EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

28/07/2016

“Nach Ebola kommt die Hunger-Krise”

Entwicklungspolitik

“Nach Ebola kommt die Hunger-Krise”

Die Ernten in den Ebola-Gebieten verrotten – laut IFAD-Präsident Kanayo F. Nwanze steuer Westafrika auf eine Hungerkrise zu. Foto: C. Schubert (CCAFS)

Etlichen Ländern in Westafrika droht ein Kollaps der Nahrungsmittel-Systeme – eine verheerende Folge der Ebola-Epidemie, warnt Kanayo F. Nwanze, Präsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), im EurActiv-Interview. Die bevorstehende Hunger-Katastrophe könnte auch Europa zu spüren bekommen.

Der Nigerianer Kanayo F. Nwanze ist Präsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), einer 1977 gegründeten Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN) mit Sitz in Rom. Bei seinem Besuch in Berlin hat Nwanze mit der KfW-Entwicklungsbank ein Rahmenabkommen in Höhe von 400 Millionen Euro unterzeichnet. Die Mittel setzt IFAD für ländliche Investitionen in sogenannten Middle Income Countries ein, um dort eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion zu erzielen.

EurActiv.de: Als IFAD-Präsident engagieren Sie sich für die Belange von Kleinbauern in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wie sehr hat sich deren Leben durch die Ebola-Epidemie verändert?

NWANZE: Ebola ist eine große Herausforderung für die Gesundheit Tausender Menschen. Aber mittlerweile hat die Seuche auch verheerende Folgen für die Nahrungsmittelproduktion in den betroffenen Ländern Guinea, Sierra Leone und Liberia. Kleinbauern in ländlichen Regionen lassen ihre Felder verrotten – aus Angst, sich mit Ebola anzustecken, oder einfach weil sie bereits erkrankt oder gestorben sind. Obendrein hat die Epidemie auch Auswirkungen auf den Binnenhandel.

Was meinen Sie damit konkret?

Nehmen wir das Beispiel Guinea. In den Bergregionen produzieren die Bauern in großen Mengen Zwiebeln, die sie bisher über die Grenze in den Senegal exportiert haben. 2013, bis September, verkauften sie dorthin rund 250 Tonnen. Dieses Jahr waren es bisher nur 22 Tonnen. Der Grund: In Senegal steigen die Preise, während sie in Guinea stark einbrechen. Und dazu kommen noch Handelsbeschränkungen, weil die Grenze temporär geschlossen wird.

Sie weisen damit aber auf langfristige Probleme hin, die nicht von heute auf morgen gelöst werden können. Wäre es nicht erst einmal wichtiger, die Ebola-Epidemie einzudämmen?

Natürlich. Erste Priorität ist und bleibt die Soforthilfe gegen Ebola. Nur so können wir verhindern, dass sich noch mehr Menschen anstecken. Aber was den betroffenen Ländern und den benachbarten Regionen droht ist eine zweite Krise: Hunger. Die Menschen werden kaum mehr Zugang zu Nahrung haben, weil es einfach kaum mehr Nahrung auf dem Markt geben wird, weil Ländereien nicht mehr kultiviert werden, weil Ernten auf den Feldern verenden. Und was dann? Sollen die Menschen Sand essen? Die Krise nach Ebola wird eine Krise der Nahrungsmittelknappheit sein.

Was muss die Weltgemeinschaft denn tun?

Zuerst einmal müssen wir in den betroffenen Ländern Schlüsselinstitutionen wie Krankenhäuser stärken. Darüber hinaus müssen wir aber auch unsere Arbeit, unsere bestehenden Programme in den Ländern besser koordinieren. Und uns stärker darauf konzentrieren, die Bauern bei dem Anbau zu unterstützen und die Menschen zu beraten, sich gut zu ernähren.

Wir müssen unsere finanziellen und politischen Ressourcen ernsthaft aufstocken, um etwa die ländliche Infrastruktur, Technologien und Finanzinstitutionen in den Ländern zu verbessern. Wir springen von einer Krise zur nächsten. Stattdessen brauchen wir nachhaltige Antworten, welche die ländlichen Bevölkerungen wappnen gegen gesundheitliche und klimatische Katastrophen.

Viele Europäer denken sich jetzt: “Was hat das mit mir zu tun.” Was sagen Sie denen?

Was einen kleinen Ort wie Timbuktu betrifft, das betrifft auch Berlin, New York, Rom und London. Es geht um Migration. Menschen, die sich nicht mehr ernähren können, gehen das Risiko ein und fliehen unter anderem in Richtung Europa.

Seit den 1970er Jahren ist sich die IFAD treu geblieben mit dem Motto: “Der Schlüssel im Kampf gegen den Welthunger sind Kleinbauern in ländlichen Regionen.” Wann werden Sie von der Politik eigentlich mal gehört?

Ich muss sagen, seit Kurzem werden wir gehört. Unsere große Chance ist jetzt das kommende Jahr, wenn sich die Weltgemeinschaft auf neue Entwicklungsziele einigt. In dem vorläufigen Entwurf betrifft das zweite Ziel der Sustainable Development Goals (SDGs) die nachaltige Entwicklung im ländlichen Raum und die Situation der Kleinbauern. Hoffentlich wird das so bleiben, hoffentlich wird die Politik auch in fünf Jahren noch über dieses Thema sprechen. Denn wir haben unsere Arbeit noch lange nicht getan. Entwicklungspolitik braucht ihre Zeit.

Sind Sie also zufrieden mit dem, was etwa Europa gegen den Welthunger unternimmt?

Jedes Land kann definitiv mehr unternehmen, mehr Ressourcen aufwenden. Aber ich sage Ihnen: Das wichtigste ist, dass die betroffenen Länder selbst Verantwortung übernehmen. Sie müssen mehr politischen Willen zeigen und mehr Geld investieren, etwa für den Aufbau der Infrastrukturen. Nur wenn Bemühungen aus den Ländern selbst kommen, tragen auch die entwicklungspolitischen Leistungen der Weltgemeinschaft ihre Früchte.