsmarktseite ist deutlich größeres Potenzial vorhanden als in der Vergangenheit – auch wenn es sich hierbei immer noch um den restriktivsten Bereich von allen handelt.

Aus diesen Gründen entschieden wir uns für einen Bericht zum demografischen Wandel. Im zweiten Teil stützen wir uns auf die jüngsten UN-Bevölkerungsprognosen vom Juli 2015. Der erste Teil des Bericht beschäftigt sich hingegen mit Armut, Ungleichheit und geteiltem Wohlstand. Grundlage der Schlussfolgerungen hier waren Daten von Haushaltserhebungen aus über 100 Ländern.

Sie sagten, Demografie könne mit den richtigen Maßnahmen zu einem Entwicklungsmotor werden. Könnten Sie diese Aussage noch weiter ausführen?

Die globale Demografie ist in Bewegung. Oberflächlich betrachtet, gibt es eine stark alternde Gesellschaft und nur langsames Bevölkerungswachstum. Die tieferreichenden Entwicklungen sind jedoch sehr vielfältig. Also haben wir in diesem Bericht eine neue Typologie des demografischen Wandels ausgearbeitet. Dabei haben wir die Welt in vier Länderkategorien unterteilt. Die erste Gruppe stellen Länder mit zukünftiger demografischer Dividende dar, in denen Frauen in der Regel mehr als vier Kinder zur Welt bringen. Hierzu zählt Beispielsweise der Niger, wo Frauen derzeit durchschnittlich 7,6 Kinder haben. In diesen Ländern erwartet man, dass der Anteil der Bevölkerungsgruppe im erwerbsfähigen Alter bis 2030 zunehmen wird.

Dann gibt es Länder mit baldiger Dividende. In diesen liegt der Geburtendurchschnitt bereits bei unter vier Kindern pro Frau und zahlreiche junge Menschen werden sehr bald auf den Arbeitsmarkt treten. Dort haben sie die Möglichkeit, von der ersten demografischen Dividende zu profitieren. Es kommt also zu einem vorübergehenden Wirtschaftsaufschwung, weil mehr Menschen ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Äthiopien.

Die dritte Gruppe setzt sich aus Ländern mit Restdividende, wie Brasilien, zusammen. Dort altert die Gesellschaft rasch. Auch die Geburtenrate ist abgefallen. Dementsprechend wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2030 aller Wahrscheinlichkeit nach sinken.

Schließlich gibt es noch die Länder, die ihre demografische Dividende bereits fast komplett aufgebraucht haben. Die Geburtenrate liegt unter dem Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern pro Frau.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass die Welt nicht nur einen starken, sondern vor allem auch einen extrem vielfältigen demografischen Wandel aufweist – um einiges vielfältiger als in der Vergangenheit. Die alternden Länder altern schneller denn je. Das zeigen die Grafiken ganz deutlich. Die ersten beiden Ländergruppen stehen für 90 Prozent der weltweiten Armut. Sie sind auf Entwicklung angewiesen, um diese Armut zu senken. Doch die Motoren des weltweiten Wachstums geraten aufgrund der demografischen Trends immer mehr ins Stottern. Wir wollen zeigen, dass länderspezifische Maßnahmen eine ganz entscheidende Rolle spielen. Für die Länder mit zukünftiger Dividende ist es besonders wichtig, die Geburtenraten zu senken. So kann man Mädchen eine bessere Bildung bieten, wirksamer Aufklärungsarbeit zur Verhütung leisten, effektivere Gesundheitsprogramme durchführen und die Rolle der Frau stärken. All diese Aspekte sind von essenzieller Bedeutung.

Die Länder mit baldiger Dividende werden bald einen großen Ansturm junger Menschen auf den Arbeitsmarkt erleben. Hier hat es oberste Priorität, diese Einsteiger mit den notwendigen Fähigkeiten auszustatten und ihnen genügend Arbeitsplätze zu bieten. Andernfalls schafft man politische und soziale Instabilität, wie zum Beispiel beim Arabischen Frühling.

Länder mit Restdividende stehen vor der großen Herausforderung, das Produktivitätswachstum aufrechtzuerhalten. In Brasilien sorgt das schrumpfende Bevölkerungswachstum für starken Gegenwind. Daher muss man hier Wachstum vor allem durch Innovation schaffen.

