Olympionike: „Äthiopien könnte zu einem zweiten Libyen werden“

Feyisa Lilesa kreuzt die Arme über dem Kopf, um gegen die Unterdrückung seines Volkes zu protestieren. [Matt Tempest]

EXKLUSIV / Äthiopien sorgte diesen Sommer für Negativschlagzeilen, als Olympionike Feyisa Lilesa mit gekreuzten Armen die Ziellinie überquerte – ein Zeichen des Protests gegen die Unterdrückung von Minderheiten in seinem Land. EURACTIV Brüssel berichtet.

Seit den Olympischen Spielen ist viel passiert. Die äthiopische Regierung hat den Notstand ausgerufen, da Sicherheitskräfte des Landes laut Human Rights Watch und Amnesty International mindestens 500 Demonstranten getötet haben sollen. Im Gespräch mit EURACTIV letzten Monat weigerte sich der äthiopische Botschafter in der EU, eine offizielle Zahl an Todesopfern zu nennen. In einem Exklusivinterview mit Feyisa Lilesa erfahren wir jedoch, dass inzwischen mehr als 1.000 Menschen umgekommen seien und sich sein Land in einen Libyen-ähnlichen Bürgerkrieg verstricken könnte. Der Athlet will bald politisches Asyl beantragen.

[Das Interview wurde mithilfe eines Dolmetschers geführt.]

EURACTIV: Als ich letzten Monat mit dem äthiopischen Botschafter in der EU gesprochen habe, hat er öffentlich zugesichert, dass Ihnen und Ihrer Familie nichts geschehen werde. Glauben Sie ihm?

Feyisa Lilas: Das ist doch genau das, was sie immer sagen. Wenn ich zurückkehre, könnte ich umgebracht oder verhaftet werden.

Soll die Geste, die Sie mit Ihren Armen vor laufenden Kameras in Rio gemacht haben, das Kreuz auf einem Stimmzettel symbolisieren? Äthiopien ist ja zumindest in der Theorie eine Demokratie.

Nein. Es ist die Geste, die mein Volk macht, wenn wir der Polizei zeigen, dass wir unbewaffnet sind. Hat man seine Hände in den Hosentaschen riskiert man, erschossen zu werden. Wir wollen damit ausdrücken, dass unsere Demonstrationen friedlich sind und dass wir faktisch alle Gefangene [in Äthiopien] sind.

Warum sind Sie heute hier in Brüssel?

Um mit Abgeordneten des EU-Parlaments über die Situation in Äthiopien zu sprechen. Außerdem habe ich mich mit dem Kabinettschef des Parlamentspräsidenten getroffen. Das war sehr erfolgreich.

Und wie ist Ihre persönliche Situation im Moment?

Ich habe noch kein politisches Asyl beantragt. Zwei Wochen nach den Olympischen Spielen in Rio bin ich langfristig in die USA gegangen.

Hat die äthiopische Regierung Ihre Freunde und Verwandten bisher in irgendeiner Weise bedroht?

Ich mache mir wirklich große Sorgen um meine Familie. Wir leben etwa 60 Meilen westlich der Hauptstadt Addis Abeba entfernt in der Oromia-Region. Sie könnten uns auf ganz unterschiedliche Weise indirekt angreifen. Nur ein Prozent meiner Familie gehen arbeiten. Meine Schwägerin zum Beispiel ist Journalistin. Vor zwei Wochen wurde ihr gekündigt – völlig ohne Grund. Sie gehen mit anderen Mitteln gegen uns vor.

Der Kern des Problems in Äthiopien scheint darin zu bestehen, dass das Land zwar theoretisch eine Demokratie ist, die Tigray jedoch im Vergleich zu den Oromia- und Amhara-Völkern übermäßig viel Macht besitzen, oder?

Ja. Das Land ist, wie Sie sagen, offiziell eine „Demokratie“. Dennoch dominieren sie [die Tigray] die Hauptregierung, das Militär, die Verteidigung, die Polizei und die Wirtschaft.

Ausgehend von dem, was Sie aus Ihrem Heimatland hören – wie viele Demonstranten sind schätzungsweise in den letzten 18 Monaten umgekommen?

Oromia ist eine sehr große Region – wahrscheinlich so groß wie zwei oder drei europäische Länder zusammen. Es gibt jedoch kein weitreichendes Straßennetzwerk und kaum Infrastruktur. Daher ist es schwierig, genaue Zahlen zu bekommen. 500 ist meiner Meinung nach viel zu niedrig angesetzt. Ich würde sagen, es sind mindestens 1.000.

Was denken Sie als Stimme und Gesicht des Oromia-Volkes, könnte man tun, um die Frage der Repräsentation zu lösen?

Die Forderungen der Öffentlichkeit sind eigentlich überhaupt nicht kompliziert. Sie verlangen Gleichberechtigung, die Achtung der grundlegenden Menschenrechte und einen gerechten Zugang zu Ressourcen.

Glauben Sie, dass man das ohne weiteres Blutvergießen erreichen kann?

Ich bin sehr besorgt. Optimistisch zu sein, fällt mir zur Zeit wirklich schwer. Am Anfang der Demonstrationen [Ende 2015] war ich noch ein oder zwei Wochen lang zuversichtlich. Relativ bald ist jedoch die Regierung gegen uns vorgegangen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Äthiopien könnte zu einem zweiten Libyen werden.

Was wäre Ihr größter Albtraum?

Am meisten Angst habe ich, dass die Regierung diese Art von Konflikt schürt, um weitere Spannungen zwischen den Amhara, Tigray und anderen Gruppen zu schaffen. Das könnte die Lage in der Region noch verschärfen.

So war es schon, als ich zur Schule gegangen bin. In der neunten Klasse sind drei meiner Freunde vom Regime getötet worden. Das setzte sich fort bis 2014. Das Epizentrum lag westlich von Addis Abeba. Dort gab es schwere Zwischenfälle, Mord, Unterdrückung und Exil.

Im letzten Jahr wurde die Unterdrückung besonders schlimm – auch während meines Trainings. Ich hatte keine Arbeit, nur mein Training. Drei Monate vor Rio fragte man mich, ob ich Teil des Olympischen Team werden wolle. Da habe ich dann beschlossen, meine Geste zu machen.

Wie sieht Ihr Leben im Moment aus?

Ich lebe derzeit in Arizona und habe die Genehmigung, vorerst in den USA zu bleiben. Laufen ist mein Job, mein täglich Brot. Die im Exil lebenden Äthiopier haben mich sehr unterstützt. Sie haben mir mit meinem Visum geholfen und Geld für mich gesammelt.

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