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26/09/2016

ONE-Deutschland-Direktor: „Der Kampf gegen den Hunger braucht mehr Investitionen“

Entwicklungspolitik

ONE-Deutschland-Direktor: „Der Kampf gegen den Hunger braucht mehr Investitionen“

Tobias Kahler, Direktor von ONE Deutschland, schlägt "Score Cards" zur Überprüfung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) vor. Foto: ONE

Die internationale Gemeinschaft feiert den Welternährungstag – doch mit Blick auf die Zahl der Hungernden darf es keinen Grund zum Feiern geben, warnt Tobias Kahler, Chef der Kampagnenorganisation ONE in Deutschland. Nach der Verabschiedung der globalen 2030-Agenda brauche es nun zügig einen Mechanismus, der sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer in die Pflicht nimmt.

Tobias Kahler leitet das Deutschland-Büro der Kampagnenorganisation ONE. ONE ist eine Kampagnenorganisation und setzt sich für die Bekämpfung extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten ein. Mitbegründer von ONE ist U2-Frontsänger Bono. Der Welternährungstag findet jedes Jahr am 16. Oktober statt und soll darauf aufmerksam machen, dass weltweit viele Millionen Menschen an Hunger leiden.

EurActiv.de: Laut dem aktuellen Welthunger-Index ist die Zahl der hungernden Menschen seit dem Jahr 2000 um 27 Prozent auf 795 Millionen zurückgegangen. Eigentlich ein erfreulicher Trend, oder?

KAHLER: Die Erfolge sind auch ein Verdienst der Millennium-Entwicklungsziele. Eines der Ziele war die Halbierung der Zahl hungernder Menschen im Zeitraum von 1990 bis 2015. Dieses Ziel wurde erreicht. Allerdings sind 795 Millionen immer noch eine erschreckend hohe Zahl. In Subsahara-Afrika ist sogar jeder Vierte von Hunger betroffen.

Zudem leiden über zwei Milliarden Menschen an Mangelernährung, dem sogenannte versteckten Hunger. Dieser führt bei rund 160 Millionen Kindern zu Konzentrations- und irreversiblen Wachstumsstörungen, die eine Schulbildung und ein späteres gesichertes Einkommen erheblich erschweren. Das wiederum macht es den Betroffenen nahezu unmöglich, sich aus eigener Kraft aus dem Teufelskreis von Armut und Hunger zu befreien. Mangelernährung ist mitverantwortlich für knapp die Hälfte aller Todesfälle von Unter-Fünfjährigen in Entwicklungsländern. Es gibt also nicht den geringsten Anlass, sich auf gemachten Fortschritten auszuruhen.

Ruht sich die internationale Staatengemeinschaft denn auf gemachten Fortschritten aus?

Das wird sich zeigen. Die Vereinten Nationen haben Ende letzten Monats die 17 Globalen Ziele für Nachhaltige Entwicklung beschlossen. Ziel Nummer Zwei beinhaltet die endgültige Beendigung des Hungers bis 2030. Auch die G7-Staaten haben sich darauf geeinigt, bis 2030 500 Millionen Menschen aus chronischem Hunger zu führen. Das alles sind begrüßenswerte Ankündigungen, aber auch richtige Mammutaufgaben, die nur bewältigt werden können, wenn sich die Staats- und Regierungschefs der UN sowie der G7 auf einen konkreten Fahrplan mit verbindlichen Maßnahmen einigen. Ohne einen Mechanismus, der die gemachten Zusagen überprüft, können wir noch lange auf ein Ende von Hunger warten.

Wie soll ein solcher Mechanismus aussehen?

Vorstellbar wäre beispielsweise die Einführung sogenannter Score Cards. Also von Berichtsbögen, die anhand verschiedener Indikatoren aufzeigen, welche Fortschritte einzelne Länder bei der Erfüllung der Globalen Ziele wie der Beendigung von Hunger machen. Durch ein Ampelsystem könnte man das leicht veranschaulichen und gleichzeitig aufzeigen, wo die Länder mit ihren Versprechen hinterherhinken. Wenn diese Score Cards öffentlich einsehbar sind, können die Bürgerinnen und Bürger sowie Parlamente und Journalisten Druck auf ihre Regierungen ausüben, damit sie Rechenschaft ablegen. Die Berichtsbögen sind aber nur eine Möglichkeit, gemachte Zusagen zu überprüfen. Am Rande der Expo, die derzeit in Mailand stattfindet, erörtert ONE heute mit Entwicklungsexperten aus aller Welt, wie ein Überprüfungsmechanismus aussehen kann.

Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor, um Hunger zu beenden?

Nehmen wir die Region Subsahara-Afrika: Wir wissen, dass dort Investitionen in den Agrarsektor elfmal so effektiv sind wie Investitionen in anderen Bereichen bei der Bekämpfung extremer Armut. Zugleich aber wird hier zu wenig Geld eingebracht. Hier sind zum einen Industrieländer wie Deutschland gefragt, ihren Versprechen nachzukommen, 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Entwicklungshilfe aufzuwenden. Aktuell liegt Deutschland bei gerade einmal 0,4 Prozent. Zum anderen stehen aber auch die Staaten der Afrikanischen Union in der Pflicht, ihre Landwirtschaft gezielt zu fördern. Vor über einem Jahr haben sie sich auf das sogenannte Malabo-Versprechen geeinigt. Bis 2025 wollen die Staats- und Regierungschefs der AU 10 Prozent ihrer Haushaltsmittel für Agrarförderung aufwenden, um unter anderem die landwirtschaftliche Produktion zu verdoppeln und Ernteausfälle zu halbieren.

Zudem muss endlich die Bedeutung von Frauen im Kampf gegen Hunger anerkannt werden. Wir haben festgestellt, dass bis zu 150 Millionen Menschen aus chronischem Hunger befreit werden können, wenn Frauen den gleichen Zugang zu landwirtschaftlichen Produktionsmitteln erhalten wie Männer. Eines ist sicher: Kein Programm zur Hungerbekämpfung wird Erfolg haben, wenn Frauen nicht gestärkt werden, sowohl rechtlich als auch wirtschaftlich. Auch hier gilt: Wir brauchen konkrete Maßnahmen und einen öffentlichen Überprüfungsmechanismus. Mit Vereinbarungen alleine ist noch niemand aus Hunger und Armut befreit worden.