Die Länder ohne nennenswerte Restdividende sollten ihre Politik und ihr Sozialsystem an das Altern anpassen, damit dieser Alterungsprozess produktiv und gesundend wirken kann. Da die Lebenserwartung der Menschen steigt, wird man letztendlich auch das Renteneintrittsalter erhöhen müssen. Auch die Sozialsysteme müssen sich weiterentwickeln, um in Zukunft beständig zu sein. Ebenso muss man das Gesundheitswesen an die neuen Bedingungen anpassen. Wichtig ist also die Verlagerung des gesamten Spektrums an Sozialdienstleistungen weg von der Bildung, die vor allem in einer jüngeren Gesellschaft von großer Bedeutung ist, hin zur Gesundheitsversorgung. Diese muss man an die veränderte Epidemiologie, die sich in manchen Ländern zeigt, anpassen.

Die Demografie bietet der Welt die große Arbitragemöglichkeit, enger in den Bereichen Kapitalströme, Handel und vor allem Migration zusammenzuarbeiten. Daher ist dieser Bericht als Aufruf zur verstärkten Öffnung dieser drei Dimensionen zu sehen. Denn wenn sich der demografische Druck ungleich verteilt, stellt dies eine ungeheure Chance für grenzüberschreitende Migrationsströme dar. Sich weiter zu öffnen, bringt dementsprechend enorme globale Wohlfahrtsvorteile mit sich. Hierfür ist jedoch auch eine stärkere Globalisierung der Arbeitsmärkte erforderlich.

Sollte man den historischen Flüchtlingsansturm in Europa also als Chance verstehen?

Vor allem für die Aufnahmestaaten stellen die hohen Flüchtlingszahlen eine wertvolle Möglichkeit dar, gegen den Trend der alternden Bevölkerung anzukämpfen. Diese große Chance besteht völlig unabhängig von den Migrationsgründen. Flüchtlinge aufzunehmen ist nicht nur moralisch richtig, sondern auch gut für die Wirtschaft.

Ist das nicht von Nachteil für die Herkunftsländer?

Das ist ein weit verbreiteter Fehlschluss. Die ernstzunehmenden Studien zu diesem Thema unterscheiden zwischen den Auswirkungen auf Nicht-Migranten in den Aufnahmeländern, auf Nicht-Migranten in den Herkunftsländern und auf die Migränen selbst. Der Fachliteratur zufolge profitieren die Migranten selbst am meisten, da sich ihr Einkommen über Nacht verdreifacht. Dieses Einkommen hängt jedoch weniger von der eigenen Herkunft, als viel mehr vom Arbeitsland ab.

Was die Herkunftsstaaten angeht, so spielt der Qualifikationsgrad der Migranten eine große Rolle. Sind sie gering qualifiziert und kommen aus einem Land mit Arbeitskraftüberschuss, fallen die Kosten sehr niedrig aus. Komplizierter wird es bei qualifizierter Abwanderung. Doch selbst hier stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß die Abwanderung von Fachkräften die Produktivität des Herkunftslandes beeinträchtigt. Das lässt sich nicht immer eindeutig sagen. Unklar ist außerdem, ob es überhaupt zum Verlust von Humankapital kommen wird. Denn man spricht in diesem Zusammenhang oft von “Brain gain”, dem Zuwachs qualifizierter Arbeitskräfte. Ermöglicht man Migration, schafft man einen Anreiz für die Menschen, sich besser zu bilden. So gelingt ihnen der Übergang in ein anderes Land, was also einen Vorteil darstellt.

Insgesamt ist mehr Migration also für die ganze Welt mittel- und langfristig von Vorteil. Das ist das klare Schlussfolgerung unseres Berichts, der den wachsenden unterschiedlichen demografischen Druck weltweit beschreibt. Es wird zunehmend Spannungen zwischen den ärmeren Ländern, den Zentren der weltweiten Armut, und den reicheren Ländern, den Motoren des globalen Wachstums, geben. Letztere verzeichnen eine sinkende Zahl an Menschen im erwerbsfähigen Alter. Der Welt bietet sich nun die Möglichkeit, vermehrt zusammenzuarbeiten – mit Migration als Kernstück